Junges altes Tartu

Donnerstag, 30. Juli bis Sonntag, 2. August 2026: In der Kulturhauptstadt Europas 2024

Dorpat. So lautet der alte, deutsche Name von Estlands zweitgrößter Stadt Tartu. Beide Namen gehen zurück auf eine finno-ugrische Siedlung namens Tarbatum, die 1030 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Deshalb steht diese Jahreszahl auf jedem Kanaldeckel.

Was man noch auf dem Kanaldeckel findet sind die Symbole der Stadtpatrone Petrus (der Schlüssel) und Paulus (das Schwert) und eine Stadtmauer mit geöffnetem Fallgitter als Symbol für Wehrhaftigkeit und Offenheit.

Beides war Tartu, wehrhaft und offen. Ab der Eroberung durch den Schwertbrüderorden (ja, auch hier!) 1224 war Dorpat bis 1558 Bischofssitz und als Hansestadt ein wichtiges Bindeglied für den Ost-West-Handel. Dann eroberte Russland die Stadt, musste aber 1582 Polen-Litauen weichen, das wiederum 1625 von Schweden besiegt wurde.

Der Schwedenkönig Gustav Adolf II. ließ eine Universität gründen und die Stadt mit Bastionen befestigen. Die wurden im Großen Nordischen Krieg von den Russen zerstört 🤷. Noch größere Schäden richtete ein Stadtbrand im Jahr 1775 an. Die Russen blieben von 1721 bis zum Zerfall des Zarenreichs 1918, die erste estnische Republik und mit ihr Tartu wurden 1940 kurz und ab 1945 für lange 45 Jahre von Russland annektiert, bis zur Unabhängigkeit 1991.

All diese wechselnden Herrscher und Epochen haben ihre Spuren in der Stadt hinterlassen und wir haben wie immer eine Freetours-Stadtführung gebucht, um das alles kompetent erklärt zu bekommen.

Zur Stärkung gibt es vorher im Karlova Khov ein leckeres Frühstück mit herausragend gutem Kaffee.
Karlova ist ein wunderbarer Stadtteil mit prächtigen Holzhäusern, kleine wie große, und die Ōnne tänev, die Ōnne-Straße ist die hübscheste Straße ever, verkehrsberuhigt, mit Bäumen und Blühstreifen, ganz bezaubernd ❤️.

Wir gehen die Strecke der Führung jetzt nochmal im Blog ab! Dass wir einen Teil davon schon am Vormittag gesehen und Fotos gemacht haben, ignorieren wir einfach mal).

Da isser, der Stas

Das Freetours-Monopol in Tartu hat Stas, oder Stanislas, wie er mit vollem Vornamen heißt, ein ca. 30-jähriger Ukrainer, der 2018 zum Studium (Digital Management) hierher kam und hängen blieb. Auch, aber nicht nur wegen des Kriegs in der Ukraine vermutlich. Stas macht eine unglaublich gute und vielseitige Führung, die uns und den anderen 6 Teilnehmenden richtig viel Spaß macht. Deshalb dauert sie auch über drei Stunden!

Zum Start bringt er gleich eine Schale Erdbeeren für alle mit und nach etwas smalltalk geht es über den Emajögi ins Herz der Stadt.
Von diesem Fluss hat wohl kaum jemand je gehört, auf deutsch heißt er schnöde und unpassend Embach, das estnische Wort bedeutet Mutterfluss 😍.

Die alte, im Krieg von den Sowjets zerstörte Brücke über den Emajögi. Muss die prächtig gewesen sein!

Dann bekommen wir gleich eine erste Kostprobe von einem von Stas‘ Lieblingsthemen: Streetart! Perlen vor die Säue werfen, das kennt und erkennt man, und auch das Gesicht des Herren daneben dürfte bekannt sein: Alexej Nawalny, Gott oder wer auch immer hab ihn selig.

Schwieriger wird es hier. Die Gestalten kommen einem schon bekannt vor, aber wer steckt dahinter?

Und, wer ist es?
Batman, der Clown, Bowie / Che Guevara, Päts himelf, Maggie Thatcher / Hulk, Gollum, Captain Jack Sparrow

Nun, es ist Konstantin Päts, der erste Ministerpräsident Estlands.

