Samstag, 11. Juli 2026: Beim Lambakogu, irgendwo auf Saaremaa
Heute haben wir nicht viel vor, eigentlich steht nur der Besuch beim Lambakogu, der Schafherde, an. Die ist in keinem unserer Reiseführer verzeichnet, was wir – die Schafe und ich – als diskriminierend erachten. Man kann’s ja mal versuchen 😤.
Vorher ein klitzekleiner Abstecher zu einem der unendlich vielen braunen Schilder – wir wären wohl dran vorbei gefahren, läge dort nicht ein Geocache. Der erzählt uns die Geschichte von Fabian Gottlieb von Bellingshausen (1778 – 1852), ein deutschbaltiger Este in Diensten der Kaiserlich Russischen Marine, wo er es bis zum Admiral brachte.

Seine Verdienste waren weniger militärischer als wissenschaftlicher Natur, als Weltumsegler, Entdecker und Kartograph. 1819 brach er mit 2 Schiffen (der Loop Wostok und dem Versorgungsschiff Mirny) zur 1. russischen Expedition in die Südpolarregion auf. 751 Tage dauerte die Reise (sag einer, wir sind lange wech!) und die Expedition entdeckte 29 neue Inseln im Pazifik und Atlantik.
Am 28. Januar 1820 beschrieb Bellingshausen als erster Mensch das Schelfeis als Teil des antarktischen Kontinents – er gilt als Entdecker Antarktikas.
Dutzende geografische Objekte sind nach Fabian Gottlieb von Bellingshausen benannt, Berge, Inseln, Gletscher, Kaps, ein Asteroid, ein Mondkrater, außerdem eine Segelyacht, eine Gedenkmünze und ein russischer Airbus. Doch wir hatten noch nie was von diesem Mann gehört und mussten dafür erst in einen der hinterletzten Zipfel Europas reisen! Schon ein wenig peinlich 🤭.
Schwamm drüber, die Schafe warten!

Über 300 Schafe leben hier in einer parlamentarischen Monarchie unter dem Großen Schaf (das mit der dicksten Nase) und tun all das, was Schafe so tun: Tanzen, Heiratsanträge machen, Reden schwingen, Handy daddeln, Wählen gehen, Feiern, Sport, Musik, Angeln … normal halt 🤷♀️. Wer’s nicht glaubt, kann sich gern bei der Sendung mit der Maus informieren, die berichten regelmäßig über Shaun das Schaf.



Der Abschied fällt uns schwer, am liebsten hätten wir eines mitgenommen – und zwar den Ziehharmonikaspieler 😂, leider passt er nicht auf den Beifahrersitz.
Einen weiteren kleinen Stop legen wir bei der Michaelis-Kirche von Kihelkonna ein. Sie gehört zu den ältesten gotischen Kirchen Estlands – Baujahr 1270.

Der Altar mit dem letzten Abendmahl stammt aus dem Jahr 1591, die Orgel von 1805 ist die älteste noch spielbare Orgel Estlands.



Der Kirchturm – mit 60 Metern höher als jeder Leuchtturm der Insel – ist das neueste Teil der Kirche, er stammt aus dem Jahr 1899. Bis dahin läuteten die Glocken aus dem einige Meter entfernt stehenden Campanile. Der wurde 1638 errichtet und ist heute der einzige seiner Art im Baltikum.

Also eine wirklich besondere Kirche in diesem 300-Seelen-Nest! Das fand auch der Maler Konrad Mägi (1878-1925), der häufig auf Saaremaa malte:


Und dann läppern sich die Zwischenhalte doch noch zusammen: Wir halten bei den Karstquellen von Odalätsu an … die Mädels sind hier vorbeigebrettert, doch auf Geocaching ist mal wieder Verlass! Über zwei kleine Brücken drehen wir eine klitzekleine Runde durch einen verwunschenen Wald wo allerorten Wasser aus dem Boden austritt.

