Kaunas

Donnerstag – Samstag, 4.-6. Juni: Hauptstadt zwischen den Kriegen

Abfahrt Ganoven 🚐💨, auf nach Kaunas.
Auf dem Weg legen wir zwei kurze Zwischenstopps ein.

Den ersten am Schloss von Raudonė, das uns mit lautem Brummen und Heulen empfängt: Hier frönt der Litauer seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Rasenmähen. Im winzigen Barockgarten sind gleich 3 Mann am Werk.

Ob klassischer Rasenmäher, Mähroboter, Mähbalken am Trecker oder Rasentrimmer (meist powered by Benzin): In Litauen wird das Gras konsequent kurz gehalten und niedergemäht. Mehr noch als in Norwegen, wo uns das auch schon aufgefallen ist. Also nix mit Blühstreifen oder so. Das nur mal am Rande 🤭.

Das Schloss ist recht ansehnlich und dient heute als Schule. Hoffentlich wissen die Kids das zu würdigen.

Zweiter Halt ist an der 600 Jahre alten Kirche der Himmelfahrt der Hl. Maria von Viliupna (den litauischen Namen ersparen wir uns). Maria steht draußen, wirkt etwas maskulin und könnte einen Aufenthalt im Spa vertragen 🤭.

Leider kommen wir auch hier nicht in den Innenraum der Kirche hinein, zumindest kann man aber durch den Maschendrahtzaun einen Blick werfen. Eindeutig katholisch!

Gegen 13 Uhr erreichen wir Kaunas Lake Camping, das zum Glück noch reichlich Stellplätze frei hat. Aber sie füllen sich merklich!

Von unterwegs habe ich eine Mail an das Bunkermuseum in Kaunas geschrieben und bekomme die erfreuliche Antwort, dass es um 17 Uhr eine Führung in englischer Sprachen gibt, zu der wir uns hinzugesellen können. Alldieweil erledigen wir bis dahin ein paar Dinge: Duschen, eine Maschine Wäsche waschen und ich setze mich endlich mal an den Stiftungs-PC und arbeite 3 Stunden.

Wenn es hinterher müffelt, war das deutsche Waschmittel die falsche Wahl!

Apropos Bunker: Volker registriert uns derweil beim Auswärtigen Amt – ein Tipp der CP-Nachbarn aus Jurbarkas. Wir sind jetzt bei ELEFAND , der Krisenvorsorgeliste des AA angemeldet und Herr Wadephul holt uns hier raus, wenn es kritisch wird 🫡😬. Nein, wir kriegen eine SMS, wenn in unserer Region (die wir laufend melden müssen, wenn es funktionieren soll) sicherheitsrelevante Vorgänge stattfinden. Drohnensichtungen oder so. Die Nachbarn vom CP sind so schon zweimal benachrichtigt worden. Nicht dass eine akute Gefahr bestanden hätte, aber immerhin eine etwas mehr als latente.

Dann geht es ab in die als „Atominis bunkeris“ angepriesene Unterwelt, nur rund 650 Meter vom CP entfernt.

Museum für Kriegserbe

Eigentlich war die Location nicht mehr als ein Luftschutzkeller für die Beschäftigten der darüber liegenden Fabrik, aber immerhin in 6 Metern Tiefe. Ein litauischer Geschäftsmann nutzt diese Räume seit 2014 um seine opulente Sammlung unterzubringen. Und er hat wirklich alles gesammelt, was nicht bei drei in der Tonne war: Es sind zivile Gegenstände vorwiegend aus der Zwischenkriegszeit bis in die 90er Jahre und unfassbar viele Militaria aus beiden Weltkriegen und der Periode des Kalten Kriegs bis zum Untergang der Sowjetunion.

Leicht morbid, aber hat was!

