Donnerstag 16. bis Samstag 18.Juli 2026: Haapsalu
Nachdem wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, machen wir … gar nix! Es ist schon 16 Uhr und da ist Abhängen auf dem netten kleinen Campingplatz genung Programm für den restlichen Tag.
Dafür geht es am Freitag wieder mit den Fahrrädern los – wir sind gestern nämlich an ein paar spannenden Ruinen vorbei gekommen, die wollen wir uns aus der Nähe anschauen.
Es handelt sich um die Ruinen des Herrenhauses Ungru – zu deutsch Lindenhof, ein nie vollendeter neobarocker Prachtbau. Er geht zurück auf die 1890er Jahre und das uns bereits bekannte Grafengeschlecht derer von Ungern-Sternberg. Der Legende nach verliebte sich Graf Ewald in die Tochter des Schlossherrn von Merseburg. Diese wollte jedoch ihre Heimat nicht verlassen. Der Graf versprach ihr daraufhin, ein identisches Schloss in seiner Heimat zu errichten. Als die Geliebte erkrankte und verstarb, stellte er den Bau ein.


Vermutlich ist die Wahrheit profaner: Der junge Graf hatte sich übernommen und das Geld wurde knapp. Ab 1899 werkelte man nur noch sporadisch daran herum, ab Ausbruch des 1. WK nicht mehr und mit der Enteignung des Adels nach der Oktoberrevolution war dann ganz Schluss. Das Herrenhaus verfiel zusehends und am End nutzte man sogar die Ruinen, um die Landebahn des Militärflughafens nebenan mit den Kalksteinen aufzufüllen.
Es sind 2/3 der Außenmauern und die meisten der ehemals 11 Barockgiebel übrig geblieben – ein majestätischer Lost place!













Nachdem wir die prächtige Ruine von allen Seiten beguckt und den dazu gehörigen Geocache geloggt haben, geht es zurück ins Städtchen. Knapp 8 km Radweg immer schnurgeradeaus – das soll den Esten mal jemand nachmachen 🤣.

Kaum in Haapsalu angekommen, stellt sich uns der historische Bahnhof in den Weg. So ungefähr sieht er aus, wenn man sich das ellenlange Gebäude der Fotogalerie wieder zusammengesetzt denkt:




Der Bahnhof war Endstation der Bahnstrecke Tallinn – Haapsalu, die als Abzweig 1905 in Betrieb genommen wurde. Die Verbindung wurde auf Betreiben des Bürgermeisters von Haapsalu, Ewald von Ungern-Sternberg (ja, der mit den Ruinen) von Zar Nikolaus II. in Auftrag gegeben.


Der überdachte Bahnsteig ist 216 m lang! Das war dem Umstand geschuldet, dass er für den Eisenbahntross des Zaren ausgelegt war. Der Zar bekam auch (rechts) einen eigenen Aufenthaltsraum.
Hätte man sich sparen können, denn der Zar kam nie nach Huppsala Haapsalu.
Die Angabe des längsten überdachten Bahnsteigs in Europa wagen wir sehr zu bezweifeln, denn die historische „Perron-Halle“ des Mainzer Hauptbahnhofs war bei ihrer Eröffnung im Jahr 1884 stolze 300 Meter lang. Sie galt damals als die längste Bahnhofshalle Europas und überdacht ist der Bahnsteig dann ja auch. Vielleicht meinten die ohne Halle – so ist das mit den Superlativen, wenn man nur genügend Kriterien dazu nimmt, ist so ziemlich alles das größte, schönste, höchste, längste …
Ansonsten gab es Warteräume 1., 2. und 3. Klasse, natürlich einen Fahrkartenschalter, Toiletten und für Reisende 1. und 2. Klasse ein Restaurant.

Bevor wir uns das alles anschauen, nehmen wir das Sonderangebot eines Kombitickets „Eisenbahnmuseum + Kleiner Zug“ an und besteigen Punkt 12 Uhr das „Peterchen“. Sagen wir mal so: Erst wundere ich mich, dass Volker sich überhaupt da drauf einlässt, dann wundere ich mich, dass das überhaupt jemand tut, denn das Gefährt rumpelt, holpert und lärmt als gäb’s kein Morgen! Untermalt wird das durch einen akustisch sehr gut verständlichen Audiokommentar in munterem Estnisch 😂. Alle vorbeikommenden Haapsalesen winken uns begeistert zu, zurückwinken ist schwierig, denn man muss sich bei der halsbrecherischen Fahrt gut festhalten. Vor allem beim Bremsen. Immerhin wissen wir nach einer halben Stunde a) die gut gepolsterten Sitze zu schätzen und b) wo wir mit dem Fahrrad nochmal hinfahren. Und zwar langsam!

