Traumhaftes Vilnius

Sonntag/Montag, 7./8. Juni: In der Hauptstadt Litauens

Von Trakai (F) nach Vilnius (G), 38 km

Im Jahr 1323 lagerte Großfürst Gediminas nach einer erfolgreichen Jagd auf einem Hügel. Er träumte von einem eisernen Wolf, der auf dem Berg stand und so laut heulte wie ein ganzes Rudel. Seinen heidnischer Oberguru deutete den Traum: Der Wolf symbolisiert eine uneinnehmbare Burg und eine Stadt, deren Ruhm und Stärke in alle Welt hallen würden. Gediminas ließ daraufhin die Burg errichten und gründete Vilnius.

Gediminas Burg (naja, der Turm, der davon übrig blieb) steht noch heute weithin sichtbar auf dem Burghügel, sein Denkmal auf dem Kathedralenplatz. Mit ausgestrecktem Arm deutet Gediminas* auf den Boden, wo seine Stadt entstehen soll.
Ich finde ja er sieht aus wie Gevatter Tod beim Topfschlagen und fällt gleich vom Sockel runter 🤭.

Wir tun uns übrigens schwer mit seinem Namen und nennen ihn gerne auch mal Grimaldi oder Geronimo. Damit muss er leben, genau wie der Nirosta-Dom in Trondheim 🤣.

Soviel dazu, wie alles begann. Aber ich greife vor (oder eher zurück), denn es gilt chronologisch zu berichten. Also zurück nach Trakei.

Erst mal präsentiert uns „Arne“ (Arbeitstitel) heute morgen stolz seinen Catch of the Day, einen kapitalen Hecht, womit wir endlich mal wieder ein AoD* am Start haben. Wir verabschieden uns herzlich und machen uns alsbald auf ins nahe gelegene Vilnius (30 km). Dort werden wir leider am favorisierten, altstadtnahen Stellplatz abgewiesen – reserviert für Besucher einer Veranstaltung (wir werden noch sehen welche). *animal of the day

Also fahren wir ans andere Ende der Stadt, etwas außerhalb, wo auf einem abgetrennten Teil des Messegeländes der „offizielle“ Campingplatz der Stadt Vilnius residiert – wenn man das denn so nennen will.

Aber was soll‘s, man stand schon schlechter, es gibt alles, was man so braucht (außer Natur) und wir sind ja hier nicht wegen grünem Gras sondern heute auf Städtetrip. Der Campingplatz hat sogar eine besetzte Rezeption und Volker kommt mit einigen nützlichen Tipps von der Anmeldung zurück. Unter anderem dem, dass es einen super Fahrradweg in die Stadt geben soll.

Der Radweg ist in der Tat sehr brauchbar, abgesehen von ca. 500 Metern Brücke am Anfang, wo zwischen Pfeilern und Geländer grade mal so der Lenker durchpasst. Aber abgesehen von den 10 Engpässen wirklich super: Hinter der Brücke geht es 3, 4 Kilometer durch einen schönen Park und die letzten zwei Kilometer entlang einer schnurgeraden Straße mit schönen Häusern mitten in die Stadt vor den Kathedralenplatz.

Und das fast ohne Autoverkehr. Man merkt ohnehin ständig, dass Litauen ein dünn besiedeltes Land ist, 44 Einwohner pro Quadratkilometer, in Deutschland ist es das 5-fache. Entsprechend ist auch die Autodichte angenehm gering.

Für 15 Uhr 30 Uhr habe ich uns wieder für eine free walking tour angemeldet, jetzt ist es 12 Uhr 30 und wir entscheiden uns für einen Besuch im Nationalmuseum. Das befindet sich im Fürstenpalast und bietet eine Vielzahl von Ausstellungen und Touren. Wir nehmen die Tour 1 zum Thema Geschichte Litauens und Stadtgeschichte Vilnius.

Auch dieses Museum ist super gemacht, sehr modern, didaktisch hervorragend, ungeheuer informativ. Und riesig! Wir laufen zuerst über Stege durch die archäologischen Ausgrabungen der Vorgängerbauten des heutigen Palastes, eine Zeitreise durch 8oo Jahre, denn die ältesten Relikte stammen aus dem 13. Jahrhundert.

