Stadt mit zwei Gesichtern: Liepāja

16.-18. Juni (Montag-Mittwoch): Kriegshafen und Musikstadt Liepāja

Von Jurmalciems (C) nach Liepaja (D), 32 km

Bis in die Hafenstadt Liepāja* sind es nur etwa 30 Kilomter, wir beziehen Quartier 8 Kilometer außerhalb in einem großen Freizeitgelände am See mit Wasserski und allerhand Freizeitangeboten. Da wir schon vor 12 Uhr dort ankommen, beschließen wir gleich einen „Landgang“ zu machen, sprich, mit den Fahrrädern in die Stadt zu radeln.

*Weil der küstennahe Westen Lettlands, das Kurland (lettisch Kurzeme) lange unter deutschem (Ordensritter, Preußen) Einfluss stand, haben die Orte hier auch deutsche Namen. Der von Liepāja lautet Libau.

Stellplatz beim BB Lake Camping.
Kostet mal wieder 35 Euro. Immerhin hat es sehr ordentliche Duschen für das Geld.

Das klappt anfangs auch ganz gut. Nur einen Katzensprung entfernt, beginnt Karosta, heute ein Stadtteil von Liepāja, aber etwa 100 Jahre lang autonomer Kriegshafen.

Gebaut wurde er Ende des 19. Jahrhunderts vom zaristischen Russland als Militärstadt und Marinestützpunkt mit Küstenbatterien und einem eigens gebuddelten Kanal für Schiffe und U-Boote – ein Kriegshafen für den Fall der Fälle. Karosta war eine völlig autonome Siedlung mit eigener Infrastruktur, Kraftwerk, Wasserversorgung, Krankenhaus, Schulen. Es gab eine Sport- und Reithalle und eine Brieftaubenstation. Ein autarkes, in sich geschlossenes Gebiet von 19 km2, das mit der benachbarten Stadt nichts zu tun hatte.

Über die Hafeneinfahrt führt die nach dem lettischen Offizier Oskars Kalpaks benannte doppelte Drehbrücke. Sie ist eine der ältesten Metallbrücken des Landes, die Fahrbahn hingegen besteht aus Holzplanken. Die Brücke ist für den Verkehr (< 5 to) freigegeben. Baujahr 1906 und hält bis heute!

Als 1917 das Zarenreich durch die Oktoberrevolution gestürzt wurde, brach die militärische Disziplin in Karosta zusammen und die Bolschewiken gaben – auch angesichts der rasch vorrückenden deutschen Truppen – den Stützpunkt auf.

Es folge eine wechselvolle Geschichte, ähnlich wie Litauen war auch Lettland nach dem WK I erst autonom, dann kam die Rote Armee, dann die Nazis, dann wieder die Sowjets. Alle hinterließen ihre Spuren.

Erst unter der russischen Besatzung von 1945-1991* gewann Karosta wieder an Bedeutung als wichtiger militärischer Ostseehafen, eine geschlossene Stadt, die für die Zivilbevölkerung nicht zugänglich war. Die letzten sowjetischen Soldaten verließen Liepāja erst in 1994. *Ich schreibe das so, weil der Status als Sowjetrepublik nach dem Selbstverständnis der Letten eine Besatzungszeit ist. Für sie endet der 2. Weltkrieg erst mit dem Abrücken der Sowjets und der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991!

Prunkstück von Karosta war und ist die Nikolaus-Kathedrale, eine prächtige russisch-orthodoxe Kirche mit fünf goldenen Kuppeln.

Die besuchen wir auch als erstes und betreten das Territorium der Kathedrale gutmütig, nüchtern, nichtrauchend und voll bekleidet.

Wir sind erfreut, dass wir sogar hinein können (Kopftücher für die Frauen liegen bereit) und die alte Aufseherin erlaubt uns auch, ein Foto zu machen.

Seit 1991 ist Karosta in die Stadtverwaltung Liepajas eingegliedert und wird für zivile Zwecke umgenutzt, zu Wohnzwecken und vor allem für (Klein-)Industrie und Handwerk. Viele der repräsentativen Offiziers- und Verwaltungsgebäude oder Mannschaftsunterkünfte aus Backstein sind saniert und beherbergen Wohnungen, Ateliers, Werkstätten und Büros.

In unmittelbarer Nachbarschaft stehen aber auch zahllose entsetzliche Plattenbauten aus der Sowjetzeit, heruntergekommen, schäbig und marode. Nur wenige davon sind saniert.

Kunst darf auch in Lettland nicht fehlen: Hier der „Planet“ Karosta mit seinen Highlights

Die Hauptattraktion neben der Kirche ist … der Knast!

