21.-24. Juni 2026: Mittsommer bei Inta und Siggi
Am Sonntag morgen frischen wir im riesigen Rimi-Markt unsere Vorräte auf machen uns auf den Weg nach Westen. Die Strecke wird landschaftlich ausgesprochen hübsch, mal nicht nur eine schnurgerade Straße durch plattes Land soweit das Auge reicht.


Statt nach Kuldiga zu fahren, machen wir ca. 40 km vorher einen spontanen Abstecher über 10 km Waschbrett-Schotterpiste an den Usmas Ezers, den Usma-See, den zweitgrößten See Lettlands.


Volker hat nämlich bei P4N8 ein verlockendes Stellplatzangebot entdeckt: Siggi und Inta bieten auf Spendenbasis ihr schönes Anwesen als Stellplatz für max. 3 WoMos an. Die Kommentare sind enthusiastisch! Auch wir werden überaus freundlich empfangen und beziehen das bisher schönste Quartier unserer Reise:


Siggi ist Deutscher, hat das Grundstück vor ca. 10 Jahren gekauft, gerodet und ein schönes Haus aus Holz mit allem Komfort gebaut. Dazu gehört eine große Solaranlage, eine kühle Quelle, viel Wiese, ein Gemüsegarten, ein kleiner Wein”Berg” (!), Zugang zum See und die Katzen Sami und Bruno. Und zuallererst Inta, Siggi’s lettische Lebensgefährtin, ein wahrer Herzensmensch 💕. Ich habe unterwegs an einem Straßenverkauf einen Strauß Blumen für sie mitgebracht, über die sie sich riesig freut 💐
Inta werkelt um Haus und Garten, während Siggi es sehr gemächlich angehen lässt. Er erinnert mich ein wenig an unseren Nachbarn Peter J. Später erfahren wir, dass er eine chronische Borreliose hat, die ihm immer wieder schwer zu schaffen macht.


Wir nehmen bald nach der Ankünfte ein erfrischendes Bad im See, trauen uns aber wegen des auflandigen Winds und der Wellen nicht weiter rauszuschwimmen. Ich mache dann noch einen Spaziergang zu einer kleinen Kirche und logge unseren Tagescache. Das war’s aber auch – das ist weit und breit die einzige Dose, da wird unsere Serie wohl abreißen 🤷♀️. Am Abend bleiben wir uns treu und gucken Tatort.

Danach treibt uns das Abendrot nochmal zu Seeufer, es ist Viertel vor 12 und der Himmel strahlt!

Auch unsere „Wagenburg“ liegt im spätabendlichen Zwielicht:

Obwohl wir hier bei 57° nördlicher Breite grade mal auf Höhe der Nordspitze Dänemarks sind, wird es zur Zeit der Sommersonnwende kaum richtig dunkel. Und das feiern auch die Letten, und zwar noch viel mehr als die skandinavischen Länder. Līgo am 23. Juni und Jāņi (Johannisfest) am 24. Dazu später mehr!
Am Montag früh bin ich etwas irritiert, als sich vor uns eine strahlend gelbe Wiese mit zartlila Tupfen ausbreitet. Die Sandglöckchen waren gestern auch schon da, aber der gelbe Korbblütler (Ferkelkraut) 🤔.

Tja, das hat einen Teilzeitjob, macht gegen Mittag Feierabend und klappt die Blüten zusammen. Wenn das der Kanzler wüsste!
Über Tag bringe ich den Blog à jour, nicht einfach, drei Tage Rīga und Hunderte Bilder in eine annehmbare Form zu bringen. Danach gibt es kleines, feines Abendessen: Ich „koche“ das Rezept aus Liepāja nach, Spargeli auf Burrata, dazu Mitbringsel von Zuhause, meine eingelegten Salzzitronen und etwas selbstgemachtes Salbei-Zitronenöl. Schmeckt nach öfters machen !
Abends sitzen wir mit unseren (inzwischen einzigen) Nachbarn Sina und Lennart aus Bremen am Lagerfeuer, machen Musik und plaudern. Die beiden sind mit dem elterlichen WoMo, einem ollen Bürstner unterwegs, nette junge Leute.

