Moin Kiel

Freitag, 22. Mai bis Montag, 25. Mai 2026

Wie schon gesagt, haben wir in Kiel (besser gesagt in Schwentinental-Klausdorf) bei Manuel einen super Stellplatz für umme ergattern können. Der ist in Park4Night ausgewiesen und wir haben ihn – unwissentlich – beide per Mail angefragt. Volker hat eine Absage kassiert – ich hab ihn gekriegt 👍️😜. Ich schrieb „euer charmantes Stellplatzangebot“ und hatte *zack* eine Zusage.

Nun stehen wir also hier in Manuels Einfahrt wie in Großmutters Schoß und mit den Rädern ist es gar nicht weit zu den Ausflugszielen. Das ist zum einen natürlich Kiel, aber für heute, Samstag, haben wir uns Laboe ausgesucht. Hier mal ein Plan, was wo ist (wir sind so etwa unten rechts wo die Bäckerei angezeigt ist):

Volker kennt das alles schon (also Kiel und Laboe, nicht den Bäcker), weil er mit den Eltern oft Bootsurlaub an der Ostseeküste gemacht hat. Ich bin da bislang ziemlich ahnungslos. Deshalb hier der Überblick:

Heute geht es also hoch nach Laboe, am Ostufer der Kieler Förde.

Besserwisserkasten
Förde nennt man die tief eingeschnittenen Buchten an der Ostseeküste, die während der Weichsel-Eiszeit vor ca. 80.000 Jahren entstanden sind. Und zwar schob sich das Eis vom Wasser her auf das flache Festland. Ein Fjord hingegen – auch wenn er den gleichen Wortstamm hat – entstand durch einen Inlandsgletscher, der sich seewärts ein tiefes Tal gefräst hat. Also genau anders herum. Deshalb ist ein Fjord landeinwärts am tiefsten und zur See hin flacher, oft ist da sogar noch der Rest einer Endmöräne. Die Förde wird hingegen landeinwärts flacher.

Erst geht es lauschig am Ufer der Schwentine entlang, die mit reißender Strömung knapp 70 Kilometer durch Schleswig-Holstein rauscht. Zumindest würde sie munter fließen, wäre nicht das Sperrwerk an der Mündung – oder sagen wir mal besser: am Übergang – in die Förde. Das sorgt dafür, dass nicht alles Wasser in die Ostsee rauscht bzw. die Förde nicht in die Schwentine ausläuft. Oder so. Zumindest kann man beide so voneinander trennen. So dümpelt die abgesperrte Schwentine träge und sehr lauschig dahin. Wie das an der Quelle am Bungsberg aussieht, wissen wir nicht. Die liegt in atemberaubenden 124 Metern Höhe, welche für ein mittleres Gefälle von knapp 2 Promille sorgen. Gar nicht mal so schlecht für den Norden: 0,1 wäre ausgesprochen flach, 10 ein Gebirgsbach.

Bald haben wir dann auch das Ostufer der Kieler Förde erreicht, wo sich am Pfingstsamstag einige – aber nicht zu viele – Besucher am schönen Wetter erfreuen. Zum richtig baden ist es wohl zu kalt, die Angaben liegen zwischen 10 und 15 °C (repräsentative Befragung von 2 unverzagten Schwimmern).

In Laboe angekommen tun wir das, was wir am liebsten tun und legen ein Päuschen in der Strandbar mit Blick auf die Dünen ein.

Dann besichtigen wir die beiden TOP-Sehenswürdigkeiten von Laboe (genaugenommen sind wir daran schon vorbeigefahren und haben sie links bzw. rechts liegen lassen). Bitte sehr:

