Pärnu am Pärnu jõgi

Mittwoch/Donnerstag 1./2. Juli: In Estlands Sommerhauptstadt (zeitweise ohne Sommer)

Am Mittwoch morgen gehen wir kurzerhand in die urige RMK-Kneipe frühstücken. Das Angebot umfasst pannkogid mit und ohne Marmeladenklecks, wir schlagen voll zu und nehmen mit!

Angelegentlich des Frühstücks rekapituliere ich meine rudimentären Estnisch-Kenntnisse:
Tere (sprich tärre, mit rrrrrr): Guten Tag *** aitäh (aittä!): Danke ***
palun: bitte *** tsau (tschau) heißt tschüs *** gut zu merken sind jah = ja und ei = nein *** eine kleine Herausforderung ist Auf Wiedersehen: nägimiseni (nähgimmissenni)
(das einfachere hüvasti sagt man nur, wenn man sich auf Nimmerwiedersehen verabschiedet)
Dann wird es lustig:
Fahrradweg heißt rattarada
Badestrand ist der supelrand
Feuerholz ist lõkkepuud oder köttepuu
und turbasammal ist Torfmoos (das kriegen wir aber erst später)

Betont wird grundsätzlich auf der ersten Silbe

Damit hat sich mein Wortschatz bereits erledigt (Volkers eh), aber ich arbeite dran. Estnisch ist schon eine hardcore-Sprache, verwandt mit dem finnischen, eine echte Herausforderung. Es klingt halt nach so gar nix, was unsereiner kennt. Als hätte ein Kleinkind auf der PC-Tastatur rumgespielt.
Über Dinge wie Grammatik zerbreche ich mir erst gar nicht den Kopp: Im estnischen gibt es 14 (vierzehn!) Fälle – aber keinen Akkusativ. Außerdem gilt : no future – es gibt nur Präsens und Vergangenheitsformen, keine grammatikalische Zukunftsform. Und keine Geschlechter, der Este hat also von Haus aus keinerlei Probleme mit Gendern.

Es geht etwa 2,5 Kilometer über bestens ausgebaute Holzstege

Wir haben uns als Zwischenstation eine kleine Wanderung in ein Moor ausgesucht. Ich liebe ja Moore! Und es ist mal was anderes als immer nur Strand und Dünen. *Räusper* am End geht es dann doch auf die Düne – siehe Treppe.

Am Anfang geht es noch durch den allgegenwärtigen Kiefernwald, der durch Austorfung und Trockenlegung des Moors (bis ins letzte Jahrhundert) vordringen konnte.

Auch hier schon allgegenwärtig DIE Pflanze des Hochmoors: Sphagnum (Torfmoos), auf estnisch turbasammal. Torfmoor heißt turbaraba 😂. Schon schön melodisch, dieses Estnisch!

Ganz viel Wollgras! Und Torfmoos.

Bald geht der Baumbestand zurück und vor uns liegt die typische, weite Moorlandschaft. Und in ihrer Mitte der offene Moorsee.

Auf dem Weg begegnen uns gleich zwei Tiere des Tages, eine Prachtlibelle, die sich auf den warmen Holzplanken aufwärmt und eine noch prächtigere Raupe des Nachtpfauenauges.

Einer aber stellt das heute in den Schatten: Der Sonnentau. So viel Sonnentau auf einmal hab ich noch nicht gesehen, immer wieder große rote Placken im Moor, quadratmetergroß.
Man muss schon genau hinschauen auf das kleine Pflänzchen, aber dann ist es wirklich ein Hingucker.

Drosera – ich nehme an intermedia

Sonnentau wächst auf nährstoff- speziell stickstoffarmen Böden und besorgt sich seinen Stickstoff als fleischfressende Pflanze aus dem Tierreich. Die Fangblätter haben Tentakel, die zuckerhaltiges Sekret absondern, an dem die angelockten Insekten kleben bleiben. Die Tentakel schließen sich um die Beute, das Fangblatt rollt sich ein und es werden Enzyme abgesondert, die das Insekt zersetzen. Nährstoffproblem gelöst!

Es geht zurück und – wie schon erwähnt – hoch auf eine große Düne, die der RMK mit einem prächtigen Aussichtsturm versehen hat.

Von dort oben (es sind 56 m über dem Meeresspiegel) hat man einen tollen Blick auf auf das gesamte Hochmoor. Außerdem finden wir noch einen clever versteckten Geocache, für den Volker sich ganz schön verrenken muss.
Über die lange Treppe geht es dann wieder runter zum Ausgangspunkt.

Wir nehmen dann Kurs auf Pärnu, wo wir allerdings auf dem Campingplatz erstmals nicht unterkommen. Die einzig freie Ecke ist uns dann doch zu schäbig, vor allem angesichts der 35 Euro, die wir dafür berappen sollen. Bei Plan B kommen wir dafür sehr schön zu stehen, auf einer Wiese unter Apfelbäumen sehr zentrumsnah und für nur 10 Euro. Strom, WC etc. ist zwar immer ganz nett, brauchen aber nicht wirklich.