Es war der eingangs erwähnte Gediminas der 1323 Vilnius gründete und oben auf dem Berg eine Burg bauen ließ. Seinem Nachfolger Vytautas war vermutlich die ständige Hochlauferei zu lästig und er ließ eine untere Burg errichten, gotisch, aus Backsteinen (ca. 1420). Die wurde dann, wie das so üblich ist umgebaut, modernisiert und erweitert, auch ein paarmal angegriffen, demoliert, wieder aufgebaut.

100 Jahre später ließ Großfürst Sigismund sie in ein Renaissanceschloss umbauen, woran sicherlich seine italienische Ehefrau großen Anteil hatte. Nochmal 100 Jahre drauf – 1610 – brannte dieser Palast in Teilen nieder, was die Gelegenheit bot ihm ein barockes Makeover zu verpassen.

Das hielt auch nicht lange, denn die Russen überfielen 1655 Vilnius und zerstörten den großfürstlichen Palast so nachhaltig, dass er nicht wieder aufgebaut wurde.
Das 17. und 18. Jahrhundert war für Vilnius fürwahr keine gute Zeit: russische Besetzung 1655-61, Krieg gegen Schweden 1700-1721 und eine Reihe großer Stadtbrände, der letzte 1747. Ab 1795 gehörte Vilnius zum russischen Zarenreich, das zusammen mit Preußen und Österreich Polen-Litauen von der Landkarte tilgte. 1801 wurden die Reste des Schlosses abgetragen. und weg war er, der Palast.

Ab 1987 wurde der Standort archäologisch untersucht und man fand die Fundamente nicht nur des Palastes aus dem 17. Jahrhundert und der Vorgängerbauten. Im Jahr 2000 beschloss das Parlament den Wiederaufbau, 2013 wurde im rekonstruierten Palast der Großfürsten Litauens das Litauische Nationalmuseum eröffnet.

Das Schicksal des Großfürstlichen Palastes können wir uns in 3D surround mit VR-Brille ansehen, wirklich ein klasse Erlebnis, bei dem man über dem Geschehen „schwebt“ und um einen herum die ganze (Bau)Geschichte des Schlosses abläuft. Ich muss mich wirklich gut festhalten, denn es ist schwindelerregend, was da geboten wird.

Ohne VR-Brille machen wir einen Ritt durch die Geschichte Litauens, eng verbunden mit der seiner Herrscher. Was sie getan und gelassen haben, ihre politische Bedeutung und auch ihr Privatleben werden wirklich kurzweilig präsentiert – es ist fast wie beim Friseur in der Gala zu blättern. Aber zu viel um hier alles zu wiederholen. Außerdem erinnert mich es manchmal fast an die litauische Fassung von Lord Hesketh-Fortescue von North Cothelstone Hall und Priscilla Molesworth in Middle Fritham 🤣 (hier ein link, weil es soooo klasse ist). Und hab ich ja schon in Trakai was über die Landesgeschichte geschrieben.

Ein paar Storys schreib ich mir dann doch auf:

Erwähnenswert ist Casimir IV. Jagiellon (1427-92), der eine überaus gute Partie mit der Habsburgerin Elisabeth von Österreich einging. Die Dame stellte sich als ungeheuer fruchtbar heraus, gebar ihm 13 Kinder, von denen 11 am Ende in ganz Europa höchste politische Ämter bekleideten bzw. mit deren Inhabern verheiratet waren. Man nannte sie die Mutter der Könige.

Nur ihr zweitältester, Casimir junior zog er Krone eine Karriere als Nationalheiliger vor, wozu neben seiner Mildtätigkeit und Gottesfurcht wohl auch der Umstand beitrug, dass er im Alter von nur 25 Jahren 1484 an Tuberkulose starb. Er hatte also kaum Zeit für schlechte Taten und wurde schon knapp 40 Jahre nach seinem Tod heilig gesprochen.