Nach dieser Achterbahnfahrt schauen wir uns dann das kleine, ziemlich vollgestopfte Eisenbahnmuseum an. Ich bleibe bei den Fahrkarten „hängen“, die finde ich interessanter als Weichen und Schaffneruniformen:



Alle Wege führen nach Tallinn, könnte man meinen, ob von London, Paris oder Berlin und sogar im Wagon-lit, im Schlafwagen des Welt-Reise Unternehmens Cook! Die Karten stammen aus den Jahren 1928-1935, wie man an dem gestanzten Datum ablesen kann. Im ÖPNV oder Inlandsverkehr bekam man im Nahverkehr in den 1930er Jahren noch ein handschriftliches Ticket!
Im Außenbereich stehen einige alte Waggons und Triebwagen, die man – bis auf einen – nur von außen anschauen kann.






Warum unsere Reiseführer-Mädels das als Highlight ihrer Strecke Nr. 11 auserkoren haben, erschließt sich uns am End nicht ganz. Vielleicht sind es Töchter von Lokführern 🤷♀️.
Von der Kurstadt Haapsalu haben wir auf der Fahrt mit dem wilden Peterchen schon einige Eindrücke aufschnappen können, das vertiefen wir jetzt auf einer gemütlichen Fahrradrunde. Immerhin wissen wir, wo wir hinmüssen und wo nicht.

Zuallererst mal in eine location mit gastronomischem Angebot! Derer gibt es genügend, wir nehmen eine am Marktplatz.
Da ist dann auch gleich die größte Sehenswürdigkeit der Stadt, die Bischofsburg aus dem 13. Jahrhundert. Beziehungsweise, was von ihr übrig ist.
Das muss ein prachtvolles und riesiges Schloss gewesen sein, innerhalb der 800 Meter langen Mauern und Tore passt ein ganzer Park. Inklusive Bühne für ein Jazzfestival.

In der Stadt, die wie alle Ortschaften Estlands ziemlich locker angelegt ist (große Grundstücke, damit es auch immer was zu mähen gibt), stehen viele wunderschöne Holzhäuser und der ein oder andere Steinbau – das sind dann meist öffentliche Gebäude, wie das Rathaus ⬇️.





Die Kartoffelkinder
Im Ortskern kann man das Haus besichtigen, in dem die schwedisch-estnische Kinderbuchautorin und Illustratorin Ilon Wikland ihre Kindheit verbracht hat. Sie wurde bekannt, weil sie viele Bücher von Astrid Lindgren illustriert hat (aber nicht Pippi Langstrumpf, das war eine Dänin!)

Haapsalu hat sich im 19. Jahrhundert als Kurstadt gemausert seit ein deutschbaltischer Arzt namens Hunnius die heilende Wirkung des Schlamms von Haapsalu propagierte. Er gründete 1825 ein erstes Sanatorium und etablierte die Stadt schnell als mondänen Kurort mit Seebäderhäusern und Schlammheilstätten. Kann man so machen 🤷. Auch die russische Zarenfamilie Romanow schätzte den Kurort (kam aber nie mit dem Zug 🤭).
Wer sehen und gesehen werden will, flaniert auf der Promenade, die hier nicht am Strand verläuft, sondern am Väike Viik, der Kleinen Bucht, die mal eine Meeresbucht war, heute ein Binnensee oder – romantischer – eine Lagune. Das nicht allzu tiefe Wasser ist schön warm und lockt viele Badegäste an!

Prunkstück der Promenade ist der Kuursaal ⬇️.


Zu den prominentesten Gästen Haapsalus gehörte sicherlich Pjotr Tschaikowski, der in seinem Sommerhaus seine 6. Sinfonie komponiert haben soll. Er starb 9 Tage nach der Uraufführung, was kein gutes Licht auf den Heilschlamm wirft! (Überhaupt klingt diese Sinfonie für mich ziemlich deprimierend, damit sollte Haapsalu besser keinen Werbespot vertonen).

Ein besonders nettes Fleckchen entdecken wir ein Stückchen abseits am Ende der Promenade. Ein Tischlein mit Stühlen, ein schöner Blumenstrauß und dazu ein Spiegel machen uns neugierig. Was mag das bedeuten? Wir übersetzen, was auf dem Spiegel steht: Ilus oled! Du bist schön! ❤️

Damit das so bleibt, buchen wir uns auf dem Campingplatz den Schwitzkasten und machen Sauna auf estnisch: Alle Minute eine Kelle Wasser auf den Ofen und 3 kurze Gänge in einer Stunde.
Das war’s für uns mit dem – wieder einmal – überaus charmanten Städtchen Haapsalu.
Und mit dem Tag. Der kann dann weg.