Pärnu, das praktischerweise am gleichnamigen Fluss liegt, wurde um 1251 vom Deutschen Orden als Pernau gegründet, mit Ordensburg und allem drum und dran. Es war Hansestadt, kam 1617 zu Schweden und erlebte eine kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit (Universität!). Pärnu gehörte nach dem Großen Nordischen Krieg wie Litauen und Lettland ab 1721 bis nach dem 1. WK zum Zarenreich. Unter den Schweden und Russen wurde es zur Festungsstadt ausgebaut, ab dem 19. Jahrhundert baute man das dann wieder zurück und nutzte die frei werdenden Flächen für den Umbau zum Kurort mit Parks und Grünanlagen und einem 3 km langen Supelrand (siehe oben: Strand). Auch in sowjetischen Zeiten war Pärnu ein mondänes Seebad für die auch im Kommunismus existente Oberschicht. Es wurde 1996 zur „offiziellen Sommerhauptstadt“ Estlands ernannt und der Bürgermeister von Tallin übergibt jedes Jahr zum Saisonbeginn die Hauptstadtrechte symbolisch an den Bürgermeister von Pärnu.

Nur knapp 300m von unserem Standort (❌) beginnt (oder endet) der Stadtgraben, ehemals Teil der Stadtbefestigung (—-). Von hier fährt ein Ausflugsschiff und wir starten zu einem kleinen Törn auf dem Pärnu. Der ist zwar weder erschwinglich (kein Seniorenrabatt 😨) noch im entferntesten spektakulär, aber was soll’s. War trotzdem nett. Und exklusiv: Nur wir zwei und der Skipper.

Die heutige Strecke ist sehr übersichtlich.

Vom RMK Lemme (B) kurz hinter der Grenze zu Estland nach Pärnu (C), 56 km

Der Donnerstag beginnt regnerisch und trüb, mausert sich aber gegen Mittag zu einem angenehm sonnigen Tag. Wir besorgen erst mal in der Touri-Info Touri-Infos und besuchen dann – oh Wunder – das Uue Kunsti muuseum, das Museum für moderne Kunst.

Zum 23. Mal gibt es hier im Sommer die Ausstellung Mees & Naine (Mann & Frau) mit Aktbildern, die alle auch einen Bezug zum Meer haben. Manche sind wirklich schön:

Aber es gibt auch durchaus Fragwürdiges – vielleicht ist das ja genau die Absicht des Künstlers – ma waas es net. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sich jemand ein solches Bild in seine Wohnung hängen würde:

Das Werk heißt „Flugzeug“ – mir fallen da ganz andere Titel ein.
Ich muss an die schlimme Szene denken, als vor Jahrzehnten in der Pariser U-Bahn ein Exhibitionist auf uns zutorkelte – die Kinder waren damals noch klein und sehr geschockt. Und wir haben ihnen die Augen zugehalten.
Nun ja – ist halt Kunst und muss wohl auch nicht gefallen.

Eine weitere Sache irritiert mich, aber auf humorvolle Weise.
O-Ton Kunsti-Muuseum ->

Die Ausstellung wird nämlich musikalisch untermalt mit dem Lied, dass man als das „Friesenlied“ von Lale Andersen und Freddy Quinn kennt: „Wo die Nordseewellen …“. Was die Nordseeanrainer aber unterschlagen: Das Lied (bzw. den Text) haben sie geklaut, es hieß „Mine Heimat“ und bezog sich auf die Ostsee! Ost hin, Nord her, das klimpert in Dauerschleife und verursacht einen üblen Ohrwurm 😅.

Als wir aus dem Museum rauskommen, scheint die Sonne 🌞, und wir statten dem Denkmal der Ausrufung der Republik Estland einen kurzen Besuch ab. In der Tat wurde die Unabhängigkeit Estlands am 23. Februar 1918 nicht etwa in Tallin proklamiert, sondern hier in Pärnu, vom Balkon des Endla-Theaters, das im 2. WK zerstört wurde. Man hat den Balkon am alten Stadort des Theater als Denkmal nachgebildet.

Nach Kunst und History haben wir uns einen Kaffee verdient und den kriegen wir in RÜÜTLI. Nein, wir sind nicht in die Schweiz teleportiert worden, das heißt RITTER (eigentlich Ritterstraße, aber das Wort für Straße lassen die hier weg).

Neben vielen Cafés und Restaurants gibt es in Rüütli Straßenmusik und sehr viel Käsitöö 🤣. Das bedeutet Handarbeit – gestrickte Wollsocken, Häkeltiere, Leinenbeutel, geschnitztes Holzgedöns. Halt alles, was man so eher nicht braucht (nix gegen Wollsocken, aber doch nicht im Juli!).

Wer die Zeitung anfasst, erhält den ganzen Tag nur gute Nachrichten. Und tatsächlich greifen viele Passanten beim Vorbeigehen kurz an die Zeitung.

