Kein Luftschloss in Ventspils!

Mittwoch – Freitag, 25.-27. Juni 2026: Am Ostseestrand von Ventspils/Windau

Lettisch und ich, das ist 🤝! Also kann ich übersetzen Vents = Wind und Pils = Schloss: Luftschloss! Ich gebe allerdings, wenn auch widerwillig, zu, dass eine alternative Übersetzung das „Vents“ auf den Fluss Venta bezieht. Deutscher Name: Windau. Also Windau an der Windau. Kann man so lassen!

Von all dem (also Fluss und Schloss) kriegen wir aber erst mal nix mit, denn am Donnerstag (der Tag nach unserer abendlichen Ankunft) ist Hausputz angesagt. Und Wäsche waschen.

Danach geht’s zum Einkaufen und dann belohnen wir uns mit einem erfrischenden Bad in der Ostsee (18°C, eine sehr angenehme Temperatur, an die man sich gut gewöhnen kann).

Der Strand ist wirklich piccobello, sauber, breit, feiner Sand mit ein paar kleinen Steinen durchmischt, die meisten Badegäste sind Familien mit Kindern und es ist trotz der Feiertagswoche und des herrlichen Wetters überhaupt nicht überfüllt

In der prallen Sonne ist es natürlich wärmer,
aber kaum über 25 °C.

Ja, das Wetter!
Zuhause sind für’s Wochenende 40 Grad gemeldet, es ist schon seit Tagen 35°-38° und kühlt in der Nacht nicht unter 25° ab. Selbst in Hamburg ist es so heiß 🥵.
Hier hingegen herrschen angenehme Temperaturen, natürlich geht immer ein kleiner Wind und nachts ist es schön frisch.
Wir fragen uns, warum Leute immer noch in den Süden in Urlaub fahren, wo sie vor Hitze umkommen.

Am Abend steht mal wieder Fußball an, Deutschland gegen Ecuador. Ob Undav wohl wieder den Kasten trifft?

Vorher gibt es lecker Essen – eigentlich muss ich die Einkäufe nur in der Paella-Pfanne anbrutzeln, gab’s alles tiefgekühlt im Supermarkt. Konnte man lose aus so einer TK-Truhe schaufeln, wie damals im Rema 2000 in Norwegen.

Über das Fußballspiel decken wir das Mäntelchen des Vergessens und über den Mobilfunkempfang auch. Kann beides nur besser werden.

Am Freitag ist dann Sightseeing angesagt und wir beginnen mit der Südmole. Dazu geht’s vom CP aus durch den hübschen Park, der mit allerlei Nettigkeiten ausstaffiert ist: Sehr viele Anker, einige Kühe und die hübsche Kombi-Bank:

Die Kühe sind Kunstwerke aus 2002 bzw. 2013, da hat Ventspils an der Cow Parade teilgenommen. Die Kühe lettischer Künstler*innen schmücken seither die Stadt und sind schon zu einer Art Wahrzeichen geworden. Wir werden noch einigen begegnen!

Die Anker haben einen historischen und aktuellen Bezug zur Stadt, denn Ventspils war und ist eine bedeutende Hafenstadt. Zu Zeiten des kurländischen Herzogs Jakob Ketteler – das ist der der in Kuldiga den Wasserfall sprengen wollte – wurden hier 44 Kriegsschiffe und 79 Handelsschiffe gebaut! Und man glaubt es kaum, von hier aus schickte Kurland sich unter eben jenem Herzog an, eine Kolonialmacht zu werden, womit er auch für einige Jahrzehnte reüssierte!

Randbemerkung: Zu „Neukurland“ gehörten in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts immerhin zwei Inseln, die bekannte Antilleninsel Tobago und eine weithin unbekannte in der Mündung des Gambia-Flusses. Man muss der Vollständigkeit halber hinzufügen, dass Herzog Jakob seine kolonialen Erfolge auch seiner Frau Luise Charlotte, einer Tochter des Kurfürsten zu Brandenburg zu verdanken hatte.Die brachte nämlich auch Anteile an der niederländischen Westindienkompagnie mit in die Ehe und kannte sich mit kolonialen Bestrebungen bereits vor ihrer Ehe aus. Tobago war scheinbar ein gefundenes Fressen für europäische Imperialisten, die Insel wechselte insgesamt 33 Mal den Besitzer!

Mit der Zerstörung Ventspils im Großen Nordischen Krieg (1700-1721) war dann Schluss mit Besitzungen in Übersee nun florierender Wirtschaft. Erst unter zaristischer Herrschaft wurde ab 1850 Schiffbau und Handel wieder wichtig; der Hafen wurde 1890 modernisiert und per Eisenbahn mit Moskau verbunden. Er entwickelte sich zu einem der profitabelsten Häfen Russlands und zu einem der wichtigsten Häfen für den Erdöl-Export der UdSSR (eine russische Öl-Pipeline wurde hierher gebaut).
Fortsetzung folgt ….

Schon im 17 Jahrhundert baute man an der Mündig der Venta eine Mole, um den Hafenbereich vor Wind und Wellen zu schützen. 1905 wurde die Südmole auf stolze 1,5 Kilometer Länge erweitert. Doch die Weltkriege setzten ihr schwer zu, in der heutigen Form wurde sie erst 2018 rekonstruiert.

