Vermessen: Die Reise zum Mittelpunkt Europas

Dienstag, 9. Juni 2026: Von Vilnius nach Mindunai

Der Wetterbericht verheißt leider nichts Gutes: Morgen geht’s noch, aber am Donnerstag steht ein Wetterwechsel an mit Regen, Gewitter, Sturm, dann wird’s die kommenden 8-10 Tage deutlich kühler und sehr wechselhaft. Also nicht gerade das Wetter für Wanderungen, Kajakausflüge oder Radtouren (zumal das Radfahren hier eher beschwerlich ist). Also haben wir den Nationalpark Aukstaitija ganz im Osten von der Liste gestrichen. Wir fahren dran vorbei zum CP Mindunai.

Fast ist es heute ein wenig, als würden wir auf den Spuren von Jules Verne reisen. Oder viel eher noch in den Fußstapfen von Carl Friedrich Gauß.

Es ist heute noch ein schöner sonniger Tag, etwas schwül und wir fahren durch eine unendlich lange Baustelle schnurgerade nach Norden.

Unser Ziel ist kein geringeres als das Bulls eye Europas, der Mittelpunkt, der Schwerpunkt, der Punkt an dem man Europa auf einer Nadelspitze balancieren könnte, ohne dass es runterfällt.

Da wollen wir hin. Google Maps will uns nach links schicken, doch die Mittelleiplanke des mittlerweile baustellenfreien, ausgebauten Stücks der A14 hindert uns daran. Doch da! ein Schild weist zu etwas „geodezinis“, GEO – das muss es sein! Also ab zum nächsten Kreisel, wenden und rein in das Nebensträßchen.

Doch was wir vorfinden ist mitnichten der Mittelpunkt Europas, sondern eine Welterbestätte am Ende eines Feldwegs: Ein Messpunkt des Struve-Bogens.

Wer diesen Blog fleißig liest, erinnert sich vielleicht , dass wir vor ca. 3 Jahren in Hammerfest am nördlichsten Punkt dieses ambitionierten Vermessungsprojektes standen. Dort ist das alles ausführlich beschrieben! Und hier war eben auch ein Punkt der Messkette, ergo ein Teil dieser Welterbestätte, die sich über einen Längengrad erstreckt.

Was das mit Gauß zu tun hat? Nun, der deutsche Mathematiker Carl Friedrich Gauß tat quasi zur gleichen Zeit an einem anderen Ort das Gleiche: Vom englischen König Georg IV. hatte er 1820 den Auftrag zur Gradmessung von Göttingen nach Hamburg und er vermaß mit der gleichen Triangulationsmethode bis 1844 das ganze Königreich Hannover. 

Nach diesem unverhofften Abstecher geht es nun aber wirklich zum Mittelpunkt Europas! Eigentlich muss man sagen: Zu einem der Mittelpunkte Europas, denn es gibt deren eine ganze Reihe. Im Grunde genommen hat jeder Forscher, der den Punkt berechnete, ihn in seinem Heimatland gefunden.

Nur die Franzosen nicht, sie bestimmten 1989 (im Übrigen als letzte) einen Ort in Litauen als Geographisches Zentrum Europas, als sogenannten Flächenschwerpunkt. Man stelle sich vor, man würde Europa aus einer Pappscheibe ausschneiden, noch ein paar Inseln (Island, Spitzbergen, sogar die Azoren) mit unsichtbaren Fäden damit verbinden und das Gebilde dann auf der Fingerspitze ausbalancieren: das ist der Flächenschwerpunkt. Natürlich haben die französischen Mathematiker nicht gebastelt, sie haben das berechnet!

Herausgekommen sind die Koordinaten 54° 54′ 0″ N, 25° 19′ 0″ E, fast mitten in einem Golfplatz gelegen, und da hat man erst einen schönen, riesigen Findling platziert und später eine noch schönere Säule mit einer Krone obendrauf hingestellt. Es war natürlich sehr verlockend, Volker so zu platzieren, dass er diese Krone auf den Kopf trägt.

Den Weg zu diesem Denkmal säumen die Flaggen der 7 europäischen Staaten. Wer sie alle kennt, bekommt ein Fleißbienchen 🐝.

Leider war das Besucherzentrum nicht besetzt, sonst hätte man uns dort ein Zertifikat ausgestellt. Das hätten wir gern gehabt!

Auf dem Rükweg begegnen wir dem Animal of the Day, diesmal gleich hunderttausendfach in Form der Roten Waldameise.

Am Nachmittag erreichen wir dann den avisierten CP, sehr lauschig mitten im Wald am Seeufer.

Außer uns ist nur noch ein holländisches Paar da (mit dem kleinen Zelt im Hintergrund), beide sehr, sehr nett.

Bevor wir zum gemütlichen Teil des Tages übergehen, steht aber noch ein Ausflug in schwindelnde Höhen an, denn direkt neben dem Platz (und ich meine wirklich DIREKT) steht Litauens höchster Aussichtsturm. Hier der Beweis:

Es hilft ja alles nix, da müssen wir hoch. Witzigerweise treffen wir vor dem Aufstieg die vier Israelis, die vorgestern mit uns gemeinsam bei der Stadtführung waren. Wir haben ein nettes und interessantes Gespräch – nein, nicht über die politische Situation im nahen Osten, (das wäre wohl auch kaum als nett zu bezeichnen), sondern über persönliche Dinge: Drei von ihnen sind nämlich auf der Reise in ihre Vergangenheit, in die Heimat ihrer Eltern und/oder Großeltern, die aus Litauen bzw. Polen stammten. Wir verabschieden uns herzlich, vergessen aber vor lauter lauter, ein gemeinsames Foto zu machen. Je nun, dann bleiben sie halt in unserer Erinnerung.

Dann geht es aber wirklich die 213 Stufen hinauf, ganz oben in 36 Metern Höhe schwankt das Ding ein wenig und ich fühle mich nicht wirklich wohl. Es könnte aber schlimmer sein (und war es auch schon). Die Wehwehchen nehmen mit dem Alter zu, aber meine Höhenangst nimmt ab, das ist doch was!

Der Panoramablick über den See ist schon sehenswert!

Und der Blick runter auf den HoGo auch.

Dort unten wieder angekommen starte ich das Project Pink: Selbstgemachte Šaltibarščiai.

Das Ergebnis ist überzeugend, farblich wie geschmacklich. Das Zeug kommt auf meine Speisekarte!

Den Abend verbringen wir mit Musizieren, Lagerfeuermusik ohne Lagerfeuer sozusagen. Donna Donna, Bella Ciao, The Boxer, Suzanne und auch der gute Hannes Wader … das macht richtig Spaß. Die Holländer von nebenan mögen es auch, wir haben es also noch drauf!

Der einzige Wermutstropfen sind Dutzende (Volker würde sagen Hunderte) ekliger Marienkäferlarven (asiatische), die überall hinkrabbeln und auch zwicken. Immerhin habe ich sie als Larven erkannt, so ein Biologiestudium ist auch nach fast 50 Jahren noch zu was nütze.

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