Neringa

Mittwoch bis Sonntag, 27. – 31. Mai: Welterbe Kurische Nehrung

Die Nacht auf Mittwoch ist trotz der Nähe zur Altstadt super ruhig, bis uns morgens gegen 8 das Rumpeln der Müllabfuhr weckt. Eigentlich gut so, denn wir hätten da ja noch gern ein Problem 🪫⚡️.

Daher gibt’s nur ein schnelles Frühstück und dann ab in die Werkstatt ‚JUTA‘ (der HoGo springt zum Glück brav an, 12,4 V sagt das Panel). Nach einer halben Stunde ist der Drops gelutscht und mit einer neuen AGM-Varta für günstige 260 Euro mit Einbau geht es zur Fähre auf die Nehrung.

Weil heute und morgen noch pure 🌞 angesagt ist, Freitag mit Wolken, nutzen wir das schöne Wetter und fahren ans Meer! Klaipeda wird erneut verschoben.

Wir überlegen hin und her wie wir es am besten bzw. am Günstigsten anstellen sollen, aber es hilft alles nichts: Die nehmen es hier von den Lebendigen! 46 Euro für die 5 Minuten Überfahrt (allerdings hin und zurück), 20 Euro Maut, der CP kommt auf 46 pro Nacht. Aber was willste machen 🤷‍♀️. Es gibt nur diese eine Fähre auf die Nehrung (alle anderen sind noch in der Winterpause) und auch nur diesen einen Campingplatz.

Am Fährhafen fürs Übersetzen auf die Nehrung herrscht reger Betrieb, 2 Fähren sind im ständigen Pendelbetrieb und ein eifriger „Ekskommisaru“ regelt das Fahrzeugtetris. Nach welchem Prinzip er das tut, ist uns nicht ersichtlich. Farbe? Größe? Nationalität? Residents first? Jedenfalls nicht nach Ankunftszeit! Nach einer Stunde stehen wir immer noch rum und warten 🥱. Doch um 11.50 sind wir endlich an der Reihe.

Das Haff ist hier kaum breiter als der Rhein bei Ingelheim, aber es weht eine ordentliche Brise, den Wellen nach ein strammer 4er Wind.

Nach 5 Minuten geht schon die Klappe wieder auf und wir fahren die ca 50 km nach Nida. Nicht ohne die 20 Öcken Maut berappt zu haben!

Was sie damit tun wissen wir nicht. Jedenfalls nicht den Straßenbelag erneuern, es rumpelt gewaltig!

Schnurgerade führt die Straße zumeist durch Kiefernwald; vom Haff oder gar der Ostsee kriegt man wenig bzw. nichts mit. Da kommt ein kleiner Zwischenstopp gelegen.

Durchaus kühl 🥶 aber super 🌞. 

Und weil’s so schön ist, halten wir gleich nochmal an, diesmal in Schwarzort, litauisch Vuodkrantė (mit langem e).

Angeblich spricht man Litauisch generell so aus, wie man es schreibt, nur gibt es wohl zahlreiche Dialekte. Das macht die Aussprache der paar Höflichkeitsbrocken Litauisch (Danke, bitte, tach, tschüs , ja, nein und Bier) dann doch etwas schwieriger. Aber als ich das hier schreibe haben wir es schon ganz gut drauf.
Litauisch ist eine besonders alte indogermanische Sprache, und gar nicht verwandt mit dem slawischen (russisch, polnisch, tschechisch). Zusammen mit Lettisch gehört es zu den letzten beiden baltischen Sprachen, die nur noch von 6 Millionen Menschen gesprochen werden, eben von 4 Mio Litauern und 2 Mio Letten. Die sich aber gegenseitig auch nicht verstehen! Während der Zugehörigkeit zur Sowjetunion 1945-1990 wäre die beiden Sprachen (ebenso wie die estnische) fast ausgestorben, sie sollten durch russisch als Landessprache verdrängt werden. Was fast gelungen wäre. Umso mehr wird heute auf den Erhalt und die Pflege der Sprache großer Wert gelegt. Hinter dem Link findet sich ein sehr schöner und auch lustiger Artikel von Planet Wissen zum Thema Baltische Sprachen.