Unser Führer Giedrius spricht ein sehr gut verständliches Englisch und erklärt mit viel Hingabe das Sammelsurium, in das man mit Müh und Not ein wenig Ordnung gebracht hat. Erst zeigt er uns alltägliche Gegenstände aus der Zwischenkriegszeit, Produkte eines Krämerladens (Dr. Oetkorio 🤣) und Haushaltsgegenstände wie einen Eisschrank oder einen Wäschestampfer (Waschglocke).

Ich kenn das ja leibhaftig aus meiner Jugend, sowas wurde bei uns im Dorf benutzt. Die anderen Besucher waren aber reichlich ratlos, vor allem die 3 jüngeren Leute.

Huch 😱

Weiter geht es mit KGB und Stasi, mit Kofferkameras, Abhörvorrichtungen und Kugelschreibern, die Giftpfeile abschießen. James Bond lässt grüßen. Giedrius schildert recht anschaulich den sowjetischen Überwachungsstaat und ich wundere mich auch hier, dass die anderen Gäste davon scheinbar nie gehört haben. Bei den beiden Ungarn kann man es ja noch verstehen, aber 3 Engländer und eine (wenn auch sehr) junge Deutsche 🤷‍♀️.

Sogar die Verhörmethoden des KGB werden sehr anschaulich geschildert, nur Grace ist gegen die Stromstöße immun – die perfekte Agentin (die anderen Freiwilligen haben ganz schön gejapst)! Da mir schon die Vorstellung, an einen Weidezaun zu greifen den Angstschweiß ins Gesicht treibt, melde ich mich nicht als Freiwilige!

Den Schluss macht eine irre Sammlung aus Feldtelefonen, Militär-Fernschreibern, Sirenen und was weiß ich, vor allem unzählige Gasmasken aus aller Herren Länder, selbst welche für Babies und Pferde. Echt makaber – wir mochten das gar nicht en detail fotografieren. Krieg ist wirklich eine scheiß Erfindung!

Unter den Augen dieser beiden wohlbekannten Herren kommen wir nach 2 Stunden aus den Katakomben wieder ans Tageslicht … und es regnet 🫧 und hört auch den ganzen Abend nicht mehr auf. Blöd für die Wäsche, die draußen trocknen sollte. Volker holt die Markise raus, vielleicht wird es dann was.

Freitag: Sightseeing Kaunas

Nach einer erstaunlich ruhigen Nacht sind wir recht früh auf den Beinen und starten gewaschen, gekämmt und gefrühstückt um 10 mit den Rädern nach Kaunas Downtown. Der vom Reiseführer versprochene exzellente Radweg ist in der Tat zunächst nicht übel, aber je weiter man an die Stadt herankommt, desto schlechter wird er und verabschiedet sich vor der Brücke über die Neris dann in tutto. In ganz Kaunas ward dann auch keiner mehr gesehen 🤨.

Stadtplan 1923. Die Altstadt ist unten Mitte, darüber die geometrisch angelegte Neustadt .

Wir starten mit dem ältesten Gebäude der Stadt, der Burg bzw. deren Überresten. Viel isses nicht, aber immerhin mehr als in Klaipeda und nett in Szene gesetzt am Rand des Confluence Park.

Der heißt so, weil Nemunas (Memel nennt sie hier keiner mehr) und Neris hier zusammenfließen, genau genommen mündet die kürzere Neris in die längere Nemunas, aber beide sind fast gleich breit).

Am Park steht auch das Reiterdenkmal, dass dem „Vytis“ des litauischen Wappens nachempfunden ist. Der weiße Ritter ziert seit dem 15. Jahrhundert Wappen, Siegel, Münzen, Säulen, Gräber, Tore u.v.a.m. Er steht für die Wehrhaftigkeit, Freiheit und Souveränität Litauens.

Danach fahren wir aufs andere Nemunas-Ufer zur Standseilbahn auf den hochgelegenen Stadtteil Aleksoto. Die Bahn ist nur ca. 130m lang, aber mit 18% ordentlich steil. Gebaut vom Dresdener Ingenieur Curt Rudolph, eröffnet 1935 und die einzige Standseilbahn Litauens, die voll im regulären Betrieb ist. ÖPNV. Prinzip, ist das übliche, mit 2 gekoppelten Wagen im Pendelverkehr an Stahlseilen, die über große Winden laufen..

