Dienstag, 4. bis Donnerstag, 6. August 2026: Im Gauja Nationalpark
Tag 1: Am Dienstag will mein Süßer mit mir Paddeln geh’n
Die Gauja ist Lettlands schönster Fluss. Behauptet man zumindest im Gauja-Nationalpark. Was auch sonst 🤷🤷♀️. Auf jeden Fall ist die Gauja der längste Fluss Lettlands und bringt es auf stolze 452 Kilometer. Das ist zum Teil den vielen Flusswindungen geschuldet, sie macht aber auch fast eine Rundreise durchs Land, bevor sie südlich von Saulkrasti in die Ostsee mündet. Dabei ist die Gauja ein völlig naturbelassener Fluss, nicht reguliert, gestaut, begradigt oder kanalisiert.


Noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde der Fluss für das Flößen von Holz genutzt, mit Schiffen ist er aber nicht befahrbar.
Mit Kajaks und Kanadiern schon! Und genau das haben wir heute vor! Unser super Campingplatz bietet nämlich auch Kanuverleih an, mit Bring- und Holservice frei Haus für erschwingliche 60 Euro für eine Halbtagestour von knapp 20 km.
Wir haben sogar die Wahl zwischen Kajak (1er oder 2er) und Kanadier und entscheiden uns für einen Zweierkajak. Mit dem Kanadierfahren fangen wir nicht mehr an.

Die Gauja ist ein breiter Fluss mit wenig Tiefgang, aber gar nicht mal so träge. Die Strömung bringt es im Schnitt auf 3 bis 3,5 km/h, würden wir uns also nur treiben lassen, wären wir in 6 Stunden auch am Ziel. Tun wir aber nicht!
Die ersten 2/3 der Strecke sind unspektakulär, aber dann kommen wir zu den Ķūķu Klintis! Bis zu 43 Meter sind die Sandsteinklippen hoch, 350 Millionen Jahre altes Küstensediment, das jetzt über dem Fluss steht. Man muss aber zugeben, dass man vom Fluss aus nur die unteren, steilen und unbewachsenen Meter – es werden maximal 8-10 sein – wirklich wahrnimmt.
Das liegt daran, dass der Fluss sich in Etappen in den Sandstein eingeschnitten hat, so sind Terrassen entstanden und die Höhenangabe bezieht sich natürlich auf die oberste Stufe.
Doch auch 8 Meter Steilwand sind sehr beeindruckend, wenn man so dicht dran vorbeipaddelt!
Die Klippen Zvārte iezis ist die spektakulärste: eine 47 Meter lange Klippenwand in rotgoldenem Sandstein am Westufer. Erosion hat Nischen, Halbhöhlen und aus dem Fels sickernde Wasserfälle geschaffen. Die Geologie liegt bloß wie der Querschnitt einer Torte.
Das Wasser ist übrigens wirklich orange-braun, dabei aber ganz klar (wie übrigens auch in „unserem“ See). Es nimmt seinen Weg durch Torf, Moor und Humus und nimmt dabei Huminsäuren auf, die ihm die Farbe geben. Wenn die Sonne draufscheint sieht es aus wie dünner schwarzer Tee, goldbraun und kristallklar, im Schatten wirkt es dunkel, fast schwarz.
Am Zielort Ligatne kommen wir gegen 14:30 Uhr an und vertreiben uns die Zeit bis zur Abholung mit Hafenkino:

Was aussieht wie eine Terrasse im Fluss oder ein Bootsanleger ist nämlich die einzige (verbliebene?) Gierseilfähre des Baltikums und wird als Technikdenkmal gehandelt. Zwei Stahlpontons, Bretter düber und ein Drahtseil über dem Fluss, man stellt die Plattform schräg zur Strömung und die treibt das Gefährt (Geschwimms wär richtiger) dann ans jeweils andere Ufer – ganz ohne Motorkraft.



Zwei Autos kann der Fährmann übersetzen und tut das auch gerade, als wir ankommen: Es schaukelt gewaltig, als erst eines, dann das andere Fahrzeug auf die schwimmende Plattform fahren, vor allem senkt sie sich unter dem Gewicht deutlich ins Wasser und es entsteht eine hohe Stufe zwischen Land und Wasser. Beim Runterfahren setzt eines der Autos auf und ratscht dabei mit der Anhängerkupplung eine tiefe Furche in die Planken. Der Fährmann kassiert 6 Euro Trinkgeld und trägt es mit Humor.