Der kleine Spaziergang an der Uferpromenade (haffseitig, an der Ostseeseite gibt’s nix) bringt uns schon einen ersten Eindruck:

a) von den hübschen kurischen Häusern in blau oder rot

b) von der Vegetation, die zu uns etwa 6 Wochen zurück ist (die Kirschbäume blühen z.T. noch, die Apfelbäume schon, Kastanien grad so) und entsprechend ist es sehr frisch, ca. 15°C. Und windig natürlich. Allemal besser als zu Hause, da hat es zurzeit 35°C und Windstille 🥵.

Als drittes lernen wir

c) eine lokale Spezialität kennen: Knoblauchbrot im Frittenlook, hier mit Käsetopping. Saulecker.

Etwas außerhalb von Nida im Kiefernwald erwartet uns dann ein schöner naturbelassener Campingplatz. Erfreulicherweise kostet er uns nur 32 Euro pro Nacht all inclusive (nicht die von der Homepage zusammengerechneten paarundvierzig), da kann man eigentlich nicht meckern. Die Stellplätze liegen angenehm kreuz und quer zwischen den Bäumen verstreut, nichts steht hier in Reih und Glied. Die wenigen Camper die da sind, kommen fast alle aus Deutschland, mehrheitlich aus Ostdeutschland. Wir suchen uns mit Geduld und Spucke ein Plätzchen zwischen den kleineren Campern (Zelte, Dachzelte, VW California). Neben der deutschen Kolonie beherbergt der Platz Heerscharen fetter, hungriger Moskitos. Ich hab zum Glück genug Mückenspray am Start, die tropical-Variante extra forte 🦟❌️.

Wir fahren dann gleich mal mit den Rädern nach Nida, dem Hauptort im Süden der Nehrung. Sehr, sehr nett ist es da vor allem im Viertel mit den farbenfrohen kurischen Häusern 🤩.

Überall stehen solche Masten mit bunten Windfähnchen

Wir radeln bis zur Welterbe-Pyramide (weil da ein 👻-Cache ist 😉) und werfen einen (bösen) Blick rüber nach Russland. 5 Kilometer hinter Nida ist die Grenze zur russischen Oblast Kaliningrad.

Zurück am CP geht Volker joggen (er braucht so lange, dass ich befürchte, er ist zu weit in die falsche Richtung gerannt und die Russen haben ihn erwischt – okee schlechter Witz 🙄).

Zum Abendessen trinke ich Kvass bzw. Gira, ein Gesöff aus fermentiertem Roggenbrot. Schmeckt gar nicht mal schlecht!

Am Donnerstag starten wir mit den Rädern zur Tour über den Süden der Nehrung. Das heißt vor allem Dünen, Dünen und nochmal Dünen.

Die Kurische Nehrung entstand vor rund 5000 bis 7000 Jahren nach der letzten Eiszeit.

Die Gletscher ließen Endmoränen zurück, die als Inselketten aus dem (Schmelz)waser ragten und durch Sandanspülung, Wind und Strömung miteinander verschmolzen. Am End hatte man einen langen, schmalen Sandwall, dahinter ein Haff, auf der anderen Seite die Ostsee.

Das ist es auch eigentlich schon, hätte der Mensch die Finger davon gelassen. Hat er aber nicht – so sind wir halt 🤷‍♀️😡.

Ab dem 16. Jahrhundert wurde für Schiffbau und Brennholz massiv abgeholzt und die Erosion machte sich über die „Sandkiste“ Nehrung her: Der Wind trieb den Sand und formte gigantische Wanderdünen, die im Laufe der Zeit ganze Fischerdörfer unter sich begruben.

Im 19. Jahrhundert kamen Experten auf die glorreiche Idee, den Wanderdünen durch Wiederaufforstung den Garaus zu machen. Mit Strandhafer als Primär- und Kiefern als Sekundärbepflanzung wurde den Dünen das Wandern madig gemacht. Hinzu kommen niedrige „Fangzäune“ an denen angewehter Sand hängenbleibt.

