Bei den Zwiebelrussen

Donnerstag, 30 Juli 2026: Über die Zwiebelstraße von Mustvee nach Tartu

Die Zeit der Sonnenuntergänge über dem Meer ist für uns nun vorbei. Deshalb stehen wir heute ganz (!) früh auf, um den Sonnenaufgang über dem Peipussee nicht zu verpassen. Der findet um 4 Uhr 56 statt 🥱. Sag einer wir pienzen!

Danach hauen wir uns für 3 weitere Stündchen in die Koje 😴😜, bevor es weiter nach Süden geht. Wir nehmen das Sträßlein dicht am Seeufer und fahren durch ellenlange Dörfer, die ineinander übergehen, Raja, Ranna, Kallaste, Kasipää, Kolkja. Kleine Holzhäuser stehen dicht an dicht, dazwischen führen Kanäle vom See zwischen die Grundstücke.

Hier leben die Zwiebelrussen. Das ist der Spitzname einer Gruppe von Siedlern, die im 17. Jahrhundert als Glaubensflüchtlinge aus Russland hierher kamen. Starowery nennen sie sich, Altgläubige.

Zuhause wollte der Moskauer Patriarch Nikon um 1660 die Riten der russisch-orthodoxen Staatskirche modernisieren, man sollte sich z.B. mit drei Fingern statt wie bisher mit zwei Fingern bekreuzigen, Prozessionen um die Kirche mussten gegen den Uhrzeigersinn laufen, ein drittes Halleluja wurde gesungen und der Name Jesu mit einem zweiten i (Iisus/Иисус) geschrieben.
Es klingt lächerlich, doch für die strenggläubigen Russen kam das einer Gotteslästerung und dem Verrat des Glaubens gleich, galten ihnen doch die althergebrachten Riten als heilig. Die Kirchenoberen reagierten hart: Alle Abweichler wurden aus der Kirche verbannt, mit Unterstützung des Zarentums verfolgt und hingerichtet.
Hunderttausende entschlossen sich zur Flucht und manche fanden am Westufer des Peipussees eine neue Heimat. Doch auch hier erwartete sie Verfolgung und Unterdrückung, denn mit dem Großen Nordischen Krieg kam um 1720 auch das Baltikum unter russische Herrschaft. Kirchen wurden zerstört und niedergebrannt; die Altgläubigen ersetzten sie durch Gebetshäuser, die ohne Turm und Kuppel wie Wohnhäuser aussahen und pflegten ihren Glauben im Stillen und Geheimen.
Ende des 19./Anfang des 20.Jahrhunderts wurden die Regeln gelockert und kleine Kirchen gebaut.

Die Altgläubigen sind keine homogene Gruppe, da ihnen bald die geweihten Bischöfe ausgingen, spalteten sie sich in zwei Hauptgruppen: Die Popowzy (mit Priestern) und die Bespopowzy (Priesterlose). Hier am Peipussee leben die „Priesterlosen“, bei denen die Gemeindeältesten die Gottesdienste leiten.
Die Sitten sind bei allen streng, Mädchen und Frauen müssen Kopftuch tragen, Heiraten außerhalb der Glaubensgruppe sind verboten, teilweise wird heute noch für fremde oder andersgläubige Besucher eigenes Geschirr genutzt, das auch separat gespült werden muss. Zwei Drittel des Jahres wird gefastet, die Speisetabus sind sehr streng, dagegen ist ein gluten- und laktosefreier Veganer ein Schlemmergott. Tabak und Alkohol sind verboten, in besonders strengen Gemeinschaften wird gar allen weltlichen Vergnügungen abgeschworen. Das wär nix für mich!

Hier am „Peipsi“ bauten die Altgläubigen ihre Häuser (getrennt von den Höfen der estnischen Bauern) dicht bei dicht entlang einer einzigen Straße, parallel zum Ufer. Die Grundstücke sind lang und erstrecken sich bis zum See. Das Land war gepachtet, es gehörte den adligen Großgrundbesitzern, meist Deutschbalten. Die Männer gingen fischen, die Frauen bauten in den Gärten an, was das Land hergab, für den Eigenbedarf. Nur die Zwiebeln gediehen so gut, dass man sie verkaufen konnte.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Gruppe der Altgläubigen in Estland stetig schrumpft. Bei den meisten der 12.000 Angehörenden geht es mehr um gelebte Tradition als um strengen Glauben. Die jungen Leute gehen nach Tartu und Tallinn, studieren, lernen moderne Berufe, kommen in Jeans oder Minirock zurück und bringen das Internet in der Hosentasche mit.

Natürlich werden die Altgläubigen nicht mehr verfolgt, sind anerkannt und akzeptiert (vielleicht ein wenig kopfschüttelnd) und hier sind sie ein Tourismusmagnet. Die Zwiebelstraße führt über 30 Kilometer durch ihre Dörfer.

Im Museum in Kolkja schlurfen wir mit Plastiküberzügen an den Füßen durch ein Wohnhaus aus dem späten 19. Jahrhundert, sehr schön eingerichtet, die kalten Steinböden mit Fleckerlteppichen ausgelegt. Dunkle Kleidung kontrastiert mit blütenweiß gebleichtem und bestickten Leinen, in jedem Möbel, jedem Geschirrteil, jedem Tuch spürt man die Sorgfalt, mit der es hergestellt und behandelt wurde.

Fremde und Besucher kamen nur in den Salon, der Rest des Hauses war tabu für sie.
Die „heilige Ecke“ sorgt für die nötige Gottesfurcht.

Im Obergeschoß können wir mittels VR-Brille sogar an einem altgläubigen Gottesdienst teilnehmen. Es scheint, dass vor allem die (alten) Frauen die Tradition lebendig halten – über 25 Frauen und nur eine Handvoll Männer nehmen teil. Das kann man gut abzählen, denn die Männer stehen rechts, die Frauen links.

Und die Zwiebeln? Nun, sie werden vor allem in Kolkja, Kasipää und Varnja am Straßenrand feilgeboten, zusammen mit Knoblauch, Gemüse und Beeren und manchmal auch Trödel.

Und ich hab natürlich zugegriffen. Mit Händen und Füßen und etwas deutsch klappt die Verständigung schon. Und zum Abschied heißt es nägemiseni, auf Wiedersehen, bye bye und doswidanja. Hier wird Russisch gesprochen!

Hier noch ein paar Impressionen vom Tag:

20260730_133233
previous arrow
next arrow
Von Mustvee (J) entlang der „Zwieblestraße bis Varnja (A) und weiter nach Tartu zu unserem Stellplatz Karlova sadam, 112 km

Gegen 15 Uhr erreichen wir Tartu, wo der Stellplatz am Hafen noch genügend Platz bietet. Gegen Abend ist er dann voll!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert