Zurück ans Meer

12. Juni 2026: Über das Cold War Museum an die Ostseeküste nach Palanga

Am Freitag sind wir sehr früh wach (7:30 Uhr), aber nicht unbedingt ausgeschlafen 🥱. Zumindest ich nicht, nachdem ich gestern Nacht bis 1 Uhr den Blog zu Ende geschrieben habe.

Wir räumen unsere Siebensachen zusammen und machen uns auf die knapp 200 km-Etappe nach Palanga, zurück an die Ostseeküste.

Von Siauliai (I) über das Cold War Museum (A) nach Palanga (B), 186 km

Unterwegs gibt es nur eine Sehenswürdigkeit, die wird aber immer wieder als must see empfohlen: Das Museum des Kalten Krieges befindet sich nämlich nicht in irgendeinem Gebäude, sondern in einer ehemaligen sowjetischen Raketenabschussbasis 😨🚀.

Unterirdisch.

Es ist eine von 8 (wir nehmen an baugleichen) Raketenbasen mit jeweils 4 Abschussvorrichtungen. Die befinden sich unter den Kuppeln, die oben geöffnet werden können und den Weg für die Rakete aus ihrem 30 Meter tiefen Schacht freigibt.

Das ist das russische Modell, bei den Amerikaners sah es im Prinzip genauso aus ⬇️.

Der erste Raum des Museums ist zugleich der informativste, er erzählt die Geschichte des Kalten Kriegs von 1945 bis zum INF-Vertrag USA/UdSSR 1987.

Das Wettrüsten begann schon mit Kriegsende, denn bereits da waren sich die alliierten Westmächte und Russland nicht mehr wirklich grün. Die beiden Atombomben auf Japan waren ein Zeichen Amerikas an die Sowjets: Lasst die Finger von Ostasien, seht was wir können! Für einen Sieg über Japan hätten es konventionelle Waffen auch getan.

Die bald offen verfeindeten Lager schnappten sich alle deutschen Rüstungsexperten derer sie habhaft werden konnten, da war man auch nicht wählerisch, wenn es sich z.B. um einen ehemaligen SS-Sturmbannführer wie Wernher von Braun handelte.

Beide Seiten produzierten immer mehr, weiterreichende und stärkere Waffen. Nach wenigen Jahren wirkte die Technologie des 2. Weltkriegs vorsintflutlich und in den 1960er Jahren erreichte das Wettrüsten mit den ersten Satelliten den Weltraum.

Die Supermächte rüsteten sich für einen nuklearen 3. Weltkrieg. Und spionierten sich gegenseitig aus.

Die Ausstellung thematisiert die großen „Meilensteine“ des Kalten Krieges, die Kuba-Krise 1962, die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, den Einmarsch in Afghanistan 1979. Und das vorläufige Ende mit der Unterzeichnung des INF-Vertrages (steht für Intermediate-Range Nuclear Forces) 1987 durch Gorbatschov und Reagan, woraufhin zumindest ein Teil des Waffenarsenals (bodengestützte Kurz- und Mittelstreckenraketen) abgerüstet wurden.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir z.B. 1984 gegen die im Hunsrück stationierten Pershing-Raketen demonstriert haben, mit Benjamin im Kinderwagen beim Ostermarsch in Völkenroth 🕊️☮️.

Das Abkommen wurde 2019 von den USA aufgekündigt. Dreimal darf man raten, durch wen. (OK, das ist jetzt etwas plakativ, denn die Russen, vermutlich auch die Amerikaner haben sich nicht mehr dran gehalten. Der 32 Jahre alte Vertrag hätte ein update gebraucht. Man hätte verhandeln müssen, miteinander reden, Vertrauen wieder aufbauen, statt den Elefanten DJT in den Porzellanladen zu schicken. Aber lassen wir das.)

Es ist schon spooky in den Gängen und Räumen tief unter der Erde, wir verlaufen uns auch, finden die nächste Station in der Reihenfolge nicht, gehen im Kreis.

Nach 2 Stunden kommen wir aus den Katakomben wieder ans Tageslicht. Puuh! Das sind so Besichtigungen, die sind hochinteressant, aber es kommt so recht keine Freude auf 🤷‍♀️.

Wir fahren dann die restlichen ca. 80 Kilometer an die Küste und nehmen Quartier au einem kleinen, familiären CP in der Nähe von Litauens beliebtestem Seebad Palanga.