Wir beginnen gleich mal mit einer der größten Wanderdünen Europas, der Parnidis-Düne gleich neben unserem Domizil. Sie bewegt sich zwischen 0,5 und bis zu 10 Meter in einem Jahr 😲.
Man kann mit dem Fahrrad ganz hoch fahren und wie immer gilt: Biste oben, kannste untergucken!

Daran hindert einen aber erst mal der Kubrick’sche Monolith aus Odyssee im Weltraum, der sich bei genauerem Hinsehen allerdings als Zeiger einer monumentalen Sonnenuhr entpuppt. Sie zeigt 8 Uhr an, was um 11 Uhr eigentlich nicht sein kann. Eine korrekt installierte Sonnenuhr kann nicht 3 Stunden nachgehen (sagt die KI, sowas sollte sie wissen). Mir kommt der geniale Gedanke: Die Düne ist ja gewandert und hat dabei die Uhr versetzt und jetzt stimmt die Konstruktion nicht mehr 😂. Volker meint, das kann nicht sein, weil die Wanderdüne um die Konstruktion drumrum wandert und das Fundament nicht mitnimmt. Rätselhaft das! Wahrscheinlich ist es gar keine Sonnenuhr, sondern doch ein Raumschiff ☝️.

Nachdem wir dieses Hindernis überwunden haben, gucken wir … auf Russland. In 2 km Luftlinie ist die Grenze. Hinter dem Waldstück.

1945 haben sich die Russen das alte Ostpreußen nebst seiner Hauptstadt Königsberg unter den Nagel gerissen. Eigentlich sollten nach dem Potsdamer Abkommen alle vier Siegermächte entscheiden, was mit dem Gebiet geschieht, aber Stalin setzte sich darüber hinweg und annektierte es. Mit dem Zerfall der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der baltischen Staaten i.e. Litauen wurde Kaliningrad zu russischen Exklave, eingequetscht zwischen Litauen und Polen.

Die Nachbarländer Polen und Litauen grenzen daher nur ein kurzes Stück aneinander, an der 65 km langen Suwalki-Lücke (Luftlinie, am Boden sind es ca. 100 km), der einzigen Landverbindung zwischen dem Baltikum und dem Rest der EU (und der NATO). Irgendwie gruselig! Da wollen wir auf der Heimreise durch.

Russland hin, Russland her, es ist schon eine fantastische Landschaft. Sand soweit das Auge blickt. Früher hat man die hiesige Dünenlandschaft „ostpreußische Sahara“ genannt 😂. Das passt!

https://www.visitneringa.com/de/was-kann-man-sehen/naturobjekte/parnidis-dune-16191.html

Die famose Luftaufnahme stammt von der offiziellen Touristikseite*. Da kann man sich das Wandern der Düne richtig gut vorstellen: Ein Sandkörnchen wird vom Wind die Schräge hochgejagt, kippt über die Kante purzelt herab und bleibt unten liegen. Und dann noch eines und noch eines und und und …. billi- oder trillionenfach (Trillionen ist eine gute Schätzung sagt Gemini).
*Volker hat unsere kleine Drohne dabei, es ist aber sicher besser, die hier nicht auszupacken 🥴.

An einem stümischen Tag des Jahres 1965 war auch Jean Paul Sartre hier mit seiner nicht-angetrauten Simone und stemmte sich gegen den Wind.

Philosophen im imaginären Sturm

Es hat überhaupt unfassbar viele Skulpturen hier, Kunscht wohin man schaut, meistens nichts figürliches. Den sowjetischen Kram scheint man gründlich eliminiert zu haben, alles ist nach 1991 installiert.

Nach einem Abstecher in die Touri-Info (Busfahrplan, Geocache) radeln wir los gen Vuodkrantė, das wir aber – ich sags schon mal – nicht erreichen werden. Zuviel Verlockendes am Wegesrand.

Nach wenigen hundert Metern bremst uns ein besonders hübsches kurisches Häuschen, das gerade von seinem Besitzer per Besen sorgsam abgestaubt wird. Er habe das Haus selbst gebaut, erzählt uns der Mann auf Deutsch, es sei aus Stein, das Holz ist Verkleidung. Die Farbgebung, rot mit blau-weißem Giebel und eben solchen Fenstern und Türen, geht auf den preußischen Trachtenverein zurück, der das im 19. Jahrhundert vorgab. Das erfahren wir am nächsten Tag im Fischerhaus-Museum.

Weiter geht es über den schnurgeraden Fahrradweg – fast schon eine Fahrradstraße – getrennt vom Autoverkehr durch den Wald.

Ein erster Abstecher führt zur Bulvikis-Bucht, der breitesten Stelle des Haffs (3,8 km) und bald darauf hoppeln wir auf die höchste Düne der Nehrung, die 67,2 Meter hohe Vecekruga Kopa. Sie erlaubt den Blick auf Ostsee und Haff gleichzeitig (wenn man weit auseinanderstehende Augen hat).

Noch ein paar Kilometer weiter bremst uns ein Eis- und Espressoauto aus, dessen Angebot wir unmöglich ausschlagen können. Wir sind am Eingang zum Naturschutzgebiet der Toten oder Grauen Dünen und beschließen, die Fahrt hier zu beenden und diese Düne zu erklimmen. Wir berappen also 5 Euro Eintritt pro Nase und machen uns auf den Weg. Erst mal komfortabel auf Holzplanken.

Weiter oben muss beschwerlich durch den Sand gestapft werden. Ein böiger Wind weht uns den Flugsand ins Gesicht 😑, er setzt sich in die Augenwinkel und knirscht zwischen den Zähnen.

Ich komm mir vor wie in der Wüste. Wir gehen über verschüttete Dörfer, die von der Düne begraben wurden, bevor sie durch Rekultivierung mit Strandhafer und Konsorten lahmgelegt wurde: Tote Wanderdüne mit grauem Bewuchs. Wo wir gehen wächst natürlich nichts, das hält der Sandboden nicht aus.

Wo keiner rumlatscht bildet der Wind die charakteristische Riffelung

Oben werden wir mal wieder mit schönen Blicken in die Weite belohnt.

Wieder unten angekommen ist es zu spät, um noch nach Vuodkrantė (und wieder zurück) zu fahren, den letzten Bus dort erwischen wir wahrscheinlich auch nicht mehr, also drehen wir um. Mit Rückenwind und ohne Zwischenstops gehen die 25 km Heimweg ratzfatz.

Zurück in Nida hocken wir uns an die Uferpromenade ins Pas Tik Jona und futtern standesgemäß Räucherfisch (Makrele, Rotbarsch). Ein super Abschluss für den schönen Tag!
Übrigens kostet der Fisch nur 8 Euro, die Pommes und das Bier jeweils 6.

Am bedeckten, regnerischen Freitag steht Kultur auf dem Programm.

Wir beginnen beim Fischerhaus mit seiner pfiffig dargebotenen Einrichtung und einem interessanten Film, in dem drei ältere Männer Schwänke aus ihrer Jugend erzählen. Vom einfachen Leben, dem Alltag als Kinder, Brauchtum und der Arbeit der Fischer.

Interessant ist das Eisfischen, bei dem durch rhythmisches Klopfen auf ein Holzbrett (und Singen) die Fische ins Netz getrieben werden.

Erstaunlich, man würde meinen, die Klopferei verjagt sie eher!

Besonders interessant ist die Jagd auf Krähen. Man hatte ja nichts, auf der Nehrung, nur das wenige, was vielleicht ein sandiges Gärtchen hergab. Keine Felder, keine Weiden, nur Fisch 🐠🐡🎣. So kamen gekochte Krähen auf den Speisezettel! Man lockte sie mit einer zahmen Lockkrähe auf ein im Sand verbuddeltes Netz. Die Krähen wurden getötet, indem man ihren Kopf in den Mund nahm und ihnen das Genick durchbiss 🫣😲😬.