Oder auch die fast tragisch anmutende Geschichte von Sigismund Augustus, der gleich drei Ehefrauen verschliss ohne einen einzigen Nachkommen zu hinterlassen. Die erste – ebenfalls eine Elisabeth von Österreich – war Epileptikerin und starb ein Jahr nach der Hochzeit. Danach standen die ledigen Töchter des europäischen Hochadels Schlange, doch Sigismund heiratete, heimlich und aus Liebe, eine Adlige aus Litauen. Politisch gesehen eine Mesalliance, durch die er es zudem mit seiner ambitionierten Mutter auf immer und ewig verdarb. Auch Gemahlin Nummer 2 starb nach 4 Jahren Ehe kinderlos. Als dritte heiratete er Katharina, die Schwester seiner verstorbenen 1. Frau. Die hatte ebenfalls Epilepsie und – was schwerer wog – keinerlei Interesse an ihrem Ehemann. Nach ein paar Jahren am litauischen Hof packte sie ihr Köfferchen und reiste ab nach Wien. Alle Bestrebungen Sigismunds, sich von ihr scheiden zu lassen, um ein viertes Mal zu heiraten, waren vergebens. Mit Sigismunds Tod 1572, endete die Dynastie der Jagiellonen, die fast 200 Jahre lang Litauen bzw Polen-Litauen regiert hatten, den größten Staat in Mitteleuropa während des 14., 15. und 16. Jahrhunderts.

Auch die Geschichte von Sigismunds Nachfolger will ich noch erwähnen: Der fällt nicht nur optisch, sondern auch namentlich aus dem Rahmen, heißt er doch Stephan Bathory oder Steponas Batoras, Fürst von Transsilvanien (Siebenbürgen) im heutigen Rumänien. Wie wird „so einer“ König von Polen und Großfürst von Litauen?

Nach dem Tod Sigismunds brauchte man einen neuen Herrscher in Polen-Litauen. Interimsmäßig ernannte man (der Adel des Landes) Sigismunds Schwester Anna zur Regentin. Aber sie brauchte einen Mann, denn weibliche Thronfolge war ausgeschlossen. An Kandidaten herrschte natürlich kein Mangel und der Adel entschied sich am End für den jungen Heinrich II. aus Frankreich. Man wurde handelseinig und Heinrich wurde zum König von Polen gekrönt. Nun sollte er sein Amt durch Heirat mit Anna legitimieren, doch er weigerte sich schlichtweg. Lag es daran, dass Anna bereits 50 Jahre alt war – sie hätte locker seine Mutter, vielleicht sogar seine Oma sein können. Oder stimmten die Spekulationen, er sei homosexuell? Viel schlimmer: er interessierte sich nicht die Bohne für seine Staatsgeschäfte, lag den ganzen Tag im Bett oder verausgabte sich bei seinen Hobbies als da wären Tanzen, Klamotten, Schmuck, Schoßhunde und Puppen. Ein Jahr später machte er die Biege, verdrückte sich nach Paris und wurde dort als Henri III. Valois König von Frankreich.

Da guckten sie nun in Polen-Litauen dumm aus der Wäsche. Anna war inzwischen 53, und ein Gatte musste her. Man trug Anna und die Krone dem genannten Bathory an, alles lief glatt und so wurde aus dem kleinen transsilvanischen Fürsten der Herrscher des Vereinigten Großreichs Polen-Litauen. Er war zunächst nicht wirklich beliebt, machte aber seinen Job richtig gut, militärisch wie diplomatisch. Auch gilt er als Gründer der Universität von Vilnius.

Jetzt aber genug Adelsgeschichten!

Nach 2 Stunden sind wir echt bedient, bedauern aber gleichzeitig, dass wir nicht länger bleiben können. Aber vor der Stadtführung muss jetzt erst mal eine Pause her!

Um 15 Uhr 30 treffen wir vor dem Reiterstandbild des Geronimo Geminidas unseren Führer Marius. Die kleine Gruppe ist international – Israel, USA, England, Argentinien, Österreich, Deutschland. Marius hat Geschichte studiert und macht seit 8 Jahren diese Führungen und er macht das routiniert, unterhaltsam und ein wenig schnodderig.

Die Kathedrale (mit vollem Namen heißt sie Kathedralbasilika St. Stanislaus und Ladislaus) geht zurück auf das 13. Jahrhundert. Das heutige klassizistische Bauwerk mit seiner Tempelfassade entstand ab 1779. Da ein griechischer Tempel keinen Glockenturm hat, passt es gut, dass gleich daneben ein Turm der alten Stadtbefestigung schon vorher zum Glockenturm umgebaut wurde. Während der Führung bleibt keine Zeit, sich das Innere der Kathedrale anzuschauen, das machen wir am folgenden Tag und sind erstaunt, dass sie innen viel kleiner wirkt als außen. Wie Turtur, der Scheinriese.

Marius hechelt erst mal durch die Geschichte Litauens, die wir inzwischen zur Genüge kennen. Passend dazu ist nächster Stop der Präsidentenpalast.