Da ist zum einen das Marine-Ehrenmal – seit 1994 zur Gedenkstätte umgewidmet – in der anheimelnden Optik eines Fabrikschornsteins. Wikipedia belehrt uns, dass es sich um Expressionismus handelt und laut Architekt „ein Bauwerk, mit der Erde und der See fest verwurzelt und gen Himmel steigend wie eine Flamme“ ist 🤷‍♀️. Also auch kein Schiffsbug, Segel oder U-Boot-Turm. Gebaut wurde es 1927 bis 1936. Nicht auf Geheiß der Nazis, sondern durch den Marinebund, die Stadt Kiel und crowdfunding, aber durchaus von ihnen aufgegriffen. Kein Wunder, denn es war ein Kriegerdenkmal für gefallene Marinesoldaten, der ursprüngliche Slogan lautete: „Für deutsche Seemannsehr’. Für Deutschlands schwimmende Wehr. Für beider Wiederkehr“, also durchaus revanchistisch mit dem verlorenen 1. WK im Sinn. Nach dem 2. WK wurde der Sinn des Monuments allgemeinkompatibel umgedeutet, es soll nun an die auf den Meeren gebliebenen Seeleute aller Nationen erinnern und friedliche Seefahrt auf freien Meeren anmahnen. Unsere Grüße gehen aus aktuellem Anlass an die Straße von Hormus und die Herren Trump, Netanjahu und die iranischen Revolutionsführer, wie immer sie denn gerade heißen mögen.

Gegenüber kann man das U-Boot U995 besichtigen, das im 2. WK vor der Küste Norwegens patrouillierte und Schiffeversenken praktizierte. Nach dem Krieg durften es die Norweger benutzen (ausgleichende Gerechtigkeit ?), die gaben es 1965 an Deutschland zurück. War wahrscheinlich billiger als es zu verschrotten. Heute ist es als Technikmuseum zu besichtigen.

Kein gestrandeter Wal, sondern ein U-Boot an Land

Wir schenken uns die Innenbesichtigung beider Sehenswürdigkeiten, denn wir wollen mit der Fähre ans Westufer übersetzen und durch die Stadt zurückradeln. Daraus wird aber nix, weil die Fähre keine Fähre sondern eher ein Ausflugsdampfer ist und nur alle anderthalb Stunden ablegt. Also radeln wir den gleichen Weg heim, genehmigen uns beim Reitturnier in Klausdorf ein kühles Bierchen und schauen beim Stilspringen zu. Auch nett!

Für den Pfingstsonntag ist dann Kiel City angesagt. Die Recherche ergibt, dass es in Kiel eigentlich nicht sehr viel zu besichtigen gibt. Anders als beispielsweise Lübeck war Kiel bis ins 19. Jahrhundert keine bedeutsame Stadt. Aus der Hanse flogen sie raus, weil sie Piraten beherbergten, ständig kloppten sich die Holsteiner mit den Dänen um das Gebiet und am End auch noch Russland, denn Zar Peter III. war ein Holsteiner. Der Vollständigkeit halber: Peter III. war nur ein halbes Jahr im Amt, dann wurde er gestürzt und seine Ehefrau Katharina regierte 34 Jahre lang, was ihr den Beinamen „die Große“ einbrachte.

Erst das 19. Jahrhundert und das deutsche Kaiserreich brachten Kiel einen Aufschwung: Es wurde zu einem Werften- und Marinestandort und zum wichtigsten Hafen der neu entstehenden deutschen Kriegsmarine und erlangte durch den Bau des Nord-Ostseekanals 1895 auch wirtschaftliche Bedeutung.

Sidefact: Im Herbst 1918 sollte auf Befehl der Seekriegsleitung die deutsche Kriegsflotte zu weiteren Angriffen auslaufen. Zum Zeitpunkt der Befehlserteilung hatte aber die Heeresleitung bereits bei den Amerikanern um Waffenstillstand ersucht – quasi also kapituliert. Kieler Matrosen widersetzten sich dem Flottenbefehl und lösten die Novemberrevolution aus, die mit der Abdankung Kaiser Wilhelms und der Ausrufung der Republik (9.11.) endete. 2 Tage später kapitulierte Deutschland in Compiègne. Da waren wir vor 2 Jahren – so schießt sich mal wieder ein Kreis. Full circle moment nennt man das wohl heutzutage.

Das führte allerdings auch dazu, dass Kiel im 2. WK praktisch komplett zerstört wurde. So gibt es heutzutage nicht viel Historisches zu sehen. Hauptattraktion ist sicherlich die Kieler Woche, das größte Sommerfest Nordeuropas Ende Juni.

Wir frühstücken erst mal gemütlich unter der großen Kastanie, die uns freizügig mit Blüten überschüttet. Gegen 11 Uhr geht es dann mit den eBikes in die Stadt.