„Funikulierius“ ist das litauische Wort für Standseilbahn – wie im Italienischen! Witzig das. Blöderweise handele ich mir so einen Ohrwurm ein 👂️🪱: Funiculi, funicula (hier dargeboten von Herrn Pavarotti) wurde 1880 als Werbesong für die Eröffnung der Seilbahn auf den Vesuv komponiert und getextet. Sachen gibt’s!

Danach fahren wir über die Brücke zurück und müssen nun feststellen, dass eines in Kaunas Mangelware ist: Fußgängerampeln! Um in die Altstadt zu kommen müssen wir die Straße via Treppe unterqueren, immer blöd mit den schweren eBikes trotz so einer Fahrradschiene. Vor einer zweiten Unterquerung retten uns zwei Passanten, die uns auf den Fußgängerüberweg 200 m weiter hinweisen. Den werden wir heute gleich ein paar mal nutzen – scheint der einzige überirdische Weg in die Altstadt zu sein, wenn man von der falschen Straßenseite kommt. In der Neustadt gibt es dafür zum Glück mehr und sogar welche, die quer über die Straße führen. Noch nie gesehen das. Ungeheuer praktisch!

Über die holprigen aber wenig befahrenen Straßen der Altstadt steuern wir nach einer kleinen Kaffeepause zuerst das Rathaus an, das den netten Beinamen „Weißer Schwan“ hat. Zu Recht, kann man sagen. Überhaupt ist der große Platz mit seiner schönen Randbebauung wirklich prächtig. Dazu trägt auch die barocke Kirche St. Franz-Xaver* bei. Überhaupt herrscht an Kirchen kein Mangel, es gibt Dutzende!
*Nie von dem gehört, war Spanier, lebte im 16. Jhdt., immerhin war er Mitbegründer des Jesuitenordens und Missionar in Ostasien (mit bestenfalls mittelmäßigem Erfolg).

Bei der Kirche an der anderen Seite des Platzes (Peter und Paul ?) können wir einen Blick in den prunkvollen Innenraum werfen. Meistens sind die Kirchen in Litauen aber verschlossen. Aus Sicherheitsgründen? Schutz vor Diebstahl oder Vandalismus? Wir wissen es nicht, aber es wäre ja (leider) naheliegend.

Möwen oder Tauben uff’m Kopp kann jeder, doch ein singender Buchfink ist eines Präsidenten würdigl

Wir verlassen die Altstadt und schauen uns das ehemalige Präsidentenpalais an, doch Moment mal? Wieso Präsidenten? Hauptstadt Litauens ist doch Vilnius 🤔. Nun das stimmt natürlich, aber Vilnius war in der Zwischenkriegszeit fast 20 Jahre lang (1922 – 1939) von Polen besetzt. Kaunas diente als provisorische Hauptstadt (ähnlich wie der Status von Bonn nach dem Krieg als Interimslösung für Berlin). Nach dem deutsch-sowjetischen Überfall auf Polen 1939 übergaben die Sowjets Vilnius zurück an Litauen (das sie sich nach dem Krieg als Sowjetrepublik einverleibten).

Für Kaunas bedeutete der Status als Hauptstadt einen enormen Aufschwung und die städtebaulichen Aktivitäten der Zwischenkriegsjahre prägen die Stadt bis heute. So ist die breite Freiheitallee (Laisvės Alėja) von prächtigen Häusern in Art deco und im Stil der Amsterdamer Schule gesäumt.

Die breite Freiheitsallee gehört den Menschen, nicht den Autos!

Volker war besonders angetan von dieser Zwischenkriegs-Architektur, für die Kaunas 2023 den Status einer Welterbestätte der UNESCO erhalten hat: „Modern Kaunas: Achitecture of Optimism 1919-1939“.

