Donnerstag/Freitag/Samstag, 18./19./20. Juni 2026: Vorgezogenes Sightseeing in Rīga*
* Die korrekte Aussprache ist Riiiiga mit langem i und kurzem a
Die Werkstatt ist informiert, wir sind auf deren ToDo-Liste und können nun nichts tun, als abwarten. Also laden wir am Donnerstag früh die Fahrräder ab und machen uns auf ins ca. 11 Kilometer entfernte Stadtzentrum.
Die Infrastruktur für Radfahrer ist eigentlich ganz OK, mit dem ein oder anderen Umweg kommen wir auf separaten Radwegen oder markierten Fahrradspuren ganz gut in die Stadt. Wenn nix mehr geht, fährt man auf dem Gehweg, da sind die Rigaer auch ganz entspannt. Kleine Hindernisse wie Schlaglöcher, Kopfsteinpflaster oder Straßenbahnschienen muss man einkalkulieren und abgesenkte Bordsteine sind Glückssache. Eigentlich ist es erstaunlich, dass überhaupt an Fahrradfahrer gedacht wird, denn hier gibt es kaum welche. Wenn wir behaupten, dass uns heute 30 begegnet sind, ist das vermutlich schon übertrieben. 15 davon fahren Essen aus für Bolt oder Wolt. Mit Fat-Bikes. Gute Idee bei dem Geholper.
Anders als üblich, ist in Rīga Stadtzentrum nicht gleich Altstadt! Hier ein Stadtplan zur Orientierung:

Am Ufer der Daugava (Düna) liegt Vecriga, die Altstadt, umgeben von einem Grüngürtel am Pilsetas-Kanal, dem ehemaligen Festungsgraben. Nach Außen folgt das Stadtzentrum, mit Rīgas berühmter Jugendstil- Architektur
A little bit of History
Besiedelt war die Gegend an der Mündung der Daugava bereits in grauer Urzeit, als Stadt wude Rīga im Jahr 1201 gegründet. Und zwar vom Bremer Bischof Albert von Buxhoeveden. Er hatte zwei Gründe: 1. Missionierung und 2. Ausbau des bereits vorhandenen Handelspostens. Beim ersten Vorhaben half der Deutsche Orden, beim zweiten Kaufleute, die sich hier ansiedelten.
1282 wurde Rīga in die Hanse aufgenommen und florierte als wichtiger Umschlagplatz zwischen Ost und West: die Daugava fließt durch Belarus bis nach Russland, die Ostsee erschließt West- und Nordeuropa. Das Livland (benannt nach den ursprünglichen Bewohnern, den Liven) wurde ein global player des Mittelalters, regiert von den Rigaer Erzbischöfen unter dem Schutz des deutschen Ordens.
Das blieb natürlich nicht so, wenn man sich auf etwas verlassen kann, dann auf den Wandel, und der kam mit der Reformation. Nach einem Techtelmechtel mit dem uns bereits bekannten polnischen König Stephan Bathory eroberte Schweden im Zuge des 30-jährigen Kriegs 1621 die Stadt.
Auch das zahlte sich für Rīga aus, es war zweitgrößte Stadt Schwedens und von großer wirtschaftlicher und militärischer Bedeutung. Die schwedische Krone ließ die Stadt befestigen – dort, wo heute der Grüngürtel ist, war der Festungsgraben um die Bastionen.
Das gut geschützte Rīga konnte sich so mehrerer Angriffe erwehren, geriet aber in die Mühlen des Großen Nordischen Kriegs um die Vormachtstellung im Ostseeraum. Hauptakteure: Schweden und Russland. And the winner was: Russland. Ab 1721 gehörte Riga zum Zarenreich. Das ließ die Stadt zu einem seiner wichtigsten Häfen ausbauen und im Zuge der Industrialisierung stark erweitern. So erlebte Rīga im 19. Jahrhundert erneut einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung. Daraus resultiert das weltweit größte, geschlossene Ensemble an Jugendstil-Architektur.
Das 20. Jahrhundert brachte der Stadt (und Lettland) erst die Unabhängigkeit nach dem 1. Weltkrieg, im 2. WK folgten erst die sowjetische, dann die deutsche Besatzung und am End erlitt das Land das gleiche Schicksal wie Litauen und wurde der UdSSR einverleibt. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlangte Lettland 1991 die Unabhängigkeit zurück.
Rīga hat heute um die 600.000 Einwohner, davon sind etwa 34% ethnische Russen (Stand 2024). Der Anteil an deutschstämmigen Einwohnern ist stetig zurückgegangen, um 1800 waren fast die Hälfte der Einwohner Deutschbalten, 100 Jahre später noch ein Viertel, heute so gut wie keine mehr.
Dennoch findet man allerorten in der Altstadt die Spuren von Rigas Anfängen als Stadt des Deutschen Ordens und der Hanse.
Nun kann man ja über Rīga ganze Bücher und Bildbände schreiben, ich muss also versuchen, unsere drei Tage in dieser außerordentlichen Stadt irgendwie einzudampfen. Ist ja kein Reiseführer, sondern ein Erlebnisbericht.
Als „Leitfaden“ haben wir uns mal wieder unser Hobby Geocaching auserkoren und klappern alle virtuellen Caches in der Stadt sukzessive ab.
Für Muggels: „Virtuals“ 👻 befinden sind immer an Sehenswürdigkeiten, erklären diese auch und man muss keine versteckten Plastikdosen suchen, sondern nur eine kleine Aufgabe erledigen, oft reicht ein Selfie als Beweis, dass man vor Ort war.
Aber erst mal ein kleines brokastis irgendwo auf dem Weg ins Eingemachte!