Ziemlich gruselig das! Wenigstens trank man nach jeder Krähe einen Schnaps, der Herr rechts war dann wohl sternhagelvoll. Die Krähenjagd war Sache der Alten und der Kinder. Ob die auch einen Schnaps bekamen wissen wir nicht.
Wir haben gut reden und Kopfschütteln, aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Unsereins hat die Not noch nie zu sowas getrieben. Dafür machen viele Menschen heute seltsame Dinge weil es ihnen zu gut geht. Cliffdiving, Trainsurfen, durchs Death Valley joggen, vegan leben. Auf so einen Scheiß (sorry an alle Veganer) wären unsere Vorfahren nie gekommen, die hatten genug damit zu tun satt zu werden und ihren Alltag zu wuppen.

Die drei Erzähler sprechen übrigens Nehrungskurisch, ein Dialekt in dem viele deutsche Wörter vorkommen, wie Polterabend, Trachtenverein oder Wimpel. Wimpel sind die Fähnchen, die uns schon so oft aufgefallen sind: die waren früher auf die Masten der Fischerboote gesetzt, sie zeigten an wo das Boot herkam. Das war Vorschrift der Fischereiinspektion. Die bunten Schnitzereien sind Deko, die alten Fischer, die nicht mehr rausfahren konnten, machten sie in den Wintermonaten.

Dass hier die deutsche Sprache eine gewisse Rolle spielt, geht auf die lange Zugehörigkeit der kurischen Nehrung zu deutschsprachigen Siedlern/Herrschern zurück. Ausgehend von der Marienburg in Polen trieben sich ab 1250 hier die Deutschordensritter herum, auf der Suche nach Gegenden, die sie noch christianisieren konnten (die wurden langsam knapp). Die Prußen (Küste heutiges Polen zwischen Weichsel und Memel) und die angrenzenden Kuren (heutige Küste von Lettland und Estland) waren geeignete Kandidaten und am End umfasste dieser Ordensstaat Nordpolen und fast das gesamte Territorium der heutigen baltischen Länder. Doch er begann zu bröckeln (mangelnde Legitimation nach Christianisierung, Aufstreben von Polen und Litauen, Kriege, Staatsverschuldung und die Reformation) und ging 1525 endgültig unter. Was blieb war das weltliche Herzogtum Preußen unter polnischer Lehenshoheit, mit Königsberg als Hauptstadt.

Später, nachdem Preußen ein Königreich mit Sitz in Berlin geworden war, nannte man das Gebiet Ostpreußen. Die kurische Nehrung gehörte bis 1918 komplett zum Deutschen Reich, der Südteil um Königsberg sogar bis 1945. Die Kurische Nehrung war demnach 600 Jahre lang deutsch bzw. Von deutschsprachigen Herrschern regiert. Es ist also kein Wunder, dass die Älteren hier noch Deutsch sprechen, sie haben es von ihren Großeltern gelernt, vielleicht sogar von den Eltern.

Dann ist da noch der Stuhl von Neringa. Neringa ist der litauische Name der Nehrung und auch der Name der Meeresriesin, die die Fischer beschützt. Als Riesin braucht sie natürlich ein ordentlich großes Sitzmöbel. Falls sie mal aus dem Wasser steigt.

Weiter geht es vorbei am Animal of the day, dem Elch. Er ist das Symboltier der Nehrung, man glaubt es kaum, hier leben Elche! Wer dem Bronze-Elch das Maul streichelt, kriegt angeblich einen echten zu sehen. Wehe das stimmt nicht!!!

Nächster Stop ist das Museum der Kurischen Nehrung, wo wir aber nach dem Film aus dem Fischerhaus eigentlich nichts Neues mehr erfahren. Außer der Tatsache, dass Nida Poststation der Linie St. Petersburg – Paris war. Königin Luise von Preußen, die Gemahlin von Friedrich Wilhelm III. nächtigte 1807 auf der Flucht vor napoleonischen Truppen aus Königsberg nach Memel (Klaipeda) in der Poststation von Nida. Sie soll mit ihrem Diamantring die berühmten Verse in die Fensterscheibe geritzt haben: „Wer nie sein Brot im Bette aß, weiß nicht wie Krümel pieksen„. Nein, natürlich nicht diesen Spruch sondern das Original von Goethe: „Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wer nie die kummervollen Nächte auf seinem Bette weinend saß, der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.“