Vielleicht auch, weil das keine normalen Autos sind, sondern Teilnehmer des „POTHOLE RODEO BALTIC 2026. Eine Spaßveranstaltung mit Fahrzeugen, die entweder untermotorisiert, uralt und/oder mit Restwert unter 1000 Euro sind oder über 500.000 km auf der Uhr haben. Wer so’n Scheiß mitmacht, muss ja ein lustiger Mensch sein – den Eindruck macht die Truppe auf jeden Fall, und einer setzt sich zur Weiterfahrt gleich mal auf den Dachgepäckträger – will wohl nach Schlaglöchern Ausschau halten 😂.
Auf lettisch mit ein paar Brocken deutsch, englisch und was weiß ich noch lädt uns der Meister der Fähre auf eine kostenlose Überfahrt ein, das nehmen wir natürlich gerne an. Ich schenke ihm ein Schlüsselband mit Schäfchen, das er kopfschüttelnd betrachtet und dann zufrieden in seine blecherne Geldkiste legt.
Das hat alles viel Spaß gemacht, ein paar kurvige Schwallstrecken waren auch dabei, so dass wir unsere Paddelkenntnisse auffrischen konnten. Vor allem war das Paddeln in völliger Stille und Abgeschiedenheit auf dem großen, dunklen Fluss eine schöne Erfahrung. Das findet man in Deutschland wohl kaum: 20 Kilometer so gut wie unberührte Natur, keine Straße, keine Brücke, noch nicht mal Viehweiden und eine einziges Mal eine Stromleitung – eher ein tiefhängendes Kabel – über dem Fluss. Und keine Horden von Freizeitkapitänen.
Die netten Holländer aus Groningen haben wohl nichts dagegen, wenn ich ihr Foto hier zum Schluss einstelle, wir sind gemeinsam gestartet und angekommen, haben uns unterwegs aber nicht gesehen.


Zurück auf dem CP nehmen wir ein schönes Bad im See und hängen den Rest des Nachmittags/Abends ab.


Am Mittwoch holt Volker die Fahrräder runter – was zurzeit wieder unkomfortabel ist, denn die Kurbel unseres Fahrradgepäckträgers ist kaputt und das Handling mit der Ratsche dauert ewig. Aber wir haben ja Zeit.
Heute stehen noch ein paar Felsformationen auf dem Programm und das nach allgemeinem Bekunden schöne Städtchen Cēsis.
Unterwegs: Schrott-Kunst im Wald

Die Adlerfelsen



Impressionen aus Cēsis
Ein wirklich nettes Städtchen, leider ist die schöne Hauptstraße zugeparkt, es wird rangiert und viel Verkehr wälzt sch hindurch.



Die Sowjets haben sie 1948 zerstört, jetzt steht sie wieder!










Beides kann man vom „Windelengel“ irgendwie nicht behaupten 🤣🤣


Das war ….

Weil sich ein Gewitter zusammenbraut und es auch schon 16 Uhr durch ist, lassen wir die restlichen Felsen Felsen sein und radeln auf dem schnellsten Weg nach Hause (als Radweg ausgewiesen ist hier alles von Bundesstraße, Trottoir, Schotterpiste bis zum sandigen Waldweg – ist halt nicht Estland 🤷♀️). Kaum sind wir angekommen, geht auch schon ein opulenter Schutt nieder, aber nach 10 Minuten ist wieder Sonnenschein als wär nix gewesen 😇.
Wir nehmen noch ein letztes Bad im „Teewasser“ des herrlichen Sees und packen dann zusammen. Morgen geht es weiter. Diesen Campingplatz muss man sich unbedingt merken, unser Platz in der 1. Reihe ist sicherlich einer der allerschönsten, die wir jemals hatten. Badesee, Bootsverleih, SUPs, Kanutouren, Restaurant, die Holzterrassen, Grills überall, Feuerholz für umme und die Parzellen ganz charmant durch prächtig blühende Hortensien getrennt. Und das für 25 Euro! Schwer zu überbieten!