Je weiter wir uns dem Stadtzentrum nähern, desto imposanter wird die Architektur. Dieses imposante Gebäude ⬆️, das fast die Hälfte des Blocks einnimmt, war die Zentrale des KGB unter der Sowjetherrschaft. Auch hier erleben wir wieder, dass die Zeit als Sowjetrepublik von allen drei Staaten des Baltikums als Besatzung verstanden wird.

Heute erinnern ein Museum und die „Schwarze Schwelle“ an die Opfer der Staatspolizei des Sowjet-Regimes.


Allgegenwärtig sind auch die Oberleitungen der Straßenbahn und der O-Busse und die Coffee-shops (ich finde kein gescheites deutsches Wort dafür), die mit großen roten Lettern CAFFEINE anbieten.

Dank eines 👻-Caches bekommen wir den Tipp, mit dem Aufzug hoch in den 26. Stock des Radisson Blu zu fahren um einen Blick von oben auf die Stadt zu erhaschen. Das „Hotel Latvia“, 1978 eröffnet, war das größte Inturist-Hotel der UdSSR, 680 Zimmer für Auslandstouristen. Im obersten Stock waren allerdings keine Gästezimmer, sondern eine Abhörzentrale des KGB.
Das Gebäude wurde 1998 kernsaniert. Wir fahren mit dem gläsernen Aufzug 😱 in den 26. Stock und schauen von oben auf die Altstadt und das gegenüberliegende Ufer.

Mit dem Kontrast zwischen alt und neu, sakral und profan, nüchtern und verspielt … kann man schön spielen!
Der nächste geocache nennt sich „Lion of Rīga“ und wir erwarten einen monumentalen Löwen mit Mähne und Fangzähnen. Was wir kriegen ist das hier:
Jenseits des Hauptbahnhofs erreichen wir schließlich die Markthallen des Centrāltirgu. Draußen empfängt uns ein buntes Getümmel von Kleidern, Haushaltswaren, Gedöns und duftenden Blumen. Und drinnen Gemüse, Obst und sehr viel Fleisch! Im Foodcourt wird Bier in Flaschen bis 5 Liter gezapft und man kann sich mit lettischem local food stärken. Wir nehmen Pelmeni.



Wie das Ganze von oben ausschaut, können wir uns bald darauf anschauen, denn vom Empire State Building vom Turm der Lettischen Akademie der Wissenschaften hat man einen fantastischen Rundumblick.