Vom Museum geht es noch fix zum Thomas Mann-Haus. Thomas Manno nennen sie ihn hier 😂. Mann besuchte Nida 1929 und war so angetan, dass er sich dieses Sommerhaus bauen ließ. Hier verbrachte er mit seiner Frau Katja und den 6 Blagen 1930-1932 die Sommerurlaube. Besser gesagt das, was Mann „Urlaub“ nannte – er arbeitete nämlich weiter wie gewohnt und verbat sich jede Störung beim Schreiben oder beim Mittagsschlaf. 1932 erhielten die Manns hier ein Paket mit einem angekokelten Exemplar der Buddenbrooks. Der Nationalsozialismus hatte Nida erreicht. Mann reiste ab und kam nie wieder. Er emigrierte 1933 erst in die Schweiz und nach Frankreich dann in die USA.

Last but not least kommt noch ein besonders schönes Museum an die Reihe, das private Bernsteinmuseum der Eheleute Mizgiris. Sie führen uns virtuell selbst durch ihr Museum. Toll gemacht!

Das ist passend in diesem bernsteinfarbenen Gebäude untergebracht:

Auf großen Videoscreens wird die Geschichte der Entstehung des Bernsteins, seiner Gewinnung, Verarbeitung und Eigenschaften gezeigt. Alles sehr poetisch und in herrlichen Bildern aber dennoch wissenschaftlich korrekt. Bis auf die Sage von der Meeresgöttin Jūratė, die in einem prächtigen Bernsteinschloss am Grund der Ostsee lebte. Als sie sich in einen Fischer verliebte, war ihr Vater, von Beruf Donnergott, stinksauer und zerstörte das Schloss. Die Trümmer sind bis heute der Bernstein, den man am Strand findet.

Hier ein paar Bilder der wunderschönen Exponate.

3,8 Kilogramm wiegt der größte Bernsteinbrocken. Man muss dabei bedenken, dass Bernstein sehr leicht ist – er schwebt in sehr kaltem oder sehr salzigem Wasser Dichte1,05 – 1,1 g/cm3
Bernstein wird nicht nur aus dem Meer gefischt, er kann manc herorts sogar im Tagebau gefördert weden, z.B. nahe Kaliningrad.
Bernstein wurde von den Menschen seit jeher zu Schmuck und Amuletten verarbeitet.

Am Schluss gibt es noch eine interaktive Abteilung, in der man Bernstein fühlen, wiegen, hören und sogar riechen kann (ich riech’nix)

Im angeschlossenen Shop – eher ein Juweliergeschäft – kann man wunderbare Kollektionen von Bernsteinschmuck bewundern und erwerben. Höllenteuer! Aber man sieht, dass er überhaupt nicht altmodisch sein muss, sondern zeitlos und auch sehr modern schmücken kann.

Nach diesem herrlichen Museum haben wir fertig mit dem Tag, der kann jetzt weg, wir kriegen einen neuen!

Der Samstag begrüßt uns mit Sonnenschein und wahrhaft sommerlichen Temperaturen von 18 Grad (und mehr). So gibt’s Frühstück draußen. Dabei kommt uns die vermaledeite Sonnenuhr von vorgestern wieder in den Sinn und da heute die Sonne strahlt, fahren wir da gleich nochmal hin, um zu überprüfen, ob wir vielleicht was falsch abgelesen haben.

Haben wir nicht. Das Ding zeigt 20 vor 9 und die Armbanduhr halb 12.

Einem Amerikaner aus New York ist das auch aufgefallen und wir fachsimpeln über die falsche Sonnenzeit. In mir wächst eine neue Vermutung, die wir am Strand zu dritt ausdiskutieren (Volker, die KI und ich).

Aber erst mal Füße in die Ostsee – da waren wir ja noch gar nicht, immer nur am Haff!

Das Wasser ist frisch, sehr frisch (13, 14 Grad), aber man kann wunderbar in der Sonne liegen, das ist schön warm!