Der Präsident wird vom Volk für 4 Jahre gewählt, er gehört – so sagt Marius – meistens keiner politischen Partei an. Die Litauer vertrauen ihren Politikern nicht und wählen lieber keinen zum Präsidenten. Der jetzige ist Wirtschaftswissenschaftler. Der Präsident vertritt dass Land nach außen, nicht nur repräsentativ, er macht wirklich Außenpolitik.
Für die Innenpolitik ist die Regierung zuständig, zurzeit ist das eine mitte-links-Koalition, davor war es mitte-rechts. Das wechselt mit jeder Wahl sagt Marius: Alle vier Jahre links-rechts-links-rechts… Schlecht für langfristige Politik, weil jede Regierung nur auf 4 Jahre plant, aber ein Zeichen funktionierender Demokratie. Aber man macht auch langfristige Absprachen. Und immerhin scheint es so schlecht nicht zu sein, denn in den letzten 20 Jahren sind nirgendwo auf der Welt die Gehälter so gestiegen wie in Litauen und der Anstieg des BIP kann sich auch sehen lassen. Dazu, so meint er, trägt auch die Zugehörigkeit zu EU und NATO bei.
Über allem – Präsident und Regierung – steht das Parlament.

Um die Ecke kommen wir zur Universität, die 1579 aus einem Jesuitenkolleg hervorgegangen ist. Den verschachtelten Komplex mit seinen vielen Innenhöfen werden wir uns morgen anschauen.

Marius meint, in Litauen gibt es zu viele Universitäten und es sei zu einfach, einen Hochschulabschluss zu bekommen. Litauen hat den höchsten Bildungsstand in Europa – aber eben mit inflationären Abschlüssen. Für die Schulabsolventen mit den besten Noten gibt es staatliche Stipendien, wer ohne ausreichende Abiturnote studieren will muss selbst zahlen (ca. 3.500 Euro/Jahr). Das ist ungefähr halbe:halbe.

Marius erzählt von der sehr großen jüdischen Gemeinde Vilnius‘, 55.000 jüdische Einwohner machten fast 30% der Stadtbevölkerung aus. Man nannte die Stadt auch das Jerusalem des Ostens. 1941 kamen die Nazis und brachten in 6 Monaten 80 % der jüdischen Bevölkerung um. Sie wurden in die umliegenden Wälder getrieben und erschossen. Der Rest wurde in Gettos eingesperrt und musste in den Fabriken schuften.

Irgendwo inmitten der Altstadt steht auch die Kasimirkirche, ab 1604 erbaut und die erste Barockkirche der Stadt.

Barockarchitektur prägt vor allem die Sakralbauten in der Altstadt und davon gibt es überreichlich: es sind um die 50 (nicht alle barock und nicht mehr alle als Kirchen genutzt, aber immerhin). Sie stehen teils so dicht beisammen oder zwischen anderen Gebäuden eingepfercht, dass man sie kaum um sie herumgehen kann. So trägt Vilnius auch den Beinamen Rom des Nordens. Die Architektur der Altstadt hat Vilnius auch seinen Platz auf der Liste des UNESCO-Welterbes eingebracht.

Kein Welterbe, aber für uns das faszinierendste Objekt der ganzen Stadt, befindet sich auf dem Marktplatz. Wie ein Zeitreise-Portal aus einem Science-fiction-Roman steht da ein Betonring, auf dessen Videoschirm in der Mitte gerade die Erdoberfläche an uns vorbeizieht. Und dann sehen wir Menschen, die uns zuwinken, tanzen, lächeln oder einfach nur herüberschauen.

Geschaffen wurde das Portal vom litauischen Künstler und Unternehmer Benediktas Gylys. Es verbindet Vilnius mit Lublin, Dublin, Ipswich, Philadelphia, Manila und einer Stadt in Brasilien. Alle paar Minuten wechselt die Stadt.

Es ist absolut faszinierend! Deshalb kommen wir am nächsten Tag gleich nochmal vorbei!

Vom Hügel mit den Resten der Befestigungsanlagen hat man einen schönen Blick über die „Skyline“ mit der Altstadt im Vordergrund und der modernen Bürostadt hinten.

Und dann geht es hinunter in einen ganz besonderen Stadtbezirk: Vom Flüsschen Vilnia an drei Seiten umflossen liegt das Territorium der Republik Užupis. Wir nehmen den „illegalen“ Zugang von der Seite und stehen bald darauf schon vor dem Herzstück dieses „Landes“, der Wand mit der Verfassung.