Hafeneinfahrt zwoschen Südmole (links) und Nordmole (rechts)

Die Matrosenkuh vom Beitragsbild begrüßt alle Besucher der Südmole und man geht dann zwischen Hunderten riesiger Wellenbrecher (es lebe dem Dativ!) bis vor zum Leuchttürmchen.

Und gleich nebenan beginnt der Badestrand von Ventspils!

Über die hübsch gestaltete Hafenpromenade an der Venta radeln wir auf einem super ausgebauten Fahrradweg Richtung Altstadt zum „Pils“, dem Schloss.

Das Schloss geht zurück auf eine Burg der livländischen Ordensritter (ein Teil des Deutschen Ordens) aus dem 13. Jahrhundert und gilt als das am Besten erhaltene seiner Art.

Für überaus erschwingliche 2 Euro Eintritt p.P. (Seniorenrabatt!) können wir uns die Burg von innen anschauen. Ähnlich wie in Trakei betritt man erst einmal einen Innenhof, die Gebäude ringsum haben umlaufende Galerien.

In der über 700-jährigen Geschichte wurde die Burg mehmals aus- und umgebaut, zerstört, wieder errichtet und diente nicht nur als Befestigungsanlage, sondern auch als Residenz, Schule, Truppenunterkunft oder als Gefängnis. 1995 wurde sie restauriert und zu einem Museum umgebaut.

Die Ausstellung ist recht minimalistisch, oder sagen wir mal, keinesfalls überladen. Neben historischen Ausstellungsstücken (oben) gibt es auch eine Ausstellung über das Zeitungswesen (leider nur auf lettisch), moderne „Kunst“ und hübsche Handarbeitsprojekte des örtlichen Gymnasiums.

Die Kunstfertigkeit der grauen Leinwand erschließt sich uns nicht wirklich. Immerhin gibt es sie dito in schwarz, weiß und (oha!) grau mit weißen Farbspritzern. Die Filzarbeiten der Klasse 9A sind hingegen Klasse!

Nach so viel Kultur genehmigen wir uns erst mal einen Imbiss und dann geht es auf’s Schiffschebootsche! Es heißt – man hätte es erahnen können – Hercogs Jekabs und nimmt uns mt auf eine Hafenrundfahrt! Auch diesen Spaß ermöglicht der Seniorenrabatt für nur 2 Euro pro Nase!

Der Hafen von Ventspils steht vor großen Herausforderungen: Seit 2022 spielt der einst lukrative Transit von russischem Öl und Gas hier keine Rolle mehr. Auch das Baltic Coal Terminal ist ziemlich verwaist. Statt dessen wird viel in Projekte und Produkte rund um Erneuerbare Energien investiert, z.B. werden Bauelemente von Windkraftanlagen hier verladen und weitertransportiert. Nach wie vor steht der Hafen für Fährverkehr (auch Ro-Ro), Gütertransport von und nach Skandinavien, und den lettischen Export von Holz- und Agrarprodukten. Es wird vor allem Flüssiggut und Schüttgut umgeschlagen.

Durch die Einnahmen des Hafens ist Ventspils auch heute noch eine der wohlhabendsten Städte Lettlands. Und das sieht man ihr auch durchaus an!

Ich bin sehr angetan von den schönen Parks, Brunnen, der alten und neuen Architektur, dem gepflegten Strand, den prima Fahrradwegen und den vielen Angeboten vor allem für Familien mit Kindern: Unfassbar viele super Spielplätze (auch ein Indoor-Spielplatz), gleich zwei Wasserparks/Erlebnisschwimmbäder, Adventurepark, Disc Golf, Sommerrodelbahn, sogar ein Science Center für Kinder … und noch vieles mehr. Im Winter kann man hier sogar Ski fahren!
Auch viele Kleinigkeiten werten das Stadtbild auf, z.B. hübsche kleine Sitzecken, Kunstwerke und Blumen nicht etwa nur am Pier oder in den touristischen Ecken, sondern überall, auch zwischen den Wohnblöcken. Und alles, auch das Alte, Schäbige, ist gepflegt und sauber.

Am Ende unseres Ausflugs führt uns ein Geocache noch zur „Kupfernen Düne“, die in keinem unserer Reiseführer erwähnt ist. Völlig zu Unrecht, denn das Gebäude ist wirklich ein Hingucker!

Von der anderen Seite aus gesehen, ist die Terrasse mit dem Terrain auf einer Ebene. Das Bauwerk ist genau dem gewellten Landschaftsprofil angepasst (oder umgekehrt, man hat die die Landschaft um das Gebäude geformt)

Über eine Außentreppe gelangt man auf eine Aussichtsplattform mit Blick über den Hafen und – vor allem – über die „Düne“ selbst.

Das spektakuläre Bauwerk hat auch innere Werte, es beherbergt VIZIUM, ein supermodernes Science Center für Kinder und Jugendliche. Wir sind beeindruckt!

Ventspils ist ein idealer Urlaubsort für Familien mit Kindern, die hier bestens versorgt sind. Da kommt garantiert keine Langeweile auf!

Wir verabschieden uns aber morgen in Richtung Kap Kolka!
3 Monate Reisezeit ist nicht open end und wir sind unserem Tagessoll (Gesamtkilomter/Gesamttage) schon wieder ordentlich hinterher. Also heißt es morgen früh:

Abfahrt Ganoven 🚐💨

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