Päts war Mitglied des „Rettungskomittees“, Mitautor der Unabhängigkeitserklärung, zeitweise Innen- und Verteidigungsminister und Staatsoberhaupt. Bis er 1934 der Meinung war, eigentlich gehe das Regieren ohne Parlament besser von der Hand und nämliches per Staatstreich de facto abschaffte. Gelenkte Demokratie nannte er sein autoritäres Regime. Manche halten ihm zu Gute, dass er durch seinen Putsch den Wahlsieg der estnischen Faschistenpartei verhinderte. Jedenfalls war er beim Volk trotz allem beliebt und wird bis heute verehrt.
Die Sowjets inhaftierten Päts 1940, steckten ihn (ohne Anklage geschweige denn Urteil) in Haftanstalten, Gulag-Lager und psychiatrische Kliniken. Er starb 1956.

Genau gegenüber der Brücke liegt der schöne, offene Rathausplatz.

Die wunderbar restaurierten klassizistischen Häuser sind ein Traum in Pastellfarben. Durch den Stadtbrand 1775 wurden fast alle Gebäude der Innenstadt zerstört – deshalb ist der Stadtkern eigentlich durchgängig klassizistisch oder – später – vom Historismus und Jugendstil geprägt.

Ein Gebäude fällt besonders auf – aber glücklicherweise nicht um!

Das schiefe Haus wurde 1793 errichtet, als Fundament nutzte man zum Fluss hin die Reste der mittelalterlichen Stadtmauer. Die andere Seite wurde von Holzpfählen in sumpfigem Untergrund gestützt. Als er Grundwasserspiegel sank, wurden die Pfähle morsch und das Haus neigte sich langsam aber stetig mehr und mehr zur Seite.

Sowjetische Spitzentechnologie, sagt Stas 😂

In den 1980er Jahren wurde es durch polnische Spezialisten von Grund auf saniert und gesichert.
Die Polen kennen sich damit aus, sagt Stas, die haben Warschau aus Trümmern wieder aufgebaut, die können das.

Heute ist im schiefen Haus ein modernes Kunstmuseum – also ein Museum für moderne Kunst, (kriegen wir morgen).

Vor dem Rathaus steht eines der neueren Wahrzeichen Tartus, der Brunnen „Küssende Studenten“ von 1998. Wirklich hübsch!

Wir gehen dann durch die Rüütli – die Ritterstraße, oder wie Stas sie nennt, die Ping-Pong-Straße: hier kann man wie ein Tischtennisball von einer Straßenseite zur anderen „hüpfen“ und kommt immer in einer Bar oder Kneipe an. Freitag Mittag herrscht aber noch Ruhe, hier geht es erst gegen Abend los.

Der Optiker passt nicht so recht ins Bild
Noch mehr Klassizismus: Giebel, Symmetrie und Pastell

Und dann stehen wir recht unvermittelt vor einem schneeweißen Palast (naja, fast, der Blickfang, die Säulen sind schneeweiß), ein Tempel der Wissenschaft, die Alma mater tartuensis: Die Universität.

Gustav Adolf II. von Schweden ließ sie 1632 gründen, die Academia gustaviana sollte in den neu eroberten Gebieten für den Führungsnachwuchs sorgen – wenn man den selbst ausbildete, wusste man nämlich, was man hatte. Mit dem Russisch-Schwedischen Krieg ab 1656 wurde der Standort unsicher, die Uni erst nach Reval verlegt und 1665 geschlossen.

Unter dem Zarenreich wurde sie 1802 als Kaiserliche Universität Dorpat neu eröffnet (auch der „Tempel“ stammt aus der Zeit), eine deutschsprachige Universität in einem der fast autonomen russischen Ostseegouvernements. Die Klientel war die deutschbaltische und russlanddeutsche Mittelschicht, wobei auch zunehmend Esten an ihr auf Deutsch studierten. Auch aus anderen Ländern schickte die Bourgeoisie ihre Söhne nach Dorpat – weit weg von Paris und aufrührerischen Gedanken!

Man stelle sich vor: 1.500 junge Männer auf einem Haufen, selbstbewusst bis arrogant, wohlhabend und weit weg von zu Hause – eine toxische Mischung. So hatte die Universität neben einem eigenen Krankenhaus eine eigene Polizei, Jurisdiktion und ein Gefängnis. Hinein kam, wer Lehrkörper oder Frauen beleidigte, stahl, sich prügelte, einer schlagenden Verbindung angehörte oder besoffen zur Vorlesung kam. Die beiden letzteren Delite galten eher als bewunderungs- denn als strafwürdig und wer nie im Karzer einsaß, war kein echter Student.

Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Russifizierung der Ostseegouvernements staatlich forciert und 1893 als Lehrsprache Russisch eingeführt. Auch in allen Wirren des 20. Jahrhunderts wurde an der Universität Tartu gelehrt, unter unterschiedlichen Namen und in unterschiedlichen Sprachen.

An der Universität Tartu gibt es heute ca. 16.000 Studierende und ca. 4.000 Lehr- und Hilfskräfte. Jeder 5. Einwohner der 100.000 Einwohner Tartus lehrt oder lernt an der Unversität! Sie ist nicht nur führende Forschungsuniversität des Landes, sondern rangiert weltweit unter den besten 1 %.

Dann wird es anstrengend: Der „langsame Tod“ so nannten die Studenten den Weg auf den Domberg, den Toomemäe. Dem sieht man seine militärische Vergangenheit auf der Karte noch gut an, doch an die Stelle der schwedischen Bastionen sind heute schöne Parkanlagen getreten.

Die Bischofsburg fiel 1667 dem Krieg zum Opfer, nur die Lossi, die Schlossstraße erinnert daran.

Und der Dom? Nun, der wurde ein Opfer der Reformation und steht seit Hunderten von Jahren als Ruine auf dem Hügel. Und was für eine!

Wenn man wissen will, wie er mal aussah, kann man sich die Marienkirche in Lübeck anschauen: Backsteingotik und gleich zwei spitze Türme (fast alle anderen Kirchen im Baltikum haben nur einen Turm). Der Bau begann im 13. Jahrhundert und dauerte bis Ende des 15.
Und dann kamen die Bilderstürmer!

Schon 1524 wurde der Dom stark beschädigt, 1558 verjagte man den Bischof und gab die Kirche ganz auf. Kriege und Feuer taten ihr übriges. Er diente als Friedhof, als Heuschober und Speicher. Um 1760 trug man die Türme ab und baute sie zu Schießplattformen für Kanonen um. 1802 baute man Teile der Ruine als Bibliothek für die wieder gegründete Universität aus. Heute ist dort ein Museum.

Hier oben läuft Stas zu großer Form auf und präsentiert den kulinarischen Teil seiner Führung: Wir probieren Kohuke, ein mit Schokolade überzogener Riegel aus süßem gepresstem Quark, unserer Geschmacksrichtung Zitrone-Moltebeere. Stammt von Saarema und man findet es im Supermarkt im Kühlregal!

Kama

Weiter geht es mit Kama. Das ist eine traditionelle Mischung aus geröstetem Gersten-, Roggen-, Hafer- und Erbsenmehl. Man verrührt es mit Milch, Kefir oder Buttermilch verrührt und isst es zum Frühstück oder als Dessert, meist mit Marmelade oder Früchten vermischt. Ich finde es sehr lecker und schreibe es gleich auf die Einkaufsliste. Kama gibt es auch als Konfekt, aber das ist mir zu süß.

Dann gibt es noch einmal Streetart und zwar ein laut Google berühmtes Mural des Künstlers Edward von Löngus. Der ist sowas wie der estnische Banksy, keiner kennt seine Identität. Das Bild heißt Cannabeard and the witch-hunter und setzt sich kritisch mit der estnischen Drogenpolitik auseinander.

die Figur rechts ist Opa Moosbart

Festgenommen wird kein Heroindealer oder Fentanylproduzent, sondern der nette Opa Moosbart, eine super bekannte und beliebte Figur aus einem Kinderbuch. Zudem ist das Mural genau gegenüber vom obersten estnischen Gerichtshofs angebracht. Nun könnte man ja meinen, man hätte es entfernen wollen, aber weit gefehlt: das Werk erhielt den Kulturpreis der Stadt Tartu 2014!

Stas verabschiedet sich von uns mit einem Schlückchen Beerenwein Geschmacksrichtung Johannisbeer-Aronia, ein ziemlich bitteres Gesöff. Das ist auch eher ein Modetrend, nichts klassisch estnisches.

Mannomann, das war mal eine Stadtführung! Sensationell! Aber wir sind jetzt platt! Noch einen schnellen Blick auf das Denkmal des Struve-Bogens, dessen Vermessung hier begann, und dann ab in den Schießpulverkeller.

