Vom Winde verweht – nach Hawaii?

Montag, 6.7. bis … Inselhopping im Westen Estlands. Teil 1: Muhu

Nicht Maoi, Oahu und Kauai, sondern Muhu, Saaremaa und Hiiumaa, das sind unsere kommenden Ziele. Nie gehört? Wir bis vor Kurzem auch nicht! Was sich anhört wie Hawaii, sind die drei größten estnischen Inseln, die vor dem Rigaer Meerbusen liegen.

Bei einer steifen Brise, die einen fast vom Deck weht, setzt uns die Fähre in einer halben Stunden vom Festland auf die kleinste der drei Inseln, Muhu, über. Die Fähren erledigen das hier im Pendelverkehr am Fließband.

Von Voosematse Camping (F) nach Liiva (G) auf der Insel Muhu, 26 Auto-km und ein 1/2 Std Fähre

Wir fahren schnustracks die wenigen Kilometer zum Hauptort Liiva und finden den kleinen Aki Camping einsam und verlassen vor – wie schön! Obwohl es noch früh am Tag ist, müssen wir aus farblich-optischen Gründen einen klitzekleinen Anleger Riga Black Balsam Cherry auf dem kleinen roten Tischlein servieren – das ist ja wie extra dafür hingestellt 😜.

Wie man sieht, hat sich das Wetter mittlerweile entschieden auf wechselhaft aber trocken umzuschalten, also steht auch der geplanten Fahrradtour nichts im Wege.

Außer einem Hüngerchen, aber gegen das können wir in einem bezaubernden kleinen Restaurant etwas unternehmen.

Von der netten Besitzerin, die hervorragend Englisch spricht, bekommen wir noch Tipps, was wir uns auf Muhu anschauen sollen. Die Radarstation des estnischen Militärs ist nicht dabei, wir fahren trotzdem hin, weil in einem aufgelassenen ex-sowjetischen Schützenbunker ein Geocache liegt 🤭

Dann kommen wir trotz Gegenwind alsbald zum Hauptziel unseres Ausflugs, zu den Üügu pank, den Klippen von Üügu.

Lieblingsfoto ❤️

Klippen sind ja an der Ostsee eher Mangelware, aber entlang der Küste von Muhu und Saaremaa verläuft das Silur-Klint oder die silurische Steilstufe. Sie entstand vor etwa 450 Mio Jahren, als sich in einem flachen Meer Kalkschlämme und Riffgesteine ablagerten (das dümpelte damals aber nicht hier oben rum, sondern viel weiter südlich). Diese Sedimente verfestigten sich zu Kalkstein und Dolomit. Spätere Ereignisse hoben das Riff über den Meeresspiegel und die Brandung bildete eine Steilkante heraus. Das geschah hier laut Infotafel erst vor 4.000 Jahren.

Heute ist die ehemalige Steilküste aber schon wieder ca. 150 Meter vom Wasser entfernt, ich vermute durch Landhebung nach Ende der Vergletscherung. Ohne den Einfluss der Brandung, bleibt herabfallendes Geröll am Fuß der Klippen liegen, sie schütten sich quasi selbst zu und außerdem überwuchert die Vegetation die Flächen. Das sieht dann in weiten Bereichen wenig aufregend aus.

Aber wir sind ja Geocacher und haben einen 1A Reiseführer, nämlich den hiesigen Earthcache. Der führt uns zu zwei spektakulären Wegpunkten, wo man sehr gut erkennen kann, wie die Brandung hier die Klippen unterspült und Kavernen geschaffen hat.

Wir sind sehr begeistert! Auch von den herrlichen Blicken, die man vom Plateau über den Klippen hat. Die Ostsee schimmert mal in einem sanften opal, an anderen Stellen in einem satten dunkelblau.

Und es gibt noch weitere Schätze zu entdecken, die seltene Sumpf-Stendelwurz zum Beispiel und den ältesten Geocache der Insel, aus dem Jahr 2003. Für den müssen wir ganz schön kraxeln.

Fast ein bisschen wehmütig kehren wir den Klippen den Rücken zu und fahren zurück nach Liiva.

Für eine so kleine Insel gibt es erstaunlich viele Friedhöfe, wir kommen an dreien vorbei!

Abgesehen von der ATM die kontaktlos via NFC Geld ausgibt (was Volker sehr erfreut, klappt das doch in Deutschland NIE), ist die letzte Sehenswürdigkeit für heute die Katharinenkirche. Eine sehr alte Kirche aus dem 14. Jahrhundert und in aller Schlichtheit mit ihren drei Giebeln doch ein Hingucker. Sie gehört zu den bedeutendsten mittelalterlichen Kirchen Estlands. Meint man gar nicht 🤷‍♀️.

Leider ist die Kirche nicht geöffnet, wir hätten uns gern den Innenraum und die verbliebenen Wandmalereien angeschaut. Und weil der Eingang zurzeit als Baustelle abgesperrt ist, hier zusätzlich zu unserem Luftbild noch ein Foto aus dem Netz.

Und wo das Dröhnchen schon mal fliegt, gleich noch das Großraum-Stehfoto. Alles sehr übersichtlich hier.

Der Nordachter

Und noch einen Nachklapp: einmal unser kleiner Fahrradachter (25 km, 4 Geocaches) und die beeindruckende Baumleiche neben der Katharinenkirche, eine 300 Jahre alte Esche, die im Winter 2014 bei Eis und Schnee umgestürzt ist. Man hat sie dort liegen lassen und sie spendet mittlerweile neues Leben als Substrat für Pflanzen und Unterschlupf für so manches Tier.