Wir kommen gleich als erstes bei einer technischen Sehenswürdigkeit an, der Hörnbrücke. Die kann man nämlich klipp-klapp-klappfalten. Das ist weltweit einzigartig und nennt sich Dreifeldzugklappprinzip (so ein Wortungetüm kann sich auch nur ein Deutscher ausgedacht haben).

Irgendetwas stimmt zurzeit aber wohl nicht, denn obwohl die Brücke zugeklappfaltet (oder zugefaltklappt) ist, kann man über den Steg rübergehen. Die Brücke steht quasi neben sich.

Durch das Zeitungsarchiv der Kieler Nachrichten erfahren wir, dass sie schon seit Monaten mal wieder kaputt ist und man über einen Abriss nachdenkt. Na super, keine 30 Jahre alt (Bj. 1997) und schon schrottreif 😨. Man kriegt echt den Eindruck, in Deutschland ist alles marode.

Wir haben aber unbeirrt gute Laune und lassen uns durch den Deutschlandtour-Multi durch die Stadt leiten (das ist eine Serie von Geocaches, in jeder Landeshauptstadt einer. Hat man alle 16, findet man den Superbonus in Berlin).

Wahrzeichen von Kiel ist der Rathausturm, auf den man mit einem Paternoster gelangt, allerdings nicht am Pfingstsonntag. Also gucken wir auch hier nur von außen drauf.

Immerhin stellen die Kieler ihr Rathaus auf einen schönen großen Platz, so dass man es auch gut fotografieren kann. Es wurde 1911 als Ersatz für das zu klein gewordene Rathaus gebaut, das wurde dann das „Alte Rathaus“ und dieses das „Neue Rathaus“. Das Alte Rathaus wurde im Krieg zerstört, dann war das Neue nur noch das Rathaus. Es wurde aber auch zu klein und seit 2008 gibt es nun ein neues „Neues Rathaus“ und das alte „Neue Rathaus“ wurde zum neuen „Alten Rathaus“. Ist doch ganz logisch, oder?

Wir machen als nächstes Halt im Alten Botanischen Garten und nehmen uns Zeit für einen Spaziergang durch das wunderschöne Gelände, das erstaunlicherweise auf einem recht ansehnlichen Hügel liegt.

Ganz oben drauf ein Pavillon

Es ist herrlich grün hier und für die bunte Farbenpracht sorgen vor allem die Rhododendren, die in voller Blüte stehen. Herrlich!

Ein besonderer Hingucker ist der Taschentuchbaum (Davidia), der aus China stammt und dessen große weiße Hochblätter wirklich so aussehen, als hätte man Tempotaschentücher an die Äste gehängt.

Wunderschön sind natürlich auch die vielen alten Bäume, hier steht ein riesiger Urwelt-Mammutbaum und ein ebensolcher Ginkgo.

Der Hain der Mammutbäume

Der Botanische Garten ist mit seinen verschlungenen Wegen und Pfaden sehr parkähnlich angelegt, ein verwunschener Ort mitten in der Stadt. Er ist der erste nach pflanzengeographischen  Gesichtspunkten angelegte Botanische Garten der Welt! Dass er ursprünglich ein englischer Landschaftsgarten war, sieht man ihm aber irgendwie immer noch an.

Raus aus dem Garten und vorbei an diesem Wohnblock Kreuzfahrtungetüm geht es dann zum Westufer der Kieler Förde, der Kiellinie.

Hier radeln wir gemächlich ein Stück über die 3,5 km lange Uferpromenade, wo sich ganz Kiel tummelt: Groß und Klein, Jung und Alt, alle Art Schiffe am Kai, eine Forschungsstation des Geomar, Sonnenanbeter in Liegestühlen und auf der Wiese, eine Badeplattform, Eisstände, Cafés und Bars und und und. Sogar ein Seehundbecken gibt’s , nur wir Dämel haben es verpeilt 🙈

Hier treffen wir (zum dritten Mal) auf Frenzi und Andreas, zwei Geocacher aus Berlin/Brandenburg und beschließen kurzerhand, zusammen in die Hafenbar „Sandhafen“ zu gehen und halten dort einen netten Plausch. So nett, dass wir sogar vergessen, ein Foto zu machen. Die beiden sind so Mitte 40 und echt sympathische Menschen! Sie haben sogar einen Geocaching-Podcast auf spotify, dem ich direkt mal gefolgt bin. Ist wirklich super unterhaltsam gemacht, nur halt leider nicht unsere Region.