Das Gebäude stammt – man sieht es ihm an – aus Zeiten der Sowjets. Der Kultur- und Wissenschaftspalast war 1961 ein „Geschenk“ der UdSSR an die Sowjetrepublik Lettland. Mit 21 Stockwerken und 108 Metern das erste (und höchste) Hochhaus des Landes. Den Stil bezeichnet man als sozialistischen Klassizismus oder Stalinistische Architektur. Es soll Macht und Stärke des sozialistischen Staats sichtbar machen – und das funktioniert durchaus, zumindest dem Anschein nach. Gegliederte Fassaden, Symmetrie, klassische Elemente und vor allem monumental musste es sein!
Wir investieren 2 x 8 Euro (ohne Seniorenrabatt) und werden im 17. Stock mit einem wirklich fantastischen Ausblick belohnt!
Zunächst hier der Blick auf den Zentralmarkt, seit 1930 in den ehemaligen Zeppelinhallen beheimatet und damals der größte und modernste Markt Europas. Davor das Spīkeru kvartals, Speicherhäuser aus rotem und gelbem Backstein, die schon in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gebaut wurden. Heute werden diese Gebäude vorwiegend für kulturelle Zwecke (Theater, Kunst, Musik) genutzt. Im Hintergrund das moderne Gebäude der lettischen Nationalbibliothek, die genau wie die beiden deutschen (in Frankfurt und Leipzig) alles sammelt, was in Lettland veröffentlicht wird.



Es geht zurück in die Innenstadt, vorbei an der deutschen Botschaft, die in einem wirklich sehr dekorativen neugotischen Palazzo residiert. Der würde mit seinem Windsor-Stil besser zum britischen Königshaus passen.


Über den Pilsētas-Kanal und die kleine Brücke mit den Liebesschlössern hat man einen schönen Blick auf das Freiheitsdenkmal. Das wurde zur Zeit der (ersten) Unabhängigkeit 1935 errichtet, ursprünglich gewidmet den gefallenen Soldaten des Lettischen Unabhängigkeitskriegs 1918-1920. Es hat den 2. WK überlebt und man konnte auch den Sowjets ausreden, es zu beseitigen*. Sie platzierten aber am anderen Ende des Boulevards eine riesige Lenin-Statue, die die allegorische Gestalt der Freiheit mit den drei Sternen* aus 300 Metern Entfernung kritisch beäugte. *Geschichten hierzu kann man hier nachlesen.


Der Tag neigt sich dem Abend zu und wir legen vor dem Heimweg* noch ein Päuschen ein. Bei Bier und Knobibrot genießen wir die schöne gelöste Atmosphäre am Rand der Altstadt und bewundern zum x-ten Mal die Vielfalt der detailreichen Fassaden.
*wir wollen vor Feierabend an der Werkstatt sein, um ggfs. Neues zu erfahren.


Auf dem Heimweg entdecken wir dann noch das Denkmal des „Baltischen Wegs“ – eines in jeder Hauptstadt – und der letzte kleine Geist 👻 für heute macht uns auf die LAIMA-Uhr aufmerksam. An der wären wir ganz bestimmt achtlos vorbeigeradelt, dabei ist sie ein Haupttreffpunkt der Stadt, ähnlich wie die Weltzeituhr am Berliner Alex – nur wesentlich unscheinbarer. Die Uhr wurde 1924 aufgestellt und sollte dafür sorgen, dass die Arbeiter pünktlich zu ihrer Schicht erschienen. 1930 wurde sie mit dem Schriftzug des großen Süßwarenherstellers LAIMA versehen.


Gegen 18 Uhr sind wir zurück in unserem Notdomizil, getan hat sich noch nichts, aber das hatten wir auch nicht wirklich erwartet.
Am Freitag nehmen wir dann die Altstadt ins Visier. Vorher geht es aber noch in die Alberta iela, wo uns Jugendstil pur erwartet, ein kompletter Straßenzug. Und noch vorhererer gibt es ein leckeres Frühstück! Das Essen ist wirklich vorzüglich in LIT/LAT.





Die Alberta iela erschlägt einen förmlich mit spektakulären Jugendstilfassaden. Da sind selbst die Dekorationen noch dekoriert, man nennt es eklektisch-dekorativ. Eklektisch bedeutet – verständlich ausgedrückt – nichts anders als „zusammengewürfelt“ – man nimmt also einfach was einem in den Sinn kommt und klatscht es an die Fassade. Mikhail Eisenstein heißt der Architekt, oder auch ein Herr Konstantīns Pēkšēns, der uns noch (fast) leibhaftig begegnen wird.
So sieht das dann beispielsweise aus (man kriegt diese Klötze gar nicht wirklich fotografiert, ist alles verzogen). Wer mehr sehen will, gebe einfach Alberta Straße Riga in die Suchmaschine seiner Wahl ein und schaue sich die Bilder an.





