Am Berg der Kreuze

Mittwoch bis Freitag: 200 Kilometer Richtung Meer und ein Stehtag

Am Mittwoch tröppelt es in der Früh auf’s Hogodach, der Wetterwechsel kündigt sich an. Wir überlegen beim Frühstück, wie es weitergeht, streichen auch noch das Pferdemuseum und den Baumwipfelpfad und beschließen einen 200 km Schlag zum Berg der Kreuze zu machen.

Statistik: Volker hat ausgerechnet, dass wir für die verbleibenden 72 Tage (bis Grenzübertritt Polen am 21.8.) 3.600 km Strecke haben. Das ergibt einen Tagesschnitt von ca. 50 Kilometern – Abstecher, Umwege etc. nicht einberechnet. Zurzeit liegen wir bei etwa 40 km. Schadet also nicht, wenn wir mal etwas Strecke machen.

Wir machen noch ein paar Einkäufe und stellen mal wieder fest, dass die Kosten für mobile Daten in Deutschland reine Abzocke sind: Unbegrenztes (!) Datenvolumen kosten hier 8,99 Euro im Monat, wir berappen 30 Euro für 180 GB. Unverschämt. Und da wundern wir uns, dass wir allen anderen hinterherhinken. Im Übrigen ist hier auch der Empfang selbst in der hinterletzten Pampa nicht schlechter als zwei Balken 5G.

So das war der Mecker des Tages, jetzt zur Reise. Sie führt über recht passable schnurgerade Straßen durch plattes Land. Meist Wiesen, ab und an Kartoffeln, bissel Raps, später auch Getreide, dazwischen kleine Waldstücke. Keine Ortsdurchfahrten, höchstens mal ein paar Häuser oder ein Gehöft. Und viele Mobilfunkmasten (siehe oben).

An unserem avisierten Stellplatz begrüßt uns ein grausliges Ungeheuer, die dazu gehörige Menschin ist aber nett und weist uns ein.

Für günstige 20 Euro gibt es Strom und eine Blockhütte mit Klo und Dusche, picobello sauber (was man vom vorherigen Platz nicht behaupten konnte, da war das Sanitär so verschimmelt, da mochte ich nicht duschen). Und – nicht im Bild – eine riesige Wiese, bevölkert von drei eifrigen Mährobotern.

Für einen Parkplatz erste Güte!

Wir holen fix die Fahrräder runter und radeln die gut 3 Kilometer zum berühmten Berg der Kreuze.

Um den Hügel ranken sich manche Legenden, Fakt ist, dass er mit der Opposition gegen die Unterdrückung durch russische Besatzung in Verbindung steht. Erst durch das zaristische Russland, später durch die Sowjets.

Das ist nun die Gelegenheit, die Geschichte Litauens zu Ende zu erzählen, denn für sie spielt Russland eine bedeutende Rolle. Und zwar die des Bösewichts!

Aufgehört hab ich bei den drei polnischen Teilungen Ende Jahrhunderts. Es waren die Großmächte Russland, Österreich-Ungarn und Preußen, die in drei Kriegen das Großreich Polen-Litauen unter sich aufteilen, bis nichts mehr davon übrig war.

Aufstände der polnischen und litauischen Bevölkerung in den Jahren 1830/31 sowie 1863/64 wurden blutig niedergeschlagen.

Erst nach dem 1. Weltkrieg gewann Litauen seine staatliche Autonomie zurück, schnappte sich für eine Weile sogar noch das Memelland hinzu (das 600 Jahre lang deutsch gewesen war) und gab sich eine parlamentarisch-demokratische Verfassung. Die hebelte jedoch der 3. Staatspräsident Antanas Smetona aus (der mit dem Buchfink, man erinnere sich an Kaunas!) und regierte das Land 14 Jahre lang autoritär.

Dann ging es drunter und drüber: 1940 marschierten die Sowjets ein, 1941 die Nazis, 1944 wieder die Rote Armee. Beide Terrorregimes richteten grausame Verheerungen unter der Bevölkerung an, 90% der jüdischen Bevölkerung wurde binnen eines Jahres umgebracht, Stalin schickte Zehntausende in Straflager nach Sibirien. 65.000 Litauer flohen bis Kriegsende nach Deutschland – es erschien als das kleinere Übel (wenn man kein Jude war).

1945 wurden Litauen, Lettland und Estland als Sowjetrepubliken der UdSSR einverleibt. Nicht freiwillig, versteht sich. Die „Säuberungsaktionen“ hielten noch eine Zeit lang an und mündeten dann in den Status quo eines Überwachungsstaates.

Bis Glasnost und Perestroika 1990 zum Zerfall der Sowjetunion führten. Davor hatten friedliche Proteste den Freiheitswillen und Widerstandsgeist der baltischen Republiken bewiesen, die „singende Revolution“ und der „baltische Weg“, die beeindruckende Menschenkette von Tallin über Riga nach Vilnius, 2 Millionen Menschen die sich bei den Händen hielten, das war quasi die gesamte Bevölkerung der drei Länder, die auf den Beinen stehen konnte. Unglaublich!

Von Kusurija – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31492433

1990 erklärte Litauen als erste ehemalige Sowjetrepublik seine Unabhängigkeit. 2004 wurde das Land Mitglied von EU und NATO, 2007 Teil des Schengen-Raums und zum 1. Januar 2015 löste der Euro den Litas ab.

Mit jeder Welle der Unterdrückung stellte man auf dem Hügel Kreuze für die getöteten, verschwundenen Angehörigen auf, erst nur die Leute aus der näheren Umgebung, dann wurden es immer mehr.

1900 waren es 150, 1940 etwa 400 Kreuze. Und es wurden immer mehr. Der Hügel wurde zu einem politischen Symbol gegen die kommunistische Herrschaft der Sowjets. Das Regime ließ ihn mehrmals mit Bulldozern schleifen, die Kreuze niederbrennen. Sie kamen zurück – mehr als zuvor, wie die Köpfe einer Hydra. Ein vergeblicher Kreuzzug, im verqueren Sinn des Wortes. Der Berg war längst Symbol des nationalen Widerstands geworden. 1990 soll es 40.000 Kreuze auf dem Hügel gegeben haben.

Es sind unzählige und es werden täglich mehr. Große und kleine, alte und neue,  schlichte und prächtige, aus Holz und aus Eisen. Sie sind behängt mit Ketten und Rosenkränzen, Schutzengeln und Heiligenfigürchen. Geht der Wind, dann geben sie ein leises Geläut und Klappern von sich.

Bei allem touristischen Trubel, den es hier auch gibt, ist das ein mystischer Ort, sogar im hellen Sonnenschein.

Der Rest ist schnell erzählt: Donnerstag bei Siffwetter Stehtag.

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