Sonntag, 31. Mai – Montag, 1. Juni: Sightseeing in Klaipeda
Memel – das ist nicht nur der bekannte Fluss, sondern auch der alte, deutsche Name der Stadt Klaipeda. Dabei liegt Memel gar nicht an der Memel, sondern an der Danė, zu deutsch Dange.
Die Memel mündet 50 Kilometer entfernt in einem großen Delta ins Kurische Haff (weswegen es auch aus Süßwasser besteht). Bis hierher hat sie fast 1000 Kilometer zurückgelegt, aus Belarus kommend, in zahllosen Mäandern bis Kaunas, später markiert sie die Grenze zu Kaliningrad, besinnt sich dann und mündet in Litauen.

Den Namen Memel hat die Stadt nicht ganz abgelegt, zahlreiche Geschäfte und Institutionen benutzen ihn immer noch. Die Menschen sind scheinbar immer noch stolz, „Memellander“ zu sein (auch ein hiesiger Geocacher nennt sich so).
Geocachen ist auch das Stichwort für den regnerischen Nachmittag: Wir erkunden das Gebiet um die ehemalige Festung, Memelburgos. Die Kernburg wurde von den Ordensrittern angelegt, später hat man einen Festungsring um ganz Klaipeda gezogen. Der Grundriss der Stadt war und ist bis heute rechtwinklig auf die Burg ausgerichtet.
Das Festungsgeraffel wurde ab dem späten 18. Jahrhundert zurückgebaut, als die Bastionen, Kurtinen, Ravelins, Gräben, Wällen usw. militärisch nichts mehr nutzten.


Auch die einst stolze Burg wurde abgerissen, nur noch ein Türmelein ragt über die verbliebenen Wallanlagen hinaus. Im Burggraben ist heute der Yachthafen.
Wir gehen erst mal außen rum, weil wir die Stationen des Caches der Reihenfolge nach ablaufen müssen, überqueren die historische Drehbrücke …

… und treffen dahinter auf die wohl schauerlichste Gestalt von ganz Klaipeda:
<- Da klettert er aus dem Fluss hoch auf den Kai:
Der schwarze Geist 😱

Nachts wird er von innen grünlich angestrahlt – das kriegen wir nicht zu Gesicht, denn hier ist es noch um 23 Uhr reichlich hell – das wird uns zu spät.

Am End gelangen wir noch in den Burghof und sind reichlich enttäuscht, denn außer dem Turm gibt es da … NICHTS. Nur eine große Freifläche und ein paar ausgebuddelte Fundamente.

Immerhin bieten die einem netten Geocache Unterschlupf. Wir schicken ein Foto der Schatzkiste an Soso und werden prompt gefragt, ob wir ihm was davon mitgebracht haben. Für seine Freundin Pippa! 💞
So enttäuschend die Burg, so erfreulich sind die Dosen hier in Klaipeda. Ein besonderes Prachtexemplar erwartet uns zum Schluss:


Hierhin pilgern immer die Geocacher, die mit dem Kreuzfahrtschiff anlegen, erklärt uns ein Klaipede (Klaipedianer, Klaipedaer, Klaipedasse ???), also ein Hiesiger. Das Ding ist bekannt wie ein bunter Hund. Hängt ja auch mittenmang sämtlicher Passanten an einem Mast gleich neben der Drehbrücke. Da ist nix mit Heimlichtuerei.
Zu guter Letzt folgen wir dem Ufer der/des Danė und gehen in die vom Lonely Planet empfohlene Burgerbar/Craftbeerbrauerei.
Hier gibt es leckeres Bier, einen der besten Burger ever und diese farbenfrohe Vorspeise:

Šaltibarščiai – sprich Schalti-Bartschai – ist eine kalte Suppe aus Roter Bete, Gurken und Kefir. Und Dill. Schmeckt super lecker und ist ja mal der Hingucker! Hier das Rezept, ich weiß aber nicht, ob es das originale ist. Dazu gibt es immer Kartoffeln, gekocht oder gebraten.
Auf dem Heimweg begegnen wir noch der kleinsten und bekanntesten Skulptur der Stadt, dem Wundermäuschen. „Lass deine Gedanken Worte werden und Worte werden zu Wundern“ steht auf dem Bronzeband um die Kugel auf der es sitzt: Flüstert man dem Mäuschen seine Wünsche ins Ohr, so gehen sie in Erfüllung.