Es ist kaum verwunderlich, dass diese Quellen sagenumwoben sind und auch heute noch Menschen hier seltsame Rituale vollziehen – nämlich Münzen auf einem Sinterstein im Wasser ablegen (das Wasser ist glasklar, der Stein liegt gut 30 cm unter Wasser). Allzu fest scheint der (Aber-) Glaube an Opferrituale aber dann doch nicht zu sein – es sind nur Centstücke und andere Kleinstmünzen 🤭.

Auch Flora und Fauna kommen nicht zu kurz:




Die Karstquellen sammeln sich zum Flüsschen Veskijögi, das munter und in vielen Windungen von dannen eilt … bis es nach wenigen Kilometern vom Pidula-Forellenhof gebremst wird.



Ein schönes Anwesen ist das, mit wildromantischen Holzhütten auf der Insel im gestauten See (man mietet sie zusammen mit einem Ruderboot), riesige Lachsforellen im Tümpel und in den Zuchtbecken und eine einfache, leckere Gastronomie. Hier kann man sich sein Abendessen selbst angeln, es braucht aber sicherlich 4, wenn nicht 6 Leute, um so einen Oschi von Forelle zu verspeisen. Wir nehmen sie lieber portioniert.
Für 20 Euro stehen wir auf der Wiese direkt am See, wo am Abend schnell Ruhe einkehrt. Von der Insel flackert ein Lagerfeuer herüber, zwei Tauchenten putzen eifrig ihr Gefieder, Schwalben jagen Insekten im Kunstflug und ab und an platscht mal ein Fisch im Teich. Sehr idyllisch!
Einziger Wermutstropfen ist das Internet, das ist untergrottig. Auf Eifelniveau. Gibt’s also auch in Estland.

Sonntag, 12. Juli 2026: Panga pank und Angla tuulikud
Same procedure as every week: Am Sonntag gibt’s ein Frühstücksei!


Dazu lässt sich eine kleine Erdhummel die Reste von Volkers Honig schmecken und wir genießen den Blick auf den Forellenteich, der in der Morgensonne besonders idyllisch daherkommt.
Der Blick nach hinten würde übrigens ca. 20 versiffte Rallyeautos offenbaren, aber da gucken wir einfach nicht hin 😜!

Dank der inzwischen gelernten paar Brocken estnisch identifizieren wir das letzte Tagesprogramm auf Saaremaa als Klippen (pank) und Windmühlen (tuulik) und stellen die Tagesstrecke gleich mal vorn an:

Erstes Ziel:


Die Klippen von Panga sind die spektakulärste Landformation, die Saaremaa zu bieten hat: Bis zu 21 Meter hoch ragt die zerklüftete Steilküste aus Dolomitfelsen senkrecht in die Höhe.
Wir erinnern uns: Silurisches Kliff!

Alsbald stellen wir fest, dass man von oben nicht so wirklich einen Blick auf diese Steilküste hat, es geht wirklich senkrecht nach unten und dahin führt auch kein Weg!
Immerhin kann man von oben gut erkennen, dass vor der Küste ein weiteres Riff liegt, an dem sich die Wellen brechen und das starke Brandung von der Küste fernhält.
Und oberhalb des Steilhangs, etwas zurückgesetzt, kommt ein weiterer Hang, so dass die Küste drei Stufen hat.
Alles gut und schön, aber für den Blick auf die Steilwand muss unser Reisebegleiter ran: Kilroy! Bidde sehr:




Und dann kommt der klene Brummer zurück und landet brav auf Papas ausgestreckter Hand 🤩.

Wir haben fertig mit den Klippen und fahren zur letzten Station, dem Windmühlenberg. Unterwegs begegnen wir aber noch zwei erwähnenswerten Kleinigkeiten:
Das erste sind die Bushaltestellen. Sehr oft sind das liebevoll hergerichtete und sogar eingerichtete Häuschen, oder sie sind witzig angemalte kleine Kunstwerke. Ist so eine Art Volkssport auf Saaremaa: Wer hat die schönste Bushaltestelle.




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Das zweite ist eine ernste Angelegenheit, für die wir weit zurückgreifen müssen bis ins Jahr 2018! Wir haben damals anlässlich unserer Rhein-Radtour eine D-A-CH-F Vergleichsstudie über die Beaufsichtigung von Kindern im Straßenverkehr durchgeführt.