Während wir das tun, bringen wir das Sonnenuhrproblem zu einer Lösung. Die da lautet: Die Skala ist falsch! Ca. 1,5 Stunden Abweichung sind ja leicht erklärbar: 1 Stunde Sommerzeit muss man abziehen, und dann noch ca. 35 Minuten durch den tatsächlichen Längengrad, der hier sehr weit westlich von der Mitte der Zeitzone liegt (in der Mitte, am Meridian, muss man nix zu- oder abrechnen, da ist 12 Uhr = Zenit). Genaugenommen dichter am Meridian der MEZ-Zone als an dem der OEZ.
Gemini will uns nun weismachen, deshalb müsste man eine „künstliche Stunde“ hinzuaddieren, also weil die Düne nebst Sonnenuhr „eigentlich“ in der mitteleuropäischen Zeitzone liegt und nicht in der osteuropäischen. Das halte ich für ausgemachten Kappes. Natürlich hat es ein Körnchen Wahrheit: Gäbe es die politischen Grenzen nicht, verliefe die Zeitzonengrenze schnurgerade, so wie sie das in Ozeanen tut. Dann hätten wir hier MEZ. An Land richtet sie sich aber immer nach den Staatsgrenzen, alles andere wäre ja Unsinn. Man will ja eben keine Verhältnisse wie vor 1871 in Deutschland, wo jedes kleine Herzogtum seine eigene Zeit hatte. Ergo muss man da nix addieren oder abziehen, zu jedem Ort einer Sonnenuhr gibt es eine Skala einer dazu gehörenden Ortszeit. Die muss man in den Boden klöppeln, nicht irgendeine, die einem besser gefällt. Denn jeder Besucher wird die Sonnenuhr mit seiner Armbanduhr vergleichen, die üblicherweise die geltende Ortszeit angibt, nicht die von New York, Timbuktu oder Obermoschel.

Aber die Erbauer der hiesigen Sonnenuhr haben offensichtlich eine Skala nach MEZ in den Boden gemeißelt, nicht die korrekte OEZ (1 Stunde später). Zack – da haben wir unsere ominöse Stunde Differenz. Und wir können nun wieder ruhig schlafen!

Nach einigem Insistieren gibt Gemini endlich klein bei und mir recht! Geht doch 😂😂😂😂

Zufrieden klopfen wir uns den Sand aus den Klamotten und steuern den Leuchtturm von Nida an. Diess Vorhaben wird jedoch durch ein ⛔️ und lautes Motorengeheul unterbunden: Heute ist Rallye!

Aufgemotzte Mittelklasseautos rasen die Straße von Nida herunter, wenden mit quietschenden Reifen um einen Pöppel und rasen wieder hoch. Jeder eine Runde und dann der nächste. Kann man so machen. Wir weichen aus in den Wald, lassen uns von Google Maps durch den Ort zwirbeln und stehen schließlich auf halbem Weg zurück (aber auf der anderen Straßenseite!) vor der angedachten Latüchte. Auch in Litauen im klassischen Ringelpullover-Look.

Das Türmelein kann gegen eine seniorenrabattierte Gebühr von
3 Euro/👃bestiegen werden, macht
2,27 Cent pro Stufe.

Auch hier gilt wie fast überall: Biste oben, kannste runtergucken. Allerdings auch runterfallen – mir ist ja immer furchtbar blümerant bei sowas. Es wird mir schon ganz mulmelig, wenn Volker nur das Handy über die Brüstung hält 😵‍💫.

Als wir wieder sicheren Boden unter den Füßen haben wird noch flugs was eingekauft und dann heißt es: ANGRILLEN.

Wurde aber auch Zeit!

Den Sonntag beginne ich (Volker) mit eine Runde Joggen, genauer gesagt Intervalltraining. Nachdem mir die Sportmedizin der Uni Mainz eine kardiorespiratorische Fitnessschwäche diagnostiziert hat und meint, mit regelmäßigem Intervalltraining würde ich meine gewohnte Fitness wiedererlangen, trainiere ich eifrig. Schauen wir mal, ob’s wieder wird.

So komme ich zufällig noch an der ausstehenden Sehenswürdigkeit unterhalb der Parnidis Düne vorbei, dem Memorial zu den ehemaligen Segelfliegern der kurischen Nehrung (1933 – Ende WW II).

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