Mehr Moor: Soomaa Nationalpark

Freitag/Samstag, 3./4. Juli 2026: Ein paar wenige Pferde und viel Nass von überall

Auf dem Weg back to nature kommen wir in dem kleinen Ort Tori vorbei, der Großes hervorgebracht hat: Eine eigene Pferderasse, das Tori-Pferd (oder Torgelsches Pferd), das sich sogar anschickt, Weltkulturerbe zu werden.

Die Zucht begann Mitte des 19. Jahrhunderts, aus der Notwendigkeit bzw. dem Bestreben, ein Pferd „für das Bedürfnis des Bauernstandes“ zu erhalten. Als Grundstock griff man auf das zurück, was man hatte, den estnischen Klepper oder – etwas charmanter ausgedrückt – das Estland-Pony, ein genügsames kleines Pferd, dass aber den Ansprüchen (der Landbesitzer) nicht mehr gerecht wurde.

Größer sollte es sein, schneller und stärker, ausdauernd aber genügsam und neben der Arbeit vor dem Pflug oder der Kutsche auch als Reitpferd geeignet. Also kein Pferd, sondern eher eine eierlegende Wollmilchsau. Man kreuzte Ardenner, englisches Halbblut, Ostfriesen und sogar Orlow-Traber ein, mit mäßigem Erfolg. Erst der polnische Hengst Hetman brachte die Wende. Er ist der Stammvater der modernen Torizucht (weshalb auch die Hengstnamen bis heute auf „H“ beginnen).

Nach der Unabhängigkeit Estlands wurde das Gestüt verstaatlicht und 1920 das erste Stutbuch eröffnet. Auch unter der Sowjet-Herrschaft nach dem 2. WK ging die Zucht weiter und 1950 wurde das Tori-Pferd als eigenständige Rasse registriert. Heute ist das Gestüt dem estnischen Landwirtschaftsministerium unterstellt.

Mangels Nachfrage aus der Landwirtschaft wird das Tori Pferd bereits seit den 60erJahren verstärkt zu einem leichteren Sportpferd – insbesondere für den Springsport – umgezüchtet.

All das und noch viel mehr erfahren wir im Museum des Gestüts.

In die Ställe dürfen wir natürlich nicht hinein, so kriegen wir nur zwei Pferde zu Gesicht, eine junge Stute, bei der Ausbildung vor der Kutsche und einen Wallach, der sich auf einem Paddock langweilt. Ein hübscher Kerl, der zudem seinem Vorfahr Hetman wie ein Ei dem anderen ähnelt.

Die meisten Tori-Pferde sind Füchse, oft mit Blesse und weißen Beinen.

Unser nächster Anlaufpunkt ist das Infozentrum des Soomaa Nationalparks, das von außen gar nicht wie ein solches ausschaut, von drinnen dafür umso mehr!

Sehr modern, mit VR-Brillen und sehr informativ. Wir erfahren z.B. dass es weltweit mehr als 280 Arten Torfmoos (Sphagnum) gibt, wovon 40 in Estland vorkommen.

Soomaa heißt wörtlich „Sumpfgebiet“, der Nationalpark umfasst vier große Moore, Flussauen, große Überflutungsflächen mit Seen, Bruchwäldern, Sumpfwäldern und Feuchtwiesen. Es ist das wichtigste Feuchtgebiet im Südwesten von Estland mit einer hohen Anzahl geschützter Arten. Darunter eine nicht unerhebliche Anzahl an Blutsaugern 😨. Von den 38 bekannten Moskitoarten kommen hier gefühlt 59 vor.

Erfreulich ist hingegen, dass man selbst mitten in der Pampa 5G-Netz mit 2 Balken hat 🌐📶!

Wir machen einen kleinen Spaziergang auf dem Biberpfad, der direkt am Infozentrum beginnt und tauchen ein in eine Welt aus üppigem Grün und allgegenwärtigem Wasser (und einer ganzen Menge der erwähnten Stecher 🦟). Zur Zeit der Schneeschmelze steht hier das Wasser bis zu einem Meter hoch, es ist die 5. Jahreszeit in Soomaa, und ohne ein Kanu ist man aufgeschmissen!

Biber bekommen wir nicht zu Gesicht, aber sehr wohl die Spuren ihre Schaffens, durchgenagte Bäume und massenweise Baumstämme quer über dem Bach.