Die Freiheitsallee bildet eine exakte Blickachse zur monumentalen Michaelskirche (allerdings verdecken die Alleebäume das Bauwerk).
Gerne hätten wir einen Blick hineingeworfen, war aber abgeschlossen.

Mittlerweile hat sich der bedeckte Himmel entschieden, Wasser auf uns zu werfen, wir ziehen die Regencapes über und radeln den Berg hinauf zur Wiederauferstehunsgkirche. Noch ein Beispiel der Zwischenkriegsarchitektur, dem vorher gesagten nach eindeutig keine Amsterdamer Schule.

Auch innen ist die Kirche hell und sehr schlicht. Wir sind aber wegen etwas anderem hier: es gibt nämlich eine Dachterrasse mit Ausblick über ganz Kaunas, ein Muss, bescheidet uns der Reiseführer. Volker nimmt die Treppen, ich den Aufzug. Schon toll da oben, aber bei dem Pisswetter 🌧️💦💦 irgendwie dann doch nicht.

Wo wir beim Thema Wasser sind noch ein netter Sidefact: Überall in der Stadt stehen solche Bögen, angeschlossen an einen Hydranten, die Wasser vernebeln. Heute wär’s nicht nötig, ist aber sicherlich an heißen Sommertagen angenehm fürs Stadtklima. Und die Kinder haben ihren Spaß!

Wir rollen den Berg wieder runter und machen uns auf den Rückweg zur Altstadt. Ein kurzer Stopp an der silbrigen Kugel, die hier als Hommage an den litauischen Buchstaben ė (langes e) steht. Kann man machen. Hier haben wir auch eine Aufgabe fürs Geocachen zu erfüllen, wir sollen selbst zum E werden. Das übernimmt Volker mit einer yogatauglichen Verrenkung und erfindet das neue Gymnastik-Workout Kaunastics (nur echt im gelben Regenponcho!).

Am Militärmuseum finden wir Kaunas‘ Unabhängigkeitsdenkmal. Vermutlich nur eines von vielen, denn ein so gebeuteltes Land wie Litauen legt auf Unabhängigkeit und Freiheit (staatliche wie menschliche) sehr großen Wert. Die Sowjetzeit ist geradezu verhasst und die Zugehörigkeit zu Europa wird sehr betont. Alle Balten empfinden sich nicht dem Osten zugehörig, sondern als Nordeuropäer.

Bendra butis heißt Gemeinschaft

Unser letzter Stop ist einer der schönsten, wie ich finde:
Die Kiemo Gallery ist Kunst im Hinterhof, von Menschen für Menschen. Ganz fabelhaft! Das kapieren sogar wir Kunstbanausen und ich mach dann gleich mal mit.

Im immer stärker werdenden Regen retten wir uns ins Berneliu uzeiga (uzeiga= Gasthaus) wo in urigem Ambiente litauische Kost zu zivilen Preisen serviert wird.

Erbsen mit Speckwürfeln, gebratener Käse, Tiškevičiai (Maultaschen) und Cepelinai (Knödel), die beiden letzteren mit Fleischfüllung.

Das haben wir uns verdient!


Ob wir auch die Heimfahrt im strömenden Regen bei Blitz und Donner verdient haben, möchte ich doch bezweifeln, das muss ein Irrtum des Universums gewesen sein ⛈️⚡️💦. Ziemlich nass kommen wir zuhause wieder an. Es schüttet noch eine ganze Weile wie aus Kübeln und der Campingplatz verwandelt sich in eine Seenplatte aus riesigen Pfützen.

In der Nacht pladdert es weiter auf’s GFK-Dach, aber das sind wir ja gewöhnt, es wirkt sogareinschläfernd, wenn’s nicht grad ein Wolkenbruch ist.

Anmerkung: Es gibt an die 20 Virtual Caches 👻 im Stadtgebiet von Kaunas, davon haben wir heute 11 geloggt. So viele an einem Tag an hatten wir noch nie.

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