A: In Deutschland läuft ein Kind mehr oder minder unbestimmbaren Geschlechts brav an der Hand seiner Mutter. Sie haben ihr Fahrrad im Keller abgestellt.
B: In Österreich hingegen, wird ein kleines Mädchen von einem Mann mit Hut geführt. Oder entführt … woher soll man denn wissen, wer der Onkel ist? Tragen österreichische Väter Hüte, wenn sie mit ihrem Kind spazieren gehen? Wo ist das Fahrrad?
C: Hier sind wir nun in der Schweiz! Der Österreicher hat das arglose Mädchen über die Grenze gebracht. Die Kleine wird misstrauisch und wehrt sich ganz offensichtlich gegen diese Entführung. Auch hier keine Spur von einem (Flucht)-Fahrrad.
D: In Frankreich wird die Aufsichtspflicht sträflich vernachlässigt: ein mutmaßlich minderjährigerJugendlicher (Bruder?) lässt das ihm anvertraute Kind frei in der Gegend rumlaufen.
Die ausführlichen Studienergebisse findet man HIER.
Wir haben nun die einmalige Gelegenheit, diese Studie im Baltikum fortzuführen!
Was können wir feststellen? Die Esten sind kompromisslos und lassen männliche Kinder ausschließlich von weiblichem Fachpersonal mit Wespentaille beaufsichtigen. Das Kind hält dabei steten Blickkontakt! Vorbildlich! Die figurbetonte Estin achtet offenbar auch darauf, dass das Kind keine Dickmacher wie Süßigkeiten, Pommes, Limo etc. bekommt. Kleiner Kritikpunkt: Das Fahrrad ist etwas nachlässig abgestellt.
Wir sind gespannt auf die Ergebnisse aus Lettland und Litauen!
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Nun aber zu den Tuuliks, den Windmühlen! Die sind bzw. waren im gesamten Baltikum weit verbreitet, man sieht häufiger mal die ein oder andere, doch der Windmühlenberg in Angla ist der letzte seiner Art. Dabei war es durchaus üblich, mehrere Mühlen an einen erhöhten Ort zu stellen, wenn man denn mal einen fand. Hügel sind Mangelware und wir erkennen hier auch nicht wirklich einen.

Für 2 x 7 Euro Eintritt bekommen wir zu den Mühlen eine Ausstellung historischer Landmaschinen obendrauf. Wir begegnen Namen wie Ford, Stinnes und Lanz, Pioniere der Motorisierung der Landwirtschaft.
Das passt ja auch zum Thema, denn Windmühlen wurden keineswegs nur für das Mahlen von Korn genutzt, sondern setzten via Transmission alle möglichen Geräte in Bewegung: Hämmer, Sägen, Pressen …. Wenn denn der Wind blies. Dampfmaschinen und Motoren machten die Arbeit davon unabhängig und man konnte sie zudem dahin fahren, wo man sie brauchte.


Mit der Industrialisierung wurde das hölzerne Räderwerk der großen Mühlen nach Jahrhunderten vom Stahl der Motoren abgelöst.
Neben vier kleineren Mühlen ist die große Holländermühle der Star auf dem Hügel. Vier Stockwerke ist sie hoch und treibt zwei Mahlwerke an. Im Unterschied zu den Bockwindmühlen, die komplett in den Wind gedreht werden, hat der Holländer eine drehbare Kappe, die mit einem Gestänge, dem Steert ausgerichtet wird.


Und heute heißt es back to the roots: Die uralte Idee, die steten Kräfte der Natur zu nutzen, erlebt zum Glück seit einigen Jahren eine Renaissance: Sonne, Wasser und Wind waren die Energiequellen unserer Vorfahren und sie werden es für unsere Nachkommen sein. Es sei denn die Katherina Reiches übernehmen das Ruder und führen uns zurück in die Stein(kohle)zeit.
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Wir bringen uns am Nachmittag schon mal in Position für die morgige Überfahrt nach Hiumaa und nächtigen auf der Wiese am putzigen kleinen Fährhafen von Triiga.


Gute Nacht!















