Das letzte Haus rechts, die Nummer 12, kann man von innen besichtigen: Entweder eine Wohnung im 5. Stock oder das Jugendstil-Zentrum im EG. Wir nehmen Letzeres, weil es einen kompletten Überblick gibt.
Schon das Treppenhaus ist der Hingucker schlechthin!


Drinnen begrüßt uns höflich oben erwähnte Herr Pēkšēns, der übrigens in Bad Kissingen an der Fränkischen Saale während eines Kuraufenthaltes das Zeitliche gesegnet hat. Er schwamm am End eher auf der romantischen Welle, was man dem Haus Nr. 12 auch ansieht, mit den Erkern und der stark gegliederten aber nicht mit Deko überladenen Fassade.
Die Wohnräume sind original hergerichtet und möbliert, eigentlich ganz gemütlich, gut bürgerlich. Vor dem geistigen Auge sieht man förmlich das Hausmädchen mit dem Federmop durch die Räume wedeln – und tatsächlich, da schwebt es an uns vorbei – denn sogar die Angestellten fügen sich ins Interieur!


Das können auch wir tun! Zu meinem Entzücken dürfen die Besucher sich mit schicken Hüten in passendem Ambiente ablichten!

Die Ausstattung ist recht modern, ein Eisschrank in der Küche, Meißner Porzellan und das unvergleichliche Wasserclosett.




Ähnlich nach Luft schnappend wie diese Dame (aber zum Glück nicht so hohläugig) klappen wir das Kapitel Jugendstil zu, genehmigen wir uns noch einen Espresso und radeln dann in Richtung Altstadt.
Da gibt es gleich das Kontrastprogramm mit den Resten der mittelalterlichen Stadtmauer und dem Pulverturm:



Die Befestigungen – Stadtmauer, Wehrtürme, Stadttore – stammen aus dem 13. bis 15. Jahrhundert, sie wurden natürlich ständig ausgebaut und von den Schweden im 17. Jhdt. mit Bastionen etc. pp. modernisiert und erweitert. Im 19. Jahrhundert war das alles obsolet und wurde abgerissen. Oder die Stadtmauer diente als rückwärtige Hauswand. Wir begegnen hier dem Geist von Riga – nicht gar so erschröcklich wie der von Klaipeda – und mir fällt mal wieder Unfug ein 🥳. Übrigens sehr zur Freude einer asiatischen Kleingruppe, die das dann gleich nachmacht!




Wir „arbeiten“ uns dann durch die Altstadt bis zum Domplatz vor, wo heute reges Treiben herrscht: Auf der großen Bühne treten treten Musikgruppen auf – die estnische Bläsertruppe POP SID sorgt mit Big Band Sound für richtig gute Stimmung.

Es ist Johannis-Markt, Zāļu tirgus, das bedeutet wörtlich Kräutermarkt.



Die Frauen und Mädchen tragen Blumenkränze auf dem Kopf, ich fühle mich underdressed und besorge mir auch einen. Allerdings nicht mit frischen Blumen, so schön das ist, die müsste ich heute Abend in die Tonne kloppen.
Auch die Papierblumen sehen wunderhübsch aus und stehen mir gut, finde ich 😍.
Das ist jetzt mein neues Profilbild.
Die Männer tragen keine Blümchen auf’m Kopp, sondern – wenn überhaupt – üppig Eichenlaub. Ich hab erst gar nicht versucht, Volker zu so was zu überreden 🤣.

Danach „erledigen“ wir die Reste des heutigen GC-Programms: Die drei Brüder sind die ältesten Häuser Rigas*, im 15. Jahrhundert als Gewerbe- und Handelshäuser gebaut. Das linke ist noch ziemlich original, die beiden anderen haben „moderne“ Giebel bekommen.
* wenn man davon absieht, dass sie im Zweiten Weltkrieg zerstört und in den 1950er Jahren wieder aufgebaut wurden.