Wir schlupfen auch unter, in den kuschelig warmen HoGo, denn mittlerweile ist es draußen frisch geworden.

Auch in der ersten Hälfte der Nacht begleitet uns Donnergrollen und Gewitterregen – vermutlich ist es der Gott des Fußballs, der über Infantino und Trump wettert. Für die Nachwelt: Auf einen Anruf von DJT hat sein Kumpan Gianni die rote Karte für den US-Topstürmer Balogun annulliert (auch wenn er es beschönigend anders nennt): Spielsperre im Achtelfinale ausgesetzt. Die internationale Empörung (mit Ausnahme 🇺🇸) ist riesig. Aber auf die Belgier ist Verlass, sie putzen die USA in der Nacht mit 4:1 vom Tableau 💪!

Der liegende Westachter

Der Dienstag Morgen erwartet uns danach mit strahlendem Sonnenschein und wir fackeln nicht lange und radeln wieder los, diesmal nach Westen zum Fischerdorf Koguva.

Es geht durch viel Weide- bzw. Grasland – Vieh sehen wir keines, aber Heuballen en masse. Und ab und an mal ein Gehöft oder ein hübsch restauriertes altes Bauernanwesen. Die liegen hier verstreut in der Gegend, man nennt es dann „Dorf“, obwohl die Häuser einen riesen Abstand zueinander haben.

Der offizielle Fahrradweg führt erst an der Bundesstraße, dann über eine Nebenstraße, eine gute ausgebaute Schotterpiste und am End übr einen grasigen Feldweg. Der ist 1A gemäht und trotz des vielen Regens furztrocken. Kann man so machen.

Auch hier wachsen wieder sehr viele Wacholderbüsche

Der Weg führt uns zu den Resten der mittelalterlichen Wallburg von Muhu aus dem 11. Jahrhundert. Auf dem Satellitenbild und auch vor Ort erkennt man die innere Wallanlage noch sehr deutlich: ein 8 Meter hoher Ringwall umschloss Wohnhäuser, Vorratsgebäude und Kasernen.

Der Ringwall ist nur noch an sehr wenigen Stellen höher als 2-3 Meter

Noch vor dem deutschen Orden, marodierten … ich meine natürlich: missionierten … christlich bewegte Ritter des Schwertbrüderordens im frühen 13. Jahrhundert im Baltikum. Im Februar 1227 kamen sie mit angeblich 20.000 Mann (kann ich kaum glauben) zu Fuß über die gefrorene Ostsee und belagerten die Wallburg sechs Tage lang. Am End massakrierten sie alle 2500 Verteidiger und Schutzsuchenden, die Burg wurde geplündert, niedergebrannt und nie wieder aufgebaut.

Den endgültigen Garaus machte der Wallanlage aber der Bau des Vaina-Steindamms, der Muhu mit Saaremaa verbindet. Er wurde 1894 bis 1896 erbaut und man hat den Wall als Steinbruch benutzt 😨.

An der Gedenkstele (deren Text wir leider nicht entziffern können) finden wir auch unseren Geocache of the Day.

Wir passieren dann wohl eine Außenstelle des Muhu-Freilichtmuseums mit ein paar kleinen Holzscheunen und einer Windmühle. Und einem Büdchen, das Väätis verkauft. Eis! Also binden wir unsere „Pferdchen“ an und schauen uns um.

Interessanter als die Windmühle finde ich die Schützengräben aus dem 1. Weltkrieg, die man hier auch zu sehen bekommt (auf dem Bild nur schlecht zu erkennen, weil zugewuchert). Saaremaa und Muhhun gehörten zum äußeren Verteidigungsring des russischen Zarenreichs bzw. der Bolschewiki, man war aber nicht fertig geworden mit dem Bau von Verteidigungsstellungen, so mussten auf den letzten Drücker im September 1917 die estnischen Bauersfrauen hier Schützengräben anlegen.

Wir erreichen schließlich Koguva, das in allen Reiseführern hervorgehoben wird als wunderschönes beschauliches Fischerdorf, das in seiner ursprünglichen Form erhalten geblieben ist.

Vor meinem geistigen Auge ist aber ein völlig anders Bild entstanden, als das, was wir dann vorgefunden haben: viele kleine Fischerhütten, Boote am Kai, trocknende Netze, die ein oder andere kleine Bar … sowas halt 🤷‍♀️. Statt dessen gibt es am winzigen Hafen 3 neue Gebäude von denen 2 Hotels beherbergen, Boot und Fischernetze sind nur Deko.

Das „Dorf“ liegt dann offshore und besteht aus lauter sehr großen,verstreuten Einzelgehöften, von Steinmauern weiträumig eingefasst, alle schön restauriert und sehr privat.

Man spürt förmlich, dass die Bewohner wenig Wert darauf legen, dass man ihre Anwesen fotografiert – wir lassen es auch sein, knipsen nur ein paar Scheunen. Zwar wäre eines dieser Gehöfte als Museum zugänglich, aber darauf haben wir auch keine Lust.

Das ist das romantischste Motiv – in allen Reiseführern. Man beachte aber bitte auch das Schild links am Pfosten.

Wir haben fertig mit Kugova, fahren wieder nach Hause und machen uns einen schönen faulen Nachmittag in der Sonne – bis die sich hinter Wolken verdrückt.

In der Nacht regnet es ohne Pause durch und ich hole die Gummistiefel aus der Garage, bevor wir weiter fahren.

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