Da wir keine Zeit mehr haben, vor dem reserviertn Abendessen zum Final des Deutschlandtour-Multis zu fahren (der Service im Sandhafen ist hoffnungslos überfordert und wir warten ewig auf unsere Getränke) bieten die zwei uns freundlicherweise an, für uns mit zu loggen. Das ist natürlich gegen die Regeln, aber heute lassen wir mal die 5 grade sein und nehmen das Angebot an. Danke Ihr Beiden ❤️.

Bei der Gelegenheit hier noch der Nachklapp zu zweien der heutigen Dosen:
Das ist zum einen der Rathaus-Multi mit einem urbanen Final aus der Reihe „Fallrohrmanipulationen“.
Auffällig unauffällig 😅.

Kiels Highlight ist das „Schwarze Brett“, ein Tradi der Extraklasse mit (unverdient nur) 71% Favoritenpunkten. Wer hier keinen gibt, hat das Spiel nicht kapiert, finde ich. Sensationelles Versteck, durch zwei kleine (12er?) drehbare Schraubenmuttern zu öffnen. Man muss nur uffbasse, dass man nicht ins Hafenbecken plumpst.

Von der Hafenbar radeln wir fix 3 Kilometer zurück Richtung Innenstadt. Im schnuckeligen Restaurant Zum Mohrenkopf haben wir einen Tisch reserviert und futtern eine vorzügliche Scholle. Genaugenommen zwei, eine für Volker eine für mich 😉.

Und wer sich jetzt fragt, wie das Etablissement zu seinem politisch inkorrekten Namen kam 😨, dem sei dieses Bild gezeigt:

Das ist nämlich der Chef, Andrew E. Onuegbu. „Klar, ich bin doch schwarz“ sagt er auf unsere Frage, ob er den Namen gewählt hat. Außerdem erfahren wir auf der Homepage: Ein Mohrenkopf wies im Mittelalter diejenigen Häuser aus, die als Fürstenherberge dienten. Außerdem galt er als besonderes Zeichen für eine hervorragende Küche und eine zuvorkommende Bewirtung.

Ob das stimmt wissen wir nicht, jedenfalls hat für uns heute alles hier gestimmt und Promis hat Andrew auch schon reichlich bekocht, es gibt hier Bilder von ihm mit Olli Dittrich, Otto Waalkes, sogar mit Olaf Scholz.

Jedenfalls bestätigt das meine Vermutung, dass vieles von dem „das darf man nicht sagen“ oft gar nicht von den Betroffenen gefordert wird, sondern von übereifrigen Wohlmeinenden. Hier ist es jedenfalls so. Nur kann man Andrew die Namensgebung wohl kaum verübeln oder verbieten, oder kann man sich selbst diskriminieren? Würde die Gaststätte aber einem Weißen (oder gelben oder roten oder blau-gepunkteten) gehören, wäre es wohl ein no go. Trotz der historischen Erklärung. Und das ist ja auch irgendwie diskriminierend, oder? Schwierisch das!

Mit einem letzten Blick auf die etwas schepp geratene „Skyline“ von Kiel radeln wir über die Hörnbrücke zurück zum HoGo und verbringen den Abend bei einem Tatort. Ist ja Sonntag heute!

Am Montag bleiben wir zu Hause, und machen nach dem Frühstück erst mal Wohnmobil-Tetris: Es kommt nämlich noch ein dritter Gast und der muss ja nun so parken, dass a) wir noch rauskommen und b) die gestern angekommenen AIDA-Kreuzfahrer nicht zugeparkt werden. Denn auch die neuen Gäste bleiben nicht, sondern nehmen gleich die Fähre nach Oslo, womit keiner mehr das WoMo bewegen kann. Wir schichten also um und am End sieht es so aus:

Dann wurkseln wir noch ein bissel rum, Turnen, Körperpflege, HoGo putzen, wir verabschieden uns von Manuel (er freut sich riesig über die Schlüsselanhänger!) und zack, ist es Zeit zur Weiterreise.

Ab auf die Fähre ⛴️ nach Klaipeda.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert