Von der Ostsee zum Peipussee

29. Juli 2026: Steiler Abschied von der Ostsee, Kloster Pühtitsa, Peipussee

Heute kriegen wir die Kurve, sagen der Ostsee nägemiseni und biegen endgültig nach Süden ab.

Vorher halten wir beim Valaste-Wasserfall an. Nachdem wir ja gestern etwas enttäuscht waren, geben wir der Glintküste heute eine zweite Chance. Das ist mal wieder der Beweis, dass man sich nicht (nur) auf den Reiseführer verlassen sollte! Die Autorinnen des unsrigen WoMo-Reiseführer wissen nur zu berichten, dass er bei ihrem Besuch im Juli sehr wenig Wasser führte und dass es eine Treppe runter gibt. Danke und tschüs. Um so erstaunter sind wir, welcher Anblick sich uns hier bietet. Ich sage es ungern, aber es stimmt: Atemberaubend!

Die ersten Meter geht es noch ganz harmlos die Stufen hinunter … und auf einmal steht man im Bodenlosen! Der Treppenturm führt geradewegs in den Abgrund, nur mit ein paar Schräubchen verankert im bröseligen Gestein der Steilwand – ich kann kaum hingucken 😱. Aber ich muss! Denn von der Treppe eröffnet sich der Blick auf … tja, wie soll man es nennen … einen Krater, einen Felsendom, ein Amphitheater?

Ja, der Wasserfall ist nicht üppig, aber das Setting um so mehr!

Mich bekommen eh keine 10 Pferde diese Treppe* runter (die eine Etage reicht mir völlig 😵‍💫) und auch Volker setzt auf Kilroy als Scout und Botschafter. Er bringt grandiose Bilder von seinem Ausflug mit!
* Ein Schild warnt: Betreten auf eigene Gefahr und maximal 10 Personen auf der Treppe. Wie soll das gehen, wenn man gar nicht bis unten gucken kann, wer drauf ist?

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Steilküste bei Ontika. Man sieht deutlich die 30 m hohe, obere Steilstufe der Küste. Insgesamt ist sie hier 55 Meter hoch!

Jetzt müssen wir doch noch ein wenig mehr über diesen Baltischen Klint erfahren. Die Geländestufe beginnt bei der Insel Öland, setzt sich unter Wasser fort bis sie etwa bei Haapsalu auf die estnische Küste trifft. Da bleibt sie für eine ganze Weile oft als klassische Steilküste (haben wir ja gesehen) bis sie bei Narva nach Russland übergeht und dort etwas hinter der Küstenlinie verläuft. Im Ladogasee „verschwindet“ das Kliff dann.

Das Gestein – Kalkstein – entstand durch marine Ablagerungen in einem flachen, tropischen Meer im Erdaltertum, vor 400, 500 Millionen Jahren.

Die Entstehung der Stufe (Kliff, Klint oder wie man es nennen mag) war lange umstritten. Manche machten eine tektonische Störung dafür verantwortlich – also einen Riss, an dem das Land abgesackt ist. Heute geht man davon aus, dass die Klippe unmittelbar vor der letzten Eiszeit durch den „Baltischen Urstrom“ geformt wurde. Dieser riesige Fluss durchströmte das heutige Ostseebecken von Nordost nach Südwest und mündete im Gebiet der heutigen Nordsee ins Meer. Er schnitt sich dabei tief in den Kalkstein ein, spülte alle weichen, losen Bestandteile weg, nur das harte Gestein blieb als Klippe in mehreren Stufen stehen. Auch die Gletscher konnten die Steilhänge nicht beseitigen und nivellieren.

Der Valaste Wasserfall ist übrigens von Menschenhand geschaffen: Entwässerungsmaßnahmen in den 1970er Jahren schufen einen Kanal, der über die Klippe abgeleitet wurde. In knapp 60 Jahren hat der künstliche Fluss sich einen beeindruckenden Kessel geschaffen in dem die Geologie von 500 Millionen Jahren wie ein aufgeschlagenes Buch vor einem liegt (wenn man es denn lesen kann).

Die oberen Schichten sind „junger“ Kalkstein (450-480 Mio. Jahre), gefolgt von blauen und dunklen Tonschiefern und am Fuß der Klippe weicher Sandstein und Ton aus dem Kambrium (540 Mio. Jahre). Das Wasser stürzt über die harte Kalksteinkante, trifft unten auf den weichen Sandstein und wäscht die Basis der Klippe aus. Dadurch bricht die Oberkante von Zeit zu Zeit ab, der Wasserfall frisst sich immer tiefer ins Landesinnere und bildet eine steile Schlucht (Rückschreitende Erosion).

Wenn man bedenkt, was er in nur 60 Jahren schon geschafft hat! Faszinierend!

Mit diesen beeindruckenden Bildern kehren wir der Ostsee nun den Rücken und steuern unser zweites Tagesziel an.

Unterwegs

Kontrastprogramm: Es geht in das orthodoxe Nonnenkloster von Pühtitsa, das einzig verbliebene in Estland. 1891 wurde es beim Dorf Kuremäe gegründet, an einem seit alters her heiligen Ort an dem eine Quelle mit heilendem Wasser entspringt (haben wir nicht gefunden, ist vielleicht nicht für Kassenpatienten).

Die kleine Klosterpforte ist wie ein Portal, durch das man in eine andere Zeit gelangt: Frauen mit Kopftüchern, alte Nonnen in schwarzem Habit, auf Stöcke gestützt, verrichten schweigend ihre Arbeit, tragen Dinge von hier nach das, jäten Unkraut in den herrlichen Gärten, füllen die Öllampen in der Kirche auf. Etwa 100 Nonnen leben und arbeiten hier.

Auch ich ziehe mir das mitgebrachte Kopftuch über, bevor wir in die große Basilika treten, Prunkstück und Mittelpunkt des Klosters. Es gibt noch 5 weitere, kleine Kirchen und viele schöne Holzhäuser, alles piccobello gepflegt. Es strahlt Würde und Ruhe aus, ein Ort, der der Zeit entrückt scheint.

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Da wir weder Arst noch Internet benötigen fahren wir danach weiter gen Süden zum Ufer des Peipussees. Das ist der 5.-größte See Europas und wir haben den Namen nie zuvor gehört, wären auch nicht auf die anderen 4 gekommen: Ladoga, Onega (RUS), Vänern (S), Saimaa (FIN). Ob wir uns das merken 🤔.

Der erste Campingplatz ist schon voll, der zweite verlangt 35 Euro für einen Platz im Wald ohne Sanitär, auf dem dritten werden wir von Bremsen aller Größenordnungen attackiert. Die Laune sinkt. Zum Glück werden wir in Mustvee fündig, am Hafen mit Badestrand, Café und WC ergattern wir einen schönen Parkplatz mit Seeblick. Für umme!

Es gibt pinke Suppe!

Der Platz ist wirklich schön, Volker schickt Kilroy nochmal los und das Universum schenkt uns später passend zum Abendessen eine zartrosa Abenddämmerung (im Osten!) und schickt einen himmlischen Besucher vorbei.

Von Purtse Camping Mereoja (G) über den Wasserfall Lavaste Puhkeküla (H) und dem orthodoxen Nonnenkloster von Pühtitsa (I) nach Mustvee (Peipus See), 123 km
Unsere bisherige Gesamtstrecke durch das Baltikum über etwa 3.000 km

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