Wir verziehen uns in das vorgeblich romantischste Café der Stadt und erhalten dort eine ominöse SMS vom Autohaus. Ein Rückruf bringt die frohe Botschaft: der HoGo ist in der Mache.
Wir trinken aus und gesellen uns zu ihm. AdBlue-Tank und Leitungen sind gespült, Testfahrt wurde gemacht und nach wie vor keine Fehlermeldung im Display 🙏. Also alles nochmal gut gegangen.
Wir berappen 327 Euro für 2,5 Stunden Arbeit + Material (Filter, Adblue), geradezu lächerlich angesichts des Stundensatzes von 67 Euro ebbes. Bei Iveco Mainz kostet schon der Azubi über 150 €.
Nur den Abschlepphaken, den müssen wir wohl noch neu kaufen, der hat die Biege gemacht 🤭.
Wir verabschieden uns herzlich von dem freundlichen Servicemitarbeiter, der so viel Geduld mit uns hatte, ein Schlüsselband gibt’s obendrein. Dann fahren wir einmal quer rüber bzw. umrum zu Camping & Yachts (von F nach G).

Die schönen Stellplätze direkt am Ufer mit einem Grasstreifen vornedran sind leider alle belegt, aber wir sind froh, dass wir überhaupt so problemlos unterkommen. Und der Blick von der „Uferterasse“ ist wirklich schön.

Am Samstag bleiben wir noch in Rīga, jetzt ziehen wir das hier komplett durch, statt noch einen zweiten Anlauf zu machen.
Wir beginnen auf „unserer“ Seite der Daugava im Stadtteil Agenskalns (kalns=Hügel), wo viele Holzhäuser aus der Jahrhundertwende 19/20 zu sehen sein sollen.

In der Tat sieht es stellenweise ein bissel aus wie im Wilden Westen 🤣, doch so ganz überzeigt sind wir nicht, dass wir die richtigen Ecken besucht haben.


Gegenüber ist jedenfalls eine Hauptattraktion des Stadtteils, der Tirgus – der Markt in Backstein-Jugendstil.Drinnen ist’s mal wieder voll lecker und diesmal decken wir uns auch ein, mit Käse, Räucherlachs und kartupelu pankūkas.
An dieser Stelle muss ich mal abschweifen und anmerken, dass ich Lettisch deutlich verständlicher finde als Litauisch – wenn man denn überhaupt von Verstehen sprechen kann. Aber Kartupelu pankukas, das geht doch: Kartoffelpfannkuchen 🤷♀️. Auf Litauisch heißen die bulviu blynai 🤔.
Es gibt hier viel mehr Worte, die an indogermanische Wortstämme anklingen oder auch internationale – also i.d.R. romanische. Aptieka z.b. heißt … richtig: Apotheke (lit.: vaistine). Es gäbe noch mehr Beispiele. Aber Fakt ist, dass ein Lette und ein Litauer sich nicht in ihren Landessprachen verständigen können. Viel weniger als z.B. ein Deutscher und ein Niederländer. Im Übrigen hängen die Litauer gerne ein -iai an und die Letten ein S. Vor allem an männliche Vornamen gehört ein S. Kaspars, Jegors, Emils …
Seit der Wende ist Englisch Pflichtsprache in LIT/LAT/EST, in Lettland wird Russisch an staatlichen Schulen überhaupt nicht mehr unterrichtet! Die drei Länder mussten sich nach ihrer (wieder)gewonnenen Selbstständigkeit überlegen, wen sie zum Freund haben wollten, Ost oder West. Das Modell „Schweiz“ kam mit Nachbarn wie Russland und Belarus nicht in Frage. Und da hat man sich ganz klar für den Westen entschieden!





Volker bringt das Zeuch zum Hogo und dann fahren wir über die große Hängebrücke rüber in die Stadt. Die sieht zwar von Ferne schick aus, aber wehe! An den Rändern ist die total marode, rostige Träger schauen hervor und der Beton bröckelt. 1 knapper Meter vom Radweg zum Geländer hin ist abgesperrt – als ob das viel bringen würde, wenn 2 Meter weiter auf der Fahrbahn Lastwagen drüberdonnern.

Wenigstens ist das Hochhaus was geworden, nicht wie der kurze (und schiefe) Olaf in Hamburg.
Von der Brücke hat man natürlich einen schönen Blick auf die Skyline.

Weiter geht es in die Altstadt und wir staunen nicht schlecht, dass auf dem Domplatz gähnende Leere herrscht. Über Nacht wurde der ganze Kräutermarkt abgebaut, samt Bühne und allem Pipapo!