Wie lange der Biber wohl dafür gebraucht hat 🤔

In all dem Grün entdecke ich das Baltische Knabenkraut, die Waldhyazinthe (die auch auf Dünen wächst) und – fast ein wenig unscheinbar neben den fürnehmen Orchideen, den Hain-Wachtelweizen mit seinen auffallend violetten Hochblättern und den gelben Blüten.

Wir machen uns dann auf den kurzen Weg zum ausgesuchten Campingplatz, aber dort gefällt es uns (vor allem mir) gar nicht – mitten auf dem Präsentierteller auf einer nackten Wiese und dafür 30 Euro 😑 -, also leeren wir unsere WC-Kassette in das dafür vorgesehene Loch und trollen uns davon. Nur 2 Kilometer weiter finden wir ein lauschiges Plätzchen am Flussufer, mit Badesteg und Feuerstelle – für umme. Einer von zahlreichen kleinen Rastplätzen des RMK, hier sogar mit Trockentoilette und Übernachtungshütte. Wir bilden am End hier eine kleine Kolonie aus 3 deutschen und einem schweizerischen Paar.

Selbstverständlich waren wir im Fluss baden. Eindeutig kälter als die Ostsee!
Von Pärnu (C) in den Nationalpark Soomaa auf den RMK Meiekose, 57 km

In der Nacht pladdert der Regen auf das HoGo-Dach, aber der Samstag Morgen ist dann doch recht freundlich.
Nach etwas Frühsport und einem weiteren Bad im Fluss (für Volker) setzen wir 3 Kilometer um zum Beginn der kleinen Wanderung auf dem Ingatsi-Moorpfad.

Erst mal geht es gut einen Kilometer durch den umgebenden Wald – auch der ist schon sehr, sehr feucht und steht im Frühjahr immer unter Wasser. Entsprechend findet man hier Schwarzerlen, Ulmen, Pappeln und Birken (Birken halten scheinbar alles aus). Dazwischen wächst hoher Schachtelhalm, der in den Sonneninseln leuchtet.

Das Ingatsi Moor ist das höchste Hochmoor Europas: 8 Meter ragt es über die umgebende Landschaft empor – Torfmoos auf Torfmoos über Torfmoos. Und so stehen wir dann plötzlich vor einem steilen Abhang aus Torf – hier beginnt ganz unvermittelt das Moor.

Einen Überblick kann man sich vom 8 Meter hohen Aussichtsturm verschaffen, Moor soweit das Auge reicht, aber seine wahren Schätze erkennt man von hier aus nicht.

Da sind zum einen die Pflanzengesellschaften, klein und unscheinbar zeigen sie ihre Schönheit erst bei genauem Hinsehen. Rosmarinheide, Sauergräser, Torfmoos in allen Farben und wieder Unmengen Sonnentau. Volker gibt alles!

Aber der Star ist Drosera heute nicht! Das allerschönste an diesem Moor sind seine Augen! Fast kreisrunde Tümpel, in deren abgründig-schwarzem Wasser die Welt auf dem Kopf steht. Es ist unfassbar schön!

In diesen Mooraugen darf man sogar baden! Leider haben wir keine Badesachen dabei; wir wollten da einfach nackig reinhüpfen. Allerdings haben wir nicht damit gerechnet, dass der Moorpfad so beliebt ist. An den beiden Badestellen tummeln sich Einheimische und nackt baden ist nicht 🤷‍♀️!

Also trollen wir uns zurück zum HoGo. Von unterwegs bringen wir noch eine Auswahl an Kandidaten für das AoD mit.

Dann verabschieden wir uns von Soomaa und fahren ca. 100 Kilometer weiter, um uns in eine gute Ausgangsposition für die nächsten Tage zu bringen. Bei der Gelegenheit stellen wir zum wiederholten Mal fest, dass die Straßen in Estland wirklich prima in Schuss sind. Auch die Nebenstraßen sind schlaglochfrei, gut markiert und zum Teil sogar mit schönen Alleebäumen bestanden.

Heute geht es dann mal nicht in die Wildnis, sondern auf einen sehr schönen Stellplatz in einem großen Feriendorf, von dem man aber nix mitbekommt. Es ist grün und leer und ruhig, von Donnergrollen und Regenschauern mal abgesehen. Grillen fällt somit ins Wasser – dabei wäre das Equipment exklusiv vor Ort.

Also brutzele ich uns indoor einen schönen Burger mit Fritten und heute gibt es dann doch noch mal Fußball – Kanada gegen Marokko zur günstigsten Spielzeit um 20 Uhr. Schönen Gruß an Abi 👋.

Aus dem Soomaa Nationalpark (D) geht es heute nach Ermistu (E), 104 km

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert