
Montag, 17. Juni 2024
Um es vorweg zu nehmen: Josselin ist wirklich entzückend, selbst im Regen. Da haben die Reiseführer wirklich nicht übertrieben. Das Schloss, die Wallfahrtskirche – eine Basilika minor, der Fluss = Kanal, das Städtchen, alles ganz großartig! Auch wir „erliegen dem Zauber des Dorfs“ wie der Lonely Planet schreibt.
Das Dorf hat ca. 2.500 Einwohner und war Sitz der Grafen von Rohan (aus dem Herrn der Ringe 🤔), eigentlich ist es das immer noch, denn im Schloss leben deren Nachkommen. Aus dem Plan erkennt man deutlich, dass der Ort früher gut befestigt war, die Umrisse der Bastionen sind gut zu erkennen.

Josslin war bedeutend aufgrund in seiner verkehrsgünstigen Lage am Fluss Oust, schon in gallo-römischer Zeit führt hier ein Handelsweg durch, und es wurden große Märkte abgehalten. Der Fluss wurde, wie viele andere, im 19. Jahrhundert zum Kanal (Nantes – Brest) ausgebaut, heute ist er Freizeitgewässer.

Daneben war Josselin Wallfahrtsort und ist es bis heute: Am 8. September und an Pfingsten pilgern viele Gläubige zur Notre Dame du Roncier. Der Legende nach fand ein Bauer beim pflügen eine Muttergottesfigur und nahm sie mit nach Hause, woraufhin seine blind geborene Tochter wieder sehen konnte. Nachdem die französischen Revolutionäre die Marienstatue zerstört hatten, wurde ein neue angefertigte, die man in der Kirche anschauen kann.

Die Basilika geht auf das Jahr 1000 zurück, wurde aber – wie üblich – mehrmals umgebaut. Die Turmspitze entstand sogar erst 1949. Auf den Turm kann man hochsteigen, nach 138 Stufen ist man auf Höhe der Madonnenstatue – was wir selbstverfreilich tun, dafür ist ein Turm ja schließlich da.
Ist man oben, kann man schön runtergucken:



Auch das Innere der Basilika können wir besichtigen und der erste Eindruck ist: Weite! Das kommt wohl vom angebauten Seitenschiff. Vermutlich brauchte man Platz für die Pilger. Ungewöhlich sind auch die Deckengewölbe – die sind aus Holz – Kreuzrippengewölbe in den Seitenschiffen, ein Spitzbogengewölbe wie ein umgedrehter Schiffsrumpf im Hauptschiff.


Durch unsere Reisen und unsere Neugier erkennen wir auch sofort, dass diese Kirche vom Papst zur Basilica minor erhoben wurde – ein Ehrentitel für bedeutende Kirchen – erkennbar an dem gelb-roten Schirm neben dem Altar, dem Umbraculum (Schirmchen) oder Padiglione. Kennen wir aus Fritzlar 🤓.
Am meisten begeistert uns aber der Ort selbst: So dekorativ arrangierte Fachwerkhäuser haben wir bisher in Frankreich noch nicht gesehen 🤩. Man kann sich gar nicht daran sattsehen (und fotografieren). Überdies sind die Straßen mit hübschen bunten Wimpel-Girlanden geschmückt.




Selbst im Regen ansehnlich: Der Marktplatz. Der ist reichlich abschüssig, wie überhaupt hier alles recht steil ist: Bis zu 40 Meter liegt das Dorf über dem Fluss, da muss man erst mal rauf!

Im strömenden Regen beenden wir unsere Besichtigung – kaum sind wir am HoGo zurück, hört er auf. Da muss das Universum etwas durcheinander gebracht haben.
Wir brechen unsere imaginären Zelte in Josselin ab und fahren weiter Richtung Küste. Je näher man ihr kommt, umso größer und teurer werden die Campingplätze, einfache Stellplätze gibt es kaum. Wir peilen daher den Ort Névez an, der liegt für’s Fahrrad verkehrsgünstig ca. 10 Kilometer vom Strand und von anderen sehenswerten Ortschaften und steuern den Camping Fleuri an.


Nomen est omen und Beschreibung und Bewertung in Park4Night treffen zu: es ist ein herrlicher Platz, klein und schnuckelig und voller blühender Sträucher, Büsche, Rosen und Lavendel. Wir kommen uns vor, als stünden wir in einem Garten 🌺🥀🌹.

Wundervoll! Witzigerweise stellt sich auch noch heraus, dass die Eigentümerin ein Deutsche aus Frankfurt ist.


Am Abend öffnet der Himmel wieder seine Schleusen, aber das ist uns jetzt grad egal, wir haben unseren Standort gefunden, hier bleiben wir jetzt eine Weile und holen Versäumtes nach – Blog schreiben, Aufräumen (muss auch sein 🤷♀️), und viel Seele baumeln lassen. Wie die Katze auf dem Schild. Wenn das Wetter es zulässt, können wir von hier aus schöne Ausflüge unternehmen.

Seit Tagen begleitet uns hier in der Bretagne ein eher „durchwachsenes“ Wettergeschehen. Meistens ist es bewölkt, dann reißt die Wolkendecke mal kurz auf, um sogleich von einem heftigen Regenschutt abgelöst zu werden. Die letzte Nacht hat es komplett durchgeschüttet. Aktuell trocknen unsere Regenschirme und Capes in einem kleinen Sonnenloch.
Die Wetterprognosen von Meteo France und alternativ Wetter Online sind alles andere als zuverlässig. Als ob Petrus stündlich neu würfelt. Also schauen wir doch mal auf die Großwetterlage von Europa und deren Auswirkung auf die Bretagne.

Wetter.net schreibt dazu: „Hoher Luftdruck über Südosteuropa sorgt im Zusammenspiel mit tiefem Luftdruck über Skandinavien für warme bis heiße Wetterverhältnisse, die bis nach Mitteleuropa reichen. Die Tiefdruckgebiete aus Norden und Westen drücken jedoch dagegen und lösen teilweise kräftige Schauer und Gewitter aus“. So denn auch heute bei uns daheim.
Ein Tiefausläufer nach dem anderen mit Kern über dem Nordatlantik peitscht über Westeuropa und damit auch über die Bretagne mit dem üblichen Wettergeschehen. Kaltluftfront, Regen, dahinter Auflockerung, danach Warmfront, dahinter Auflockerung und so weiter …
Für die kommenden Tagen bessert Meteo France die Aussichten ein wenig auf. In uns keimt die Hoffnung, dass wir Ausflüge per Radel, natürlich mit Regencapes im Gepäck, nach Pont Aven und Concarneau unternehmen können.

Der DWD prognostiziert für Samstag Schauer über der Bretagne und auch daheim.

Aber dann, endlich … Meteo France gibt ab kommenden Sonntag bis Ende diesen Monats Sonne pur an … hoffentlich können wir Petrus‘ Würfel trauen.

PS: Soeben sind die trocknenden Regenschirme und Regencapes wieder einem spontanen Schauer ausgesetzt.