Statt Sprengstoff gibt es hier heutzutage Bier und lecker Essen und die Location steht sogar im Guinessbuch der Rekorde als höchste Gaststätte Europas, die Gewölbedecke ist an die 11 Meter hoch.

Den Samstag fasse ich mal schnell zusammen, wir wollen nämlich weiter:

Vormittag Besuch im Kunstimuseum im schiefen Haus. Tolle Bilder!

Ausstellung „Art & Cuisine“: Die Sinnlichkeit schmelzender Eiscreme, Karotte, Apfel, Ei und ein Stilleben mit Schnaps,Hering, Kippe. Unter den Bildern stehen Kommentare, unter dem Schnapsbild: „That’s how it was!“

Die Ausstellung mit Werken von Albert Gulk ist da schon anstrengender: Surreale Wesen tummeln sich auf riesigen Zeichnungen. Das sind fast schon Wimmelbilder. Jedenfalls ein unverkennbarer Stil!

Ausruhen können wir uns in Liegestühlen vor der Videocollage The lightness of being von Kaisa Maasik: Lauter Videoschnipsel von alltäglichen Begebenheit, Kindern die in Pfützen springen, eine jagende Katze, ein Marienkäfer auf der Hand, Schnee-Engel … einfach schön!

Die Bilder – meist Portraits – von Karl Parsimägi sprechen mich nicht so an, sind aber schön bunt.

Doch irgendwie ist hier etwas nicht in Ordnung. Die Bilder hängen schief, Loriot hätte seine Freude dran. Egal wie man guckt, die Sache ist aus dem Lot. Um 5,8° genaugenommen, Volker hat gemessen. Man hat nachträglich die Böden und Decken nivelliert, dadurch sind alle Winkel zwischen Wand und Boden/Decke schief. Irritierend und lustig zugleich!

Ein ganz wunderbares Erlebnis haben wir danach in der Johannis-Kirche. In Tartu findet nämlich ein europäisches Drehorgel-Treffen statt und man gibt hier gerade ein Konzert. Jooh, Leierkasten, denkt man, was soll das schon sein. Weit gefehlt: Es ist unglaublich schön und richtig, richtig ergreifend! Leider ist das Video zu groß, um es hier einzustellen.

Abstecher zum upside-down-Haus

Und dann tauchen wir für eine Weile ein in die Blütenpracht des Botanischen Gartens der Universität, der mehr ein Park ist, denn ein Arboretum oder Lehrgarten und Kunst und Natur kombiniert. Im großen Tropengewächshaus kann man sogar auf die Galerie steigen und sich den „Wald“ von oben anschauen.

Davon gibt es eine Diashow!

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Dann schauen wir uns noch den Stadtteil Supilinn an, wieder lauter Holzhäuser, nicht ganz so adrett wie in Karlova aber mit riesigen Gartengrundstücken. Ein reines Wohngebiet, keine Cafés oder Bars hier.

Ganz zum Schluss folgen wir noch einer Empfehlung von Stas und gehen ins Kolm Tilli essen. Das befindet sich in Apparaditehas, einer ehemaligen Industriebrache, die – ähnlich wie Telliskivi in Tallin – zu einem Szeneviertel mit KKK – Kunst, Kultur und Kulinarik – geworden ist. Service und Essen sind vorzüglich, vor allem Volker schwärmt von seiner Streetfood Seafood Coconut als japanische Nudelsuppe.

Mit dem bunten Haus verabschieden wir uns von Tartu, eine sehr sympathische Stadt, der man gar nicht anmerkt, dass sie die zweitgrößte Estlands ist. Durch den hohen Anteil an Studierenden ist es eine junge, lebendige Stadt, aber dennoch (oder deshalb) gechillt und gemütlich.

Übrigens: Was völlig fehlt sind die öden Einkaufsstraßen deutscher Großstädte mit ihren immer gleichen Läden. Wer Schuhe kaufen möchte oder einen neuen Handyvertrag* braucht -> es gibt außerhalb die Einkaufszentren und in der Stadt wird gelebt. Sehr schön ist das!
*Den Handyvertrag macht der Este ziemlich sicher online. Man kann sogar online heiraten und sich scheiden lassen! Online shoppen über Amazon kann man sicherlich auch, aber es gibt im Baltikum keine Auslieferungslager. Lohnt sich nicht für 5 Millionen Kunden, die Ware kommt aus Polen oder Deutschland.

Ein letzter Blick zurück über den Rathausplatz

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