Da ich uns für 15 Uhr eine Stadtführung (mal wieder mit freetours.com) gebucht habe, lassen wir es ruhig angehen und gehen in einer ruhigen Nebenstraße in einem urigen Lokal Mittagessen.


Unser Stadtführer Kaspars ist studierter Historiker, Kurator des Museums für Anatomie, gibt Vorlesungen über Medizingeschichte an der Uni und macht Stadtführungen als Hobby! Das ist mal ’ne Hausnummer und die Führung sprüht auch nur so vor … wie soll ich sagen … Esprit! Kaspars verbindet die nackten Fakten mit Einordnungen in einen sowohl historischen als auch seinen persönlichen Kontext und das macht sehr viel Spaß! Sein Englisch ist zudem exzellent! Wir sind eine internationale Truppe, GER, ARG, GB, F, ESP und USA – Kaspars meint: So, jetzt wisst ihr wo ihr herkommt und welche Witze ihr machen solltet und welche nicht 🤣🤣!
Wir starten an der Peterskirche mit einer historischen Einführung – im Grunde das, was ich auch eingangs geschrieben habe. Und wer über die Anfänge der Stadt weiß, der wundert sich auch nicht über die Skulptur der Bremer Stadtmusikanten und das gleichnamige Gasthaus!

Kaspars macht sich darüber lustig, dass alle die Mäuler der Figuren reiben – als Historiker ist ihm solcher abergläubische Unfug natürlich fremd. Und er hat ja durchaus recht, wenn er kritisiert, dass ohne Sinn und Verstand in Verona die Brüste der Julia angetatscht werden – das Mädel war 13! Quasi ein Fall für die Epstein-Files.

Natürlich gehen wir auch zum Rathausplatz, wo aber weniger das Rathaus ins Auge fällt, als vielmehr das Schwarzhäupterhaus gegenüber.


Wer einen Kühlschrankmagneten als Andenken kauft, greift mit großer Wahrscheinlichkeit zu diesem Motiv.
Seinen Namen hat das Haus – oh Wunder 😜 – von den schwarzen Köpfen, die das Eingangsportal zieren. Wer aber an Sklavenhandel etc. denkt, liegt falsch: Es ist der Heilige Mauritius, der hier dargestellt wird (wir kennen ihn aus Coburg). Er war Märtyrer, wurde geköpft, daher die abgetrennten schwarzen Häupter.
St. Mauritius gilt als Schutzpatron der Kaufleute, passend dazu hat ihn die Schwarzhäuptergilde auserkoren, eine Vereinigung von ledigen Kaufmannsgesellen, wie es sie auch in anderen Hansestädten gegeben hat. Es war eine Art Burschenschaft mit ähnlichen Ritualen, vor allem zu geselligen Zwecken, aber auch mit politischer Funktion.

Einen Schönheitsfehler hat die Sache mit dem Schwarzhäupterhaus: Es wurde im 2. WK schwer beschädigt und von den Sowjets in den 60er Jahren abgerissen. Insofern ist die Inschrift am Giebel über der astronomischen Uhr Etikettenschwindel: Erbaut 1331 ist OK (wenn auch nicht in dieser Form), aber „Renov.1999“ ist falsch. Da gab es nichts zu renovieren, das hat man komplett neu aufgebaut. Auch das Rathaus ist komplett rekonstruiert, 2004. Kaspars meint, wenn man das älteste Objekt auf diesem Platz fotografieren möchte, solle man ein Selfie mit ihm machen 🤣🤣🤣.
Übrigens wurde im 2. WK nur 3% der Stadt Riga zerstört, ein Klacks im Vergleich zu vielen deutschen Städten. Aber diesen Platz hat es nun einmal getroffen 🤷♀️.