Eigentlich als Krankenhaus gedacht, wurde das Gebäude zur Hauptwache umfunktioniert, in dem man auch Disziplinarstrafen für Soldaten vollstreckte. Es war also kein Gefängnis für „normale“ Straftäter, die hier mehrjährige Haftstrafen absaßen, sondern für Soldaten, die man für was auch immer bestrafen wollte und die für 15 Tage in den „Bau“ kamen.

Dank des auch in Lettland erfreulichen 50%-igen Seniorenrabatts kommen wir für 7 Euro in den Genuss einer sehr guten Führung. Unsere Guide schildert sehr anschaulich und in prima Englisch den Alltag im Knast und die Schikanen: 6 Uhr Aufstehen, 5 Stunden Marschieren im Hof, Essen, wieder Marschieren oder Arbeiten, alles unter schikanösen Bedingungen. Auch mitten in der Nacht mussten die Delinquenten nochmal eine Runde durch den Hof drehen, ganz wie es den Wärtern beliebte. Ausbrechen war sinnlos, man kam ja bestenfalls aus der Zelle oder dem Gebäude, aber nie und nimmer vom Gelände des weitläufigen Areals.

Es ist alles ziemlich gruselig, weil total schwarz gestrichen. In den kleinen Zellen – 37 an der Zahl – waren bis zu vier Soldaten eingesperrt, es gab 2 Abtritte und 4 Wasserhähne im „Bad“, Zeit für die Verrichtung: zweimal täglich zwei Minuten.

Im zweiten Teil der Führung können wir dann das Büro des Kommandanten „bewundern“ und uns im neu eingerichteten Museum umschauen.

Links sind die Räume in rot gehalten – Ausstellungsstücke der Roten Armee -, rechts ist braun getüncht, hier sind Exponate der Nazis. Und in der Mitte eine weiße Linie. Sie steht für Lettland und führt (über die alte Stadtansicht oben im Foto) in die nachgebaute Hütte eines „Waldbruders“, wie sich die Widerstandskämpfer gegen die Sowjetbesatzung nannten.

oben: Originalzelle
darunter Zellen für Gäste

Tja, und gegen Voranmeldung kann man hier sogar Übernachten. Auf Wunsch in Original-Sträflingsklamotten, mit Wachoffizier und Gefängniskost.
Es gibt da wohl mehrere „Komfortstufen“.

Ich stelle mir das unfassbar gruselig vor – nix für mich! Außerdem muss ich unwillkürlich an den Film „Das Experiment“ denken, wo solch ein fingierter Gefängnisaufenthalt völlig eskaliert!
Also für mich: Nein Danke!
Trotz Rentnerrabatt.

Übernachtungsmöglichkeiten für Gruppen (auf Holzbänken
Ein authentisches und hartes Erlebnis für Gruppen von bis zu 40 Personen (ab 8 Jahren). Erwachsene: 15,00 EUR pro Nacht.
Schüler, Studenten und Rentner: 10,00 EUR pro Nacht.
Gruppen (ab 10 Personen): Voranmeldung erforderlich.

Frühstück
Wir bieten Ihnen eine Mahlzeit in authentischer Gefängnisatmosphäre:Offiziersfrühstück: 8,00 EUR (Gekochtes Ei, Sardine, Sandwich, Gemüse, Tee oder Kaffee)
Gefangenenfrühstück: 5,00 EUR  (Haferbrei mit Marmelade, Brot und Tee)

Während es regnet, genehmigen wir uns einen Pausensnack, das Geschirr mit dem ansprechenden Dekor (und einem papiernen Spitzendeckchen falls es schlabbert) stammt wohl noch aus dem Fundus der Sowjets, in das Blechlöffelchen sind kyrillische Buchstaben gestanzt. Kaffee und Muffin entsprechen aber westlichem Standard von heutzutage.

Weil es mittlerweile schon nach 15 Uhr ist, beschließen wir nicht mehr in die Innenstadt zu radeln, sondern nur noch zu dem Fahrradgeschäft, das Volker ausfindig gemacht hat. Der eMil zickt nämlich nach wie vor und Volker meint, „mehr wie fragen kostet nichts“.

Der Weg dahin ist jedoch ein schwieriges Unterfangen, die Straße ist eine einzige Baustelle – wird superklasse, wenn’s denn mal fertig ist mit schickem Radweg und feinstem Pflaster. Aber jetzt der reinste Hindernisparcours. Und jedesmal, wenn ich aufhöre zu treten und die Pedale da bei auch nur einen Tick rückwärts bewege – trete ichn danach ins Lere. Nur durch Schalten, Ruckeln, Warten oder mittels Schiebehilfe rastet der Antrieb irgendwann wieder ein.