Am nächsten Morgen wird um uns rum gemäht was das Zeugs hält, Inta hier mit dem Rasenmäher, nebenan geht es mit Aufsitzmäher und Trimmer zu Werke. Dazu gibt es Volksmusik und Vogelgezwitscher, eine herrliche Kakophonie!
Von überall aus der Ferne klingt Musik! Es ist Līgo, die Johannisnacht steht an. Das ist der höchste Feiertag in Lettland, stellt selbst Weihnachten in den Schatten. Wir hatten uns allerdings schon damit abgefunden, nichts davon mitzukriegen (ich könnte mit meinem Blumenkränzchen nackt um die Feuerschale tanzen, aber das will ja keiner), da kommt Siggi und weist uns auf das Fest hin, das auf dem Freizeitgelände 7 km nebenan stattfindet. Da werden wir also mal hinfahren.
Erst mal Frühstück – heute gibt es zemenu pankūkas – Pfannkuchen mit Erdbeeren und Schmand.
Danach Frühsport und ein erfrischendes Bad im See.


Das Fest findet auf einem schönen großen Freizeitgelände am Seeufer statt. Man kommt mit Freunden und Familie, mietet eine Ferienhütte oder stellt sein Zelt auf, auch ein paar Wohnwagen und Wohnmobile sind da. Eine sehr entspannt Atmosphäre, es ist lebhaft, aber überhaupt nicht proppenvoll und drängelig, wie es bei uns meistens ist.
Neben Kinderbelustigungen stehen für die Erwachsenen Kuchenbacken, den traditionellen Jani-Käse (mit Kümmel) herstellen und Kränze flechten auf dem Programm.
Fast alle Frauen und Mädchen tragen Blumenschmuck und hübsche Kleider, allein schon ihnen zuzusehen macht Freude 😍.





Um 19 Uhr heißt es „Konkurss“! Erst sind die Frauen dran und ihre Challenge ist der Flamingo: Wer steht am längsten auf einem Bein?


Nachdem sich die Spreu vom Weizen getrennt hat, müssen die Verbliebenen auch noch die Augen schließen! Gar nicht mal so einfach! Am End sind es drei junge Frauen, die am längsten durchhalten. Die Siegerin bekommt einen Tonkrug mit Getränkefüllung nach Wahl.
Danach sind die Herren an der Reihe: Planking ist gefordert. Volker reiht sich auch ein (nicht im Bild) und schlägt sich wacker unter die letzten 8!

Untermalt wird das Ganze immer wieder von der recht schmissigen Musik der lettischen Folk- und Ethno-Pop Band Laimas Muzykanti (aus der Konserve). Teilweise erinnert es an Irish Folk, dann wieder an Balkan und oft ist es ganz was Eigenes.

Dann kommen wir zum Höhepunkt des Abends: Unter heidnisch anmutenden Klängen und beschwörendem Sprechgesang der Folkloregruppe Rika (Trommeln/Maultrommel/Dudelsack) wird das große Feuer entzündet:

So hört sich das an:

Dann werfen die Frauen und Mädchen ihre alten Kränze aus dem Vorjahr ins Feuer oder in den See. Sehr stimmungsvoll ist das, in der Goldenen Stunde 😇.




Auf den großen Jāņu nakts balle mit der lettischen Poplegende Olga Rajecka verzichten wir allerdings, nach der gestrigen feuchtfröhlichen Hausmusik am heimischen Lagerfeuer haben wir nun genug gefeiert.
Am nächsten Morgen verabschieden wir uns ganz, ganz herzlich von Inta und Siggi. Das war ein besonders schöner und außergewöhnlicher Aufenthalt!

Jetzt aber ab nach Kuldiga!