Wunschlos glücklich ziehen wir uns im HoGo das Länderspiel Deutschland-Finnland rein (4:0) ein Testpiel für die WM, die in knapp 2 Wochen startet. In den USA, Kanada und Mexiko 🤣🤣🤣. So’n Scheiß kann sich auch nur die FIFA ausdenken. Tausende Kilometer zwischen den Spielstätten, zwei Länder die sich nur für Eishockey und Football interessieren und in denen Soccer ein Mädchensport ist und dann mögen Mexiko und Kanada ja Trumps USA so furchtbar gerne. Der wiederum mosert, weil der versprochene Geldsegen durch Millionen von Besuchern ausbleibt (warum wohl 🤔) und verschärft die Einreisebedingungen für Länder, die sich zwar für die WM, aber nicht für sein Wohlwollen qualifiziert haben. Das kann heiter werden. Zumal ja jeder in den USA mit einer Knarre rumlaufen darf, zuvörderst der ICE. Vermutlich schauen wir uns die deutschen Spiele dann doch an, schließlich haben wir dafür Rundfunkgebühren bezahlt. Dank VPN umgehen wir das Geoblocking von ARD und ZDF, das haben wir inzwischen drauf.
Das mal nebenbei bemerkt.
Am Montag steht die Altstadt von Klaipeda auf dem Zettel. Außerdem hab ich uns für 17 Uhr eine Stadtführung bei freetours.com gebucht. Die ist kostenlos bzw. auf Trinkgeldbasis, (10-15 Euro pro Kopf werden empfohlen, kommt auf die Länge, Qualität und Anzahl Personen an und wahrscheinlich auch auf die persönliche Dreistigkeit).
Zuerst aber lassen wir uns zu einigen der vielen Skulpturen in der Altstadt führen, es gibt wirklich sehr, sehr viele, große und kleine und viel Streetart dazu. Fast alles ist nach der Sowjetzeit entstanden, die Lenins und Stalins und drögen Arbeiterdenkmäler wurden durch schöne freie Kunst ersetzt.








In der Stadt gibt es viele Brachflächen und Baustellen/Baugruben, viele Häuser sind (noch) sehr schäbig, andere Fassaden schön herausgeputzt. Sogar eine avantgadistisch bepflanzte ist dabei – ein Hingucker! Eher ein HInfaller ist das Kopfsteinpflaster aus unbehauenen Wackersteinen – echt heftig.




Nachdem wir die Skulpturenrunde mit einem Geocache in der Touri-Info abgeschlossen haben, ist es Zeit für eine Mittagspause. Am Ufer der Danė reiht sich ein Restaurant ans andere, wir nehmen eines mit lokalen Gerichten und Mittagstischangebot.

Ich nehme ein litauisches Nationalgericht: Cepelinai (Zeppeline): Mit Hackfleisch (oder Quark) gefüllte Kartoffelklöße halb und halb in einer Speck-Zwiebel-Sahnesoße. Sehr köstlich!

Ein Stück weiter den Flusslauf hinauf kommen wir zum schönsten Platz in ganz Klaipeda: der Anlegestelle der Meridianas ⛵️.
Das Segelschiff wurde 1948 in Finnland gebaut, als Kriegsentschädigung für die Sowjetunion. Die nutzte es bis 1967 als Schulschiff mit Heimathafen Klaipeda. Nach Außerdienststellung wurde es zum Restaurantschiff umgebaut. Doch erst nach einem Eigentümerwechsel erstrahlt der Dreimastschoner seit 2014 in neuem Glanz und schmückt den Kai mit seinen herrlichen Segeln.



Wir sind gleich auf den ersten Blick hin und weg, besser gesagt hin und hoch, denn die Meridianas ist frei zugänglich, als Museumsschiff mit Bar und Restaurant. Wir nehmen Platz im Rettungsboot, genießen einen Aperol Spritz und fühlen uns großartig! Was auch sonst?




Bis zur Stadtführung ist noch Zeit, einen einfachen Multicache zu spielen und wir staunen nicht schlecht, als der uns erneut an Bord der Meridianas führt! Einer der Matrosen/Kellner überreicht uns die große Box, was mich – wie man sieht – ungemein erfreut!
Dann ist es soweit – pünktlich um 17.10 Uhr steht unser Freetours-Reiseguide Martynas parat. Mit einer knappen halben Stunde Verspätung trifft noch eine italienische Familie ein und es kann losgehen.

Martynas macht das richtig klasse, mit viel Humor und etwas Ironie. Wir lernen vieles, das nicht in Wikipedia nachzulesen sind, so z.B. dass hier Holz geflößt wurde (wie bei uns!). Das wurde nach England verkauft, andersherum war es aber verboten, Waren aus England zu importieren. Damit die Schiffe nicht leer fuhren, brachten sie aus England Erde/Boden mit: Der kostete nichts, war guter Ballast um die Schiffe zu stabilisieren und wurde für das Verfüllen der Festungsgräben gebraucht. So steht man dort heute auf englischem Boden 🇬🇧.

Hier wird dem preußischen Dichter Simon Dach (1605-1659) gedacht, geboren in Memel, gestorben in Königsberg, Erschaffer des Gedichtes über die Pfarrerstochter „Ännchen von Tharau“
Martynas führt uns auch in einen Teil der Altstadt, in dem wir noch nicht waren und wo noch Fachwerkhäuser aus der Zeit vor dem großen Stadtbrand 1854 stehen.

Wir beenden die Führung auf der Rest der südlichen Stadtbefestigung, wo noch eine Bastion erhalten geblieben ist.

Das war eine wirklich sehr gute Stadtführung! Freetours müssen wir uns merken, gibt es allerorten, auch in Kaunas und Vilnius.
Wir klappen jetzt das Kapitel Klaipeda zu. Als Einstieg in die Geschichte Litauens in Verbindung mit Ostpreußen und Deutschland war das sicherlich gut. Die Stadt bietet viel Kunst im öffentlichen Raum, nette Gastronomie (das hochglobte Stora Antis konnten wir leider nicht besuchen) und eine gute, freundliche Atmosphäre. Architektonisch bietet sie allerdings wenig.