Im Fahrradladen geschieht das – zumindest für mich – Unerwartete: Mechaniker Reinis ist zuversichtlich, das könne er wohl reparieren. Und das erklärt er uns in bestem Deutsch, denn er hat jahrelang in Münster gelebt! Mehr noch: Obwohl er eine Reparaturwarteliste von 2 Wochen hat, verspricht Reinis, uns als Notfall vorzuziehen 💓🙏. Was haben wir ein Glück 🍀.

Und ich muss gestehen, dass ich mit meiner Schwarzmalerei falsch lag. Die Angaben im Netz (geschlossenes System, wartungsfrei, nicht aufschrauben!) und die Realität des gewieften Zweirad-Mechanikers sind halt doch zwei Paar Schuh.

Emil bleibt in der Werkstatt, Volker radelt zurück zum CP, ich nehme ein BOLT-Taxi für lasche 7 Euro. Alles, auch das Bezahlen, klappt einwandfrei, alles mit der App, die ich ja sowieso auf dem Handy habe. BOLT ist übrigens eine estnische Firma, die hier im Baltikum den Markt der eScooter dominiert und eben auch Fahrdienste anbietet.

Reinis stellt dann fest, dass das Problem doch nicht im Motor sitzt, sondern die Freilaufnabe im Hinterrad kaputt ist*. Er ruft uns an, berichtet und schlägt vor, die Nabe zu ersetzen, wofür das Rad neu eingespeicht weden muss. Kostenpunkt um die 120 Euro. Wir sind heilfroh, dass er das machen kann (Ersatzteil!) und geben ihm gerne den Auftrag. *Ich verstehe zwar nicht wirklich, warum der Motor durchdreht, wenn die Nabe hinten kaputt ist, aber scheinbar sind die beiden Freiläufe, der im Motor und der im Rad, gekoppelt.

der Übeltäter

Am Dienstag (16. Juni) schüttetes in der Früh wie aus Kübeln und wir verschieben unseren Plan, in die Stadt zu fahren um 2 Stunden. Dann fahre ich mit dem Bus in die Stadt und treffe Volker … der gerade mit der Fahrradwerkstatt telefoniert: Fahrrad kann abgeholt werden. Also anderthalb Kilometer retour, ich mit dem Bus, Volker per Fahrrad. Der Emil hat eine neue Nabe und fährt wieder einwandfrei. Reinis bekommt ein ordentliches Trinkgeld und ein Schlüsselband (mit Fahrrädern 😎). Endlich sind wir wieder uneingeschränkt mobil!

Jetzt gilt es, Liepāja von seiner anderen Seite zu erleben, nämlich der als Musikhauptstadt Lettlands. Um nochmal einen Vergleich zu bemühen: Das Nashville Nordeuropas 😉. Die Wiege der lettischen Rockmusik. Leider sind die lettischen Musiker und Bands bei uns völlig unbekannt – zu Unrecht sag’ ich, nachdem ich mir ein paar auf YouTube angehört habe: Līvi, die wohl legendärste Rockband Lettlands, Stone Step, Sudden Lights und viele andere bieten soliden, handgemachten Rock.

Bevor wir uns auf die musikalischen Spuren der Stadt machen, gibt es noch einen super Geocache, den uns der owner, Nickname wellstar, in seinem Laden für Autoreifen persönlich präsentiert. Ein TB-Hotel! und er führt eine genaue Liste, welcher TB eingeloggt ist und wo er hinreisen will. Wir checken die beiden ein, die wir unterwegs mitgenommen haben und bekommen zwei, die zu unseren Reisezielen passen. Das hatten wir auch noch nicht!

Dann lassen wir uns vom Labcache Rock in Liepāja* durch die Stadt führen und kommen an vielen musikalischen Stationen vorbei. *witzigerweise ist der vom gleichen owner 😂.

Zuerst an der modernen Konzerthalle, am Musikgymnasium und ganz vielen Kunstwerken, die Musik zum Thema haben.

Auf dem Walk of fame haben sich über 50 lettische MusikerInnen mit ihren Handabdrücke verewigt und der berühmtesten Rockband des Landes, Līvi, wurde sogar ein Denkmal gesetzt: Der Spoku koks, der Spuk Baum aus einem ihrer Songs: Die Titel der bekanntesten Songs sind auf die Steine der Einfassung graviert, die Namen der verstorbenen Bandmitglieder im Stamm des Baumes. Im Geäst verstecken sich die Konturen der Musikinstrumente und aus den Bänken klingt Musik der Band, wenn man auf einen Knopf drückt.
Die Band gab es von 1976 bis 2010, ihre Songs – mit Reibeisenstimme auf lettisch gesungen – wurden zu Hymnen des nationalen Aufbegehrens gegen die Unterdrückung durch die Sowjets.

Und man glaubt es kaum: An der Promenade hinter der Stranddüne steht sogar ein Klavier, blank geputzt und gut gestimmt, auf dem jede/r nach Belieben spielen kann. Die ersten 2 Takte von Für Elise krieg ich mit rechts grad noch so hin. Aber die Pose ist nicht schlecht!

Neben der Musik hat Liepaja auch viel schöne Architektur zu bieten – da wo der Krieg oder die Sowjets oder der Zahn der Zeit ihr nicht den Garaus gemacht haben. Die meisten stattlichen Gebäude stammen aus der Zeit um 1900. Gebäude mit einer öffentlichen Funktion waren meist aus Stein, private Villen aus Holz, wunderschön verziert und in hellen Farben.

Es ist ein ständiger Kontrast zwischen Pracht und Zerfall, marode Schuppen stehen neben Art deco-Villen, bröckelnde Plattenbauten neben gepflegten Holzhäusern.

Im Strandpark weckt ein Bauwerk unsere Aufmerksamkeit, ein wunderhübscher Art deco Pavillon mit prächtigen Fenstern und … einem gastronomischen Angebot. Wir schlemmen gebratenen Hering und Spargeli (ja, so heißen die hier) auf Mozarella und zumindest ich komme mir in diesem charmanten Ambiente underdressed vor mit meinem labbrigen Pulli und den Haaren aus dem Fahrradhelm.

Die letzte Station unseres Labcaches führt uns dann an den Strand. Heute ist er menschenleer, denn es weht ein strammer Wind, der das Wasser aufpeitscht und den feinen Sand über den Strand fegt.

Heute macht die Stadt ihrem (zweiten) Beinamen wirklich alle Ehre: Die Stadt, in der der Wind geboren wird, der Titel der Stadthymne.

Wir machen noch einen Abstecher in die Markthalle, ein prächtiger Bau aus dem Jahr 1910. Innen herrscht ein herrlich buntes Sammelsurium von Verkaufsständen, die so ziemlich alles anbieten. Vor allem sehr viel Fleisch!

Wir verlassen die Markthalle mit einem Brot, einem Stück Käsekuchen und einem Glas Honig.
Und so einer Kochzange, die aber noch schlechter ist als die, die wir eigentlich damit ersetzen wollten 🤭.

Dann geht es zurück durch Karosta Richtung Norden, denn wir müsen zum Thema Kriegshafen noch „nachsitzen“.

Allgegenwärtig: Kontraste

Zum Kriegshafen gehörten nicht nur die Kasernen, Verwaltungs- und Versorgungsgebäude sondern auch Festungsanlagen. In erster Linie war das eine ausgedehnte Küstenbatterie mit Geschützbunkern, Artilleriestellungen, Munitionskellern und – etwas zurückgesetzt – Baracken für die Soldaten. Und die Nordmole, die sage und schreibe 1,8 Kilometer weit in die Ostsee reicht.

All das wurde zwischen 1893 und 1906 gebaut … und 1908 von Zar Nikolaus II. außer Dienst gestellt. Die Nordfestung galt als strategische Fehlplanung und als veraltet. Das hätte man ja vielleicht mal vorher bedenken können statt munter weiter zu bauen. Und warum fällt mir in dem Zusammenhang der Flughafen BER ein 🤔.

Viele Anlagen wurden gesprengt (was nicht so einfach war, waren ja immerhin bombensicher gebaut) und die Trümmer am End sich selbst überlassen. Über 100 Jahre Wind und Wellen machten sich an die Demontage, langsam aber sicher.

Fertig ist die Erosion noch nicht mit ihrer Arbeit und was von den Anlagen übrig ist bietet großartige Fotomotive. Vor allem heute, bei der starken Brandung:

Besonders fotogen ist dieser Bunker ⬇️, durch die Erosion der Steilküste ist er in die Otsee geplumpst und dort sehr dekorativ zum Liegen gekommen.

Im Hintergrund sieht man da Ende der Nordmole.

Man kann die Reste der Küstenbatterien frei besichtigen, es ist nur nicht erlaubt, auf oder unter den Ruinen rumzuklettern. Durch die fortschreitende Erosion kann das alles jeden Tag ins Wanken geraten.

In einem abgesicherten Teil kann man das interaktive Teamspiel „Flucht aus der UdSSR“ spielen und einen Freund aus sowjetisher Gefangenschaft befreien.

Die lassen sich schon was einfallen, die Letten!

Uns fällt nur noch ein, nach Hause zu fahren, unsere Siebesachen zusammenzupacken und uns auf die Weiterreise zu begeben. Morgen geht es weiter nach Kuldiga, zum längsten Wasserfall Europas.

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