Unterwegs begegnen wir noch seltsamen Feldern, die mit Doldenblütlern bepflanzt sind:

Leider ist das Erkennen von Doldenblütlern die Königklasse der Pflanzenbestimmung, die sehen alle so verdammt gleich aus. Auch Plant net kapituliert und gibt maximal 13%-ige Gewissheit. Ich vermute, dass es sich um Kümmelfelder handelt. Die soll es in Litauen geben. Allerdings riecht das Zeugs nicht nach Kümmel (eigentlich nach gar nichts). Wir müssen unseren CP-Besitzer fragen, der weiß das bestimmt (und er spricht sehr gut und auch gerne Deutsch).

Das Wetter ist sehr angenehm und wir hocken uns in die warme Abendsonne.

Kaum ist die weg, wird es jedoch empfindlich kühl.

Trotzdem: Weil heute der vorerst letzte schöne Sonnenuntergang für die nächsten paar regnerischen Tage angesagt ist, gehen wir kurz von 22 Uhr noch mal rüber zum Strand.

Wir wundern uns, dass weit und breit keine Sonne zu sehen ist und dann fällt es uns ein: Der PC, auf dem ich die Uhrzeit abgelesen habe, zeigt nämlich nicht die Ortszeit an, sondern die Uhrzeit bei uns Zuhause. Und hier ist es halt eine Stunde später. Dumm gelaufen 🫣🤭. So erfreuen wir uns am Nachklapp, einem sehr schönen Abendrot 🤷‍♀️🤷‍♂️.

Am Samstag früh ist es auch noch klar und freundlich und wir radeln nach Palanga, womit wir nach zweieinhalb Wochen grade mal 25 Kilometer nördlich von Klaipeda angekommen sind.

Palanga ist das größte und beliebteste Seebad Litauens, das Travemünde des Ostens sozusagen. Wie fast überall an der Ostsee gibt es auch hier eine Seebrücke (die Schiffe können halt in dem flachen Wasser nicht dicht ans Land ran), die von Palanga ist besonders ausladend (470 m) und geht einmal ums Eck. Die erste Seebrücke baute man hier 1882, 1997 war die baufällig und wurde durch eine neue ersetzt.

Palanga war immer schon ein wichtiger Hafen, ein Piratennest mit wechselvoller Geschichte, gehörte mal zu Dänemark, Schweden, zum Deutschen Orden, zu Lettland, Russland und natürlich auch zu Litauen. Obwohl das Städtchen nur 17.000 Einwohner hat, gibt es hier den drittgrößten Flughafen Litauens mit Direktverbindungen zu vielen nordeuopäischen Städten.

Im 19. Jahrhundert wurde aus der Hafenstadt ein schickes Seebad mit schönen Häusern, Hotels und Kureinrichtungen. Witzigerweiser nennt man das auf litauisch Kurortas und das Kurhaus heißt Kurhauzą.

Ob das mit dem deutschen Architekten zu tun hat, der im 19. Jahrhundert vieles für den Mäzen der Stadt gebaut hat, wissen wir nicht.

Rund um die Seebrücke und die Hauptstraße findet heute das Windfestival statt, eine Musik- und Sportveranstaltung mit Skate- und Wakeboardevents (Wakeboard ist wie Snowboard auf dem Wasser), Segelregatta und am frühen Abend sollen sogar Fallschirmspringer am Strand landen. Die müssen genau zielen, denn breit ist dieser Strand nicht!

Nachdem wir einmal bis zum Ende der Seebrücke und wieder zurück spaziert sind, genehmigen wir uns in der Strandbar ein Päuschen und gucken auf’s Meer – etwas, was man gemeinhin häufiger tun sollte. Sogar bei 15 Grad an der Ostsee kommt ein klitzekleines bisschen Karibik-Feeling auf (und wir fragen uns, wie wir jemals aus diesen verdammt gemütlichen Sitzsäcken wieder hochkommen sollen 🤣).

Auch auf der Hauptstraße mit dem unaussprechlichen Namen, die genau auf die Seebrücke zu führt, ist es fröhlich und turbulent. Neben den vielen Restaurants und gefühlt 25 Eisdielen und Eisverkaufsständen aller Größenordnungen gibt es Events rund um das Festival, Workshops für Kids zum Thema Natur und Windenergie, ein Skaterparcours, Seifenblasenmaschinen, alle möglichen Verkaufsstände, Portraitmaler, Leute die Werbeartikel verschenken, ein modernes Riesenrad und über allem wummern die rhythmischen Beats der DJs von der großen Bühne herüber.

Wir machen eine kleine Sightseeing-Runde durch’s Ort und schauen uns als erstes die neugotische Backsteinkirche an.

In Ermangelung von Sandstein oder Kalkstein war zu Backsteinen gebrannter Lehm neben Holz das wichtigste Baumaterial (auch in Norddeutschland).

Anschließend geht es in den kleinen aber feinen Skulpturenpark, in dem der Weiblichkeit gehuldigt wird – ob absichtlich oder nur so, das wissen wir nicht.

Meine Lieblingsskulptur. Medis – ich nehme an das meint Medusa.

Dann geht es in das das hiesige Bernsteinmuseum, das in einem schicken Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert residiert.

Nach dem Bernsteinmuseum, das wir schon in Nida besucht haben, bietet dieses nicht mehr viel Neues. Doch die Ausstellung zeigt sehr schöne Exponate, die man sich fast alle von einem Audioguide erklären lassen könnte (wenn man 5 Stunden Zeit hat).

Ein ganzer Raum präsentiert eingeschlossene Pflanzen und Kleintiere. Meistens sind es Insekten, die von den frischen Bernsteintropfen überrascht wurden und darin den Tod fanden. Größere Tiere konnten sich aus dem klebrigen Harz befreien.

Im Film Jurassic park hat man aus so konservierten Stechmücken Dinosaurier-DNA extrahiert und die Urviecher damit wieder zum Leben erweckt. Eine verlockende oder zumindest faszinierende Vorstellung. Allerdings wissenschaftlich haltlos. In diesen Artefakten ist nach 50 und mehr Millionen Jahren jedes Fitzelchen DNA längst zerfallen. Vermutlich geschah das in dem Baumharz mit seinen Terpenen, Säuren und reaktiven Substanzen sogar sehr schnell.

Auch sehr schöne Schmuckstücke sind dabei. Ich kannte Bernsteinschmuck nur in Form der langweiligen Ketten von Volkers und meiner Mutter, aber man kann wirklich fantastischen Schmuck daraus anfertigen. Weil Bernstein ja leicht ist, kann man auch riesige Klunker tragen, ohne zusammenzubrechen.

Ein paar Kuriositäten gibt es ebenfalls. Hier links ein in einen Bernsteintropfen eingeschlossener Bernsteintropfen und rechts eine Sammlung von Bernsteinschnullern.

Es macht sich danach ein Hüngerchen bemerkbar und wir gehen auf einen kleinen Snack in eines der vielen Restaurants an der Hauptstraße. Nun würden wir ja gerne noch was von den Vorführungen mitbekommen, aber es zieht eine größere Regenwolke auf, und das ist uns dann zu ungemütlich.
Also fahren wir gegen 17:30 zurück zum HoGo und kaufen unterwegs noch leckeren Räucherfisch an einer der vielen Räucherfischbuden. Derweil wird der Regen immer stärker und wir sind froh, als wir auf dem Campingplatz ankommen.

Leider zickt mein Emil seit ein paar Tagen rum: Wenn ich aufhöre zu treten oder rückwärts trete, schaltet er danach vom Freilauf nicht mehr in den Antriebsmodus um. Auch bei abgeschaltetem Motor, also ein mechanisches Problem. Im Motor sitzt wohl ein Hebel, der den Freilauf ein- und ausschaltet und irgendwie klemmt. Gemini meint, es ist verharzt oder verdreckt und die Federn drücken diesen Hebel nicht wieder in Position. Sehr ärgerlich, denn den Motor fasst keiner an, das ist ein geschlossenes und eigentlich wartungsfreies System, das man nicht aufschraubt. Bosch ist auch nicht mehr das, was es (vielleicht) mal war 😤.

Ich nutze die Gelegenheit und zeige unserem Wirt und seiner Frau die Bilder die ich gestern auf der Fahrt von diesen seltsamen Feldern mit den Doldenblütlern gemacht hab, in der Hoffnung dass er als Einheimischer weiß, was da wächst. Doch die beiden und auch der herbeigerufene Sohn mit der Handyapp haben keine Ahnung: sie hätten sowas noch nie gesehen und meine Vermutung dass es sich um Kümmel handelt weisen sie weit von sich. Immerhin wird das Kraut korrekt als „Regenschirmgewächs“ klassifiziert, so heißt es, wenn man den litauischen Begriff für Doldenblütler wörtlich ins Deutsche übersetzt. Lustig und durchaus zutreffend!

Da das Wetter sich erstaunlich mausert, unternehmen wir um Viertel vor zehn (Ortszeit!) einen zweiten Versuch mit dem Sunset.

Da ist noch viel Luft nach oben, würd‘ ich mal sagen.

Auf dem Weg zum Strand erwähnt Volker beiläufig, dass wir morgen Litauen verlassen und nach Lettland fahren. Na dann labu nakti 🥱😴. Ich leg mir das lettische Wörterbuch unter’s Kopfkissen.

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