Volker ergattert nach mehreren vergeblichen Anläufen in LET und LAT endlich einen Termin beim Friseur und kommt frisch geschoren nach 45 Minuten wieder aus dem Salon. Zwischenzeitlich schlendere ich um den Block, schaue in die kleine, feine orthodoxe Katharinenkirche, begrüße den Zeitungsverleger und Nationalisten Johann Voldemar Jannsen (1819−1890), bewundere das Haus des Kaufmanns Mohr und entdecke das alte Rathaus.

Das Alte Rathaus liegt in der Neuen Straße, die wie vieles in Pärnu sehr beschaulich ist. Und sehr grün!

Auffallend sind die vielen Holzhäuser, die oft so ein klein wenig Wildwestcharakter ausstrahlen. Es sind aber auch sehr stattliche darunter.

Auch die anderen Gebäude können sich sehen lassen. Es sind aber keine so richtig protzigen dabei, alles ist sehr charmant und nicht überdimensioniert, zwei Etagen, Dach, fertig. Und – sofern es nicht roter Backstein ist – in hübschen, hellen Pastellfarben.

Nun komme ich zur Rubrik Animal of the Day und den Titel wollte ich eigentlich dem puscheligen dreisten Dohlenbaby verleihen, dass unverdrossen bei den Cafégästen um Futter gebettelt hat. Aber eigentlich gebührt die Ehre einem ganz anderen Tier: dem Elefant.

Überall in der Stadt begegnen sie einem, einfach so, auf dem Radweg, als Straßensperre, als Strandrutsche und sogar als Kekse in der Touri-Info. Der Elefant ist das inoffizielle Wahrzeichen von Pärnu.

Und das hat zwei Ursprünge: Eine Wanderausstellung von Hagenbecks Tierpark aus HH kam 1936 mit fünf echten Elefanten nach Pärnu. Das Spektakel, bei dem die Tiere durch die Stadt geführt wurden, brannte sich tief in das Gedächtnis der Einwohner ein. In den 50er Jahren wurden zwei große, hölzerne Elefanten im flachen Wasser des Strandes aufgebaut. Kinder konnten über den Rüssel ins Meer rutschen. Sie wurden zum Stolz und Wahrzeichen des Kurbades … bis sie verrotteten und verschwanden. Zum 175-jährigen Jubiläum des Kurorts im Jahr 2013 besann man sich und stellte eine neue Elefantenrutsche auf. Und dazu Dutzende kleine Betonelefanten allüberall. Es ist also – ähnlich wie die Kühe in Ventspils – ein Marketing-Gag der Tourismusabteilung.

Wir drehen dann eine Runde durch die Reste der ehemaligen Stadtbefestigung – das sind heute Parkanlagen. Die einzigen Bauwerke sind der Rote Turm aus dem 15. Jahrhundert und das barocke Talliner Tor. Und ein Teil des Wallgrabens – eben der auf dem wir gestern mit dem Boot angelegt haben. Der Rest wurde im 19. Jahrhundert zugeschüttet.

Und weiter geht es mit dem Fahrrad in die Kuninga – die Königstraße, die zum Strand führt. Die ist ja mal besonders hübsch, und zudem im Sommer für Autos gesperrt, was sie noch attraktiver macht. Hier stehen fast nur Holzhäuser, die einst wie jetzt der Sommerfrische dien(t)en oder Cafés / Restaurants beherbergen

Besonders hübsch ist das Karusselli – mit Karussell und … Elefanten.

Wir genehmigen uns ein Getränk im bunten Garten des Supelsaksad – zu deutsch Badekappe 🤣.

Untem am Strand wird es dann mondän: Die noblen Kurhotels mit Wellness und Gesundheitsangeboten (Schlammkuren!) sind was für die finanzstarke Kundschaft.

Der breite Strand ist wieder was für alle, vor allem junge Leut‘ finden hier alle möglichen Sport- und Vergnügungsangebote. Mir wär’s zu turbulent hier, aber ein wenig Zuschauen macht Spaß.

Wir beschließen den Abend in einer kleinen Seitenstraße des Rüütli im Restaurant Barbara mit einem sehr leckeren Abendessen.

Morgen verabschieden wir uns von Pärnu. Man könnte noch einen Tag dranhängen, denn wir haben noch nicht alles entdeckt, z.B. fehlt das Denkmal für die Schiffskatastrophe der Estonia und selbst das historische Kuurhaus haben wir irgendwie übersehen 🤭. Aber besser isses, wir verdrücken uns, denn gleich neben unserem Parkplatz wird ein großes Mittelalterspektakel aufgebaut. Das Wochenende wird sicher laut.

Das Städtchen hat uns jedenfalls sehr, sehr gut gefallen, hübsch und bunt und gepflegt, mit einer gemütlichen und freundlichen Atmosphäre in der kleinen Altstadt. Und das Käsitöö!

Nachklapp: Der beste Cache der Woche war dieser hier, in einem alten Brfeifkaten aus Sowjetzeiten:

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