Die Verfassung gibt’s in zig Sprachen, inklusive Latein, (angeblich genehmigt von Papst Johannes Paul II.). Sie enthält so unverzichtbare Grundrechte wie: Jeder hat das Recht, faul zu sein oder eine Katze zu lieben und für sie zu sorgen.

Der Regierungssitz befindet sich in dieser Gaststätte …

… und ansonsten ist alles schön bunt hier.

Gegründet wurde die Spaßrepublik 1997 von Kunststudenten, die hier billigen Wohnraum fanden. Aus dem einst verwahrlosten und kriminellen Stadtteil ist mittlerweile eine hippe Künstlerkolonie geworden, mit Restaurants, Bars und Ateliers, sogar zwei Bäckereien gibt es hier – die ersten und einzigen, die wir bisher in Litauen zu Gesicht bekommen haben (angeblich weil unter den Sowjets das Bäckereiwesen wie fast alle anderen kleinen Handwerksbetriebe auch, abgeschafft und in großen Fabriken zentralisiert wurden).

Es bestehen natürlich diplomatische Beziehungen 😉 mit Kopenhagens berühmtem Kristiania! Ein Fahrradständer ist „offizielles“ Gastgeschenk von Kristiania an Užupis. Die Dänen dachten, hier würde man gern Fahrradfahren. Tut man aber nicht 🤣.

Im Vergleich zu Kristiania in Kopenhagen geht es aber doch recht konventionell zu. Einen etwas schrägen Vogel haben wir gesehen, alles andere ist voll „normal“. Vor allem wird hier nicht gekifft, jedenfalls nicht öffentlich, da sind die hiesigen Drogengesetze streng (einen Hanfladen haben wir aber gesehen).

Witzige Kunstwerke gibt es aber allerorten.
An diesem Ding ⬆️ kann man kosmische Energie tanken und wer der Dame ➡️ an die Brust fasst, wird einen schönen Tag haben. Na denn!

Wir verlassen Uzupis mit einem letzten Blick von der Brücke. Wer mehr erfahren möchte, kann hier reinschauen.

Wir kommen dann zur letzten Station des Rundgangs (unseren guide hab ich gar nicht mehr erwähnt 🤭): Das Ensemble aus der Kirche des Hl. Franz von Assisi (um 1510) und der spätgotischen St. Anna-Kirche.

Spätgotik in Backstein

Letztere hat angeblich Napoleon (ja, der war auch hier) so gut gefallen, dass er sie am liebsten „auf der Handfläche“ mit nach Hause genommen hätte. Dabei kann er von Glück sagen, dass er es überhaupt nach Paris geschafft hat. Für seine vom verlorenen Russlandfeldzug zurückkehrenden Soldaten wurde das als Winterquartier auserkorene Vilnius zum Massengrab. Zu Tausenden starben die erschöpften, verwundeten und ausgezehrten Männer an Hunger, Kälte und Fleckfiebern.

Wir haben dann auch wirklich fertig mit dem Tag und gönnen uns in der Altstadt ein leckeres Bier und ein deftiges Abendessen.

Auf dem Heimweg machen wir noch einen Abstecher zur „Straße der Helden“, wo dem ukrainischen Widerstand gegen die russische Invasion gedacht wird.

Überhaupt ist die Solidarität mit der Ukraine hier überall mit Händen zu greifen, sogar die Stadtbusse blenden auf den Displays 🖤 UKRAINA ein.

Am Montag erkunden wir dann Vilnius auf eigene Faust und lassen uns viel Zeit, die einzelnen Orte nochmal in Ruhe zu erkunden und zu erleben.

Hier erst mal noch ein Foto vom Frühstück: Das dunkle Brot schmeckt ausgezeichnet, ebenso die Wurst. Den Hartkäse Dziuga (zu deutsch Freude) haben wir noch nicht probiert. Lebensmittel, vor allem Brot und Fleischwaren, sind hier übrigens deutlich billiger als bei uns. Und alles sehr wohlschmeckend.

Nun aber auf in die Stadt! Dort angekommen, erreicht uns eine Nachricht vom Auswärtigen Amt , aber keine Drohnenwarnung, sondern den Hinweis, dass der Herr Staatsminister Krichbaum in the town ist. Kaum haben wir das gelesen, brettert schon mit Blaulicht und Tatütata der Konvoi mit der Staatskarosse an uns vorbei (naja, eine bescheidene Staatskarosse). Verrückt!