Kaspars erzählt noch von den Verfilmungen von Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes, die bei den Sowjets hoch im Kurs standen (weil völlig unpolitisch). Für diese Filme wie auch für Historienspektakel musste oft Riga als Drehort herhalten, weil es das euopäischste war, das man in der UdSSR finden konnte. Riga war Paris, London, Berlin, Barcelona …
Wir kommen dann zum Domplatz, den wir ja schon kennen, aber jetzt erklärt bekommen. Hier war nämlich nicht der Marktplatz der Stadt, hier war bis in die 1930er Jahre überhaupt kein Platz!
Kaspars läuft wieder zu großer Form auf und erklärt den Zeitgeist: Es war die Zeit der Diktaturen, der Jungs mit den lustigen Schnurrbärten, Stalin, Franco, Mussolini, Salazar, Mosley … *
*Das ist heute nicht viel anders, von 195 Staaten gelten nur ca. 30 als vollständige Demokratien. Von den Einwohnerzahlen leben mehr Menschen in hybriden und/oder autoritären Staaten als in halbwegs oder ganz demokratischen.
Nur das Baltikum war ein Hort der Demokratie und Menschenrechte 🤭😉. Nun, es waren keine Diktatoren, aber Autokraten: Antanas Smetona in LIT, Estland hatte Konstantin Päts und der lettische Ministerpräsident Kārlis Ulmanis verübte 1934 gar einen Staatsstreich, schaltete das Parlament aus, verbot alle politischen Parteien und ließ sich 1936 zusätzlich zum Staatspräsidenten ausrufen. Alle drei kontrollierten die Presse, unterdrückten die Opposition oder schafften sie ab, kontrollierten die Wirtschaft. Nur eines fehlte zum Glück: Man wurde nicht gleich deportiert oder umgebracht, wenn man nicht linientreu war.

Ulmanis ließ das ehemalige Bankgebäude gegenüber dem Dom (oben rechts) zum Lettischen Rundfunk umfunktionieren: Der Balkon an der Ecke schreit geradezu danach, von dort Reden zu schwingen. Aber es war ein Platz für ein Auditorium, direkt gegenüber standen Häuser. Und nicht gerade die hässlichsten. Die wurden kurzerhand dem Erdboden gleich gemacht, und der Staatschef hatte platz für eine Zuhörerschaft. Die Pflastersteine markieren die ursprüngliche Bebauung.




Unsre letzte Station ist das Parlamentsgebäude und Kaspars erklärt kurz und bündig die Knackpunkte des lettischen Systems: Der Staatspräsident – meist ein Politiker, ist repräsentativ und residiert im Schloss. Zurzeit ist es ein schwuler ehemaliger Agrarexperte.
Die Regierung führt der/die Ministerpräsident/in, Wahlen gibt es alle vier Jahre. Und es gibt eine Besonderheit, die es nur in Lettland und in der Schweiz gibt: Man kreuzt eine Partei an und kann innerhalb deren Liste Kandidaten mit Kreuzchen eine doppelte Stimme geben aber auch welche ausstreichen. Finde ich großartig!

Das war wirklich eine großartige Führung, zumindest für uns, die wir nicht durch alle Ziffern auf dem Stadtplan geschleppt werden wollten, sondern tiefer eintauchen möchten.
Bleibt am Ende der Führung noch das Animal of the Day – die diebische Möwe, die ratzfatz den Tisch im Restaurant abgeräumt hat. Die Bedienung lief noch hinterher, doch sie ließ das Schälchen (mit Mayonnaise?) nicht fallen 🤣.

Wir machen einen letzten Abstecher zum Denkmal für die verschleppten Opfer des Sowjetregimes, Zehntausende die per Eisenbahnwaggon nach Sibirien deportiert wurden. Das Denkmal zeigt ihre Namen und macht auch mit einer Geräuschkulisse auf sich aufmerksam, die die Waggons simuliert. Beeindruckend und bedrückend zugleich.


Damit klappen wir das Kapitel Riga zu. Hier könnte man ein halbes Jahr und mehr verbringen, und hätte immer noch nicht alles gesehen. Unbedingt eine Reise wert!
Unsere geocaching map sieht auch sehr schön aufgeräumt aus. Nur die Ukrainische Botschaft haben wir ausgelassen.

Am späten Abend tun wir noch unserer Bürgerpflicht genüge und schauen uns das 2. Gruppenspiel der Nationalelf gegen die Elfenbeinküste an. Die Truppe tut sich schwer, und es ist mal wieder der Stuttgarter Deniz Undav, der 2 Minuten vor Abpfiff das erlösende 2:1 schießt. Ich vergleiche ihn mit Gerd Müller und das Tor glich nun wirklich dem 2:1 gegen Holland im WM-Endspiel 1974. Am nächsten Morgen liest man, dass sich Lothar Matthäus meiner Meinung angeschlossen hat. endlich hört mal wer auf mich!