Der weitere Tagesablauf wird vor allem durch den Besuch von – sage und schreibe – 14 Virtual Caches bestimmt. Die sind ja immer an interessanten Orten platziert, eignen sich also prima als Reiseleiter.

Da wäre zu allererst der/die/das Stebuklas (zu deutsch: Wunder), eine Platte, eingelassen vor der Kathedrale. Sie markiert das Ende des „Baltischen Weges“ von 1989. Damals bildeten zwei Millionen Menschen eine „Kette für die Freiheit“ von Tallin über Riga nach Vilnius! Zu einer Zeit ohne Social Media, organisiert nur mit Telefonen (staatliche Medien wie Presse/TV/Radio riefen natürlich nicht dazu auf). Die Vorstellung verursacht mir Gänsehaut! Kein Wunder, dass die Menschen in Litauen bis heute ihr Selbstverständnis, ihren Stolz und ihre Dankbarkeit aus dem Widerstand und der Überwindung der sowjetischen Diktatur zieht!

Heute gilt der Stebuklas als Glücksbringer: Man stellt sich drauf, schließt die Augen, dreht sich einmal um 360° Grad und wünscht sich was dabei. Haben wir gemacht!

Dann geht es zu Geminidas‘ Turm auf den Burgberg. Zum Glück per Aufzug.

Von BigHead – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=115740348

Anschließend schlendern wir durch das Labyrinth der Gänge und Innenhöfe der Universität, bis wir vor der Universitätskirche St. Johannes ankommen. Die von den Jesuiten erbaute barocke Kirche ist außen wie innen wirklich prächtig!

Und sie hat einen 45 Meter hohen freistehenden Turm, auf den man hinaufsteigen kann, bzw. muss (sagen unisono alle). Kein Ding, denkt man sich, es gibt ja einen Aufzug. Doch Obacht! Der endet eine Etage unter der Aussichtsplattform und die Stiege über die letzten paar Meter ist wirklich abenteuerlich. Dafür wird man oben mit einem wahrlich grandiosen Rundumblick belohnt.

Wieder unten angelangt, bewundern wir noch das Foucault’sche Pendel, das nach der halben Stunde Turmbesteigung schon eine deutliche Ablenkung zu vorher anzeigt.

Gestärkt durch eine leckere pinke Suppe geht es zu den letzten Stationen (ein paar hab ich ausgelassen, weil wir da gestern schon waren und es ist ja kein Geocaching Blog). Als da wären die engste Gasse von Vilnius, die wir aber wirklich nur dank GC gefunden haben. Sieht schäbig aus, doch der Blick durch die Fenster offenbart ein superschickes, modernes Büro.

Sehr witzig ist es in der Literatai-Straße, wo in einem Dauerprojekt die Wände mit kleinen Kunstwerken geschmückt werden. Jedes Werk ist eine Anspielung auf den jeweiligen Lieblingsschriftsteller des Künstlers. Wir erkennen keinen (wenn’s nicht grad dabei steht wie bei Thomas Harris) – es sind auch meist litauische Literaten.

Last but not least kommen wir zum letzten verbleibenden Stadttor von Vilnius, das – wen wundert’s – heute Teil einer Kirche ist bzw. im Obergeschoss eine Kapelle beheimatet. Man nennt es ganz poetisch das Tor der Morgenröte.

Im Übergang ist das Ikonenbild der Muttergottes zu bewundern, zu dem viele Gläubige auch heute noch pilgern. Wegen der stattfindenden Wallfahrt sogar ganz aktuell! Gerade eben singt aber die Gemeinde im Gottesdienst, weshalb wir leider nicht da hoch können.

Damit endet unser Besuch in Vilnius, den man sicherlich noch beliebig hätte ausdehnen können. Es gibt mindestens genau so viele Museen wie Kirchen, ein Wochen füllendes Programm. Aber wie sagt uns ein netter Mann aus Israel, mit dem wir ins Gespräch kommen: Wer alles sehen will, sieht nichts! Recht hat er.

Hier mal der Blick auf die bisherige Gesamtstrecke durch Litauen. Von Klaipeda über die Kurische Nehrung und zurück nach Klaipeda (C) und weiter über Jurbarkas (D) an der Numenas (Memel), Kaunas (E), Trakai (F) bis nach Vilnius (G), 493 km

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert