Sonntag/Montag, 28./29. Juni: Von Lands End nach Mittelerde an die Costa del Sol
Unser Weg wird uns in den nächsten Tagen einmal komplett um die Rigaer Bucht führen. Einen Zwischenstopp legen wir im Städtchen Saulkrasti ein. Das liegt in der lettischen Region Vidzeme – zu deutsch Mittelerde.

Der Sonntag ist ein schwülwarmer Tag, die Hitzewelle hat nun auch uns erreicht, aber von 40 Grad kann nicht die Rede sein, es sind „nur“ knapp 30.
Wir legen nach ca. 40 km einen kleinen Stopp an der Baltā kāpa, der weißen Düne ein, die von einem kleinen mäandernden Flüsschen durchschnitten wird.

Ein schön angelegter Bohlenweg führt auf und ab und einmal rund herum.


Interessant ist die Schautafel, die die Metamorphose der Küstenlandschaft nach der letzten Eiszeit erklärt. Es ist ganz ähnlich wie an der Kurischen Nehrung: Durch Heben des Landes/Sinken des Meeresspiegels bildet sich ein schmaler Landstreifen vor der Küste, der wird durch Schwemmsand größer, auf Kosten der Lagune. Von der bleibt am End nur ein parallel zum Ufer verlaufender Fluss übrig. Man sieht auch, wie sich durch Sand- Ablagerung die Landspitze bildet.
Die Fahrt führt dann weiter, immer an der Wand lang 😉 Richtung Riga. Um Jurmala – deutsche Bezeichnung Riga-Strand – boxt der Papst: Kilometerlang ist der Randstreifen mit tausenden Autos zugeparkt. Es scheint, halb Riga fährt hierher zum Baden, da sind wir ganz froh, dass wir den einst mondänen Kurort auslassen (obwohl er schon was zu bieten hätte, Jugendstilvillen, Schwefelquellen, Kirchen und 20 Kilometer Sandstrand).
Wir umrunden Riga auf der „Außenbahn“, teilweise kennen wir die Strecke ja schon – schönen Gruß ans Autohaus und auch an Gudrun und Peter, die gerade in Riga zu Besuch sind 👋👋.
Und dann legen wir einen weiteren Stopp ein und machen einen Spaziergang durch die Vergangenheit: Das Latvijas Etnogrāfiskais brīvdabas muzejs, das Lettische Ethnographische Freilichtmuseum, ist eines der ältesten und größten Freilichtmuseen Europas.
Häuser und ganze Gehöfte wurden hier bereits ab 1924 aus den vier Regionen Lettlands zusammengetragen – demontiert und wieder Stück für Stück zusammengesetzt.
Das Gelände ist sehr, sehr weitläufig, wir spazieren einmal rundherum, in viele der Häuser und Scheunen kann man hineingehen, die meisten sind eingerichtet oder mit Gerätschaften ausstaffiert. Natürlich gibt es Unterschiede, die sehr alten Häuser aus dem 17. Jahrhundert haben z.B. Böden aus gestampftem Lehm, die jüngeren Holzböden, aber im Grunde genommen sind es allesamt niedrige Gebäude aus Holzstämmen mit Reetdach.

Eine Ausnahme ist das Speicherhaus aus dem Jahr 1697/1860 mit Fachwerk und einem Schindeldach. Es stammt aus dem Hafen von Liepaja und diente als Speicher für Weizen, Hanf, Leinen, Hering und andere Güter die hier umgeschlagen wurden. Heute beherbergt es eine große Sammlung an Kisten und Truhen.




Drei Kirchen können wir besichtigen, katholisch, evangelisch und orthodox sowie ein gar putziges Kapellchen.





Zu jedem Haus gehört natürlich ein Nutzgarten, die werden auch fleißig vom Museum gepflegt (oft sind aber heute auch hübsche Blumen gepflanzt). Ich entdecke ein Kartoffelfeld und daneben etwas, dass mich an Knöterich erinnert. Und tatsächlich, es handelt sich um Buchweizen, Fagopyrum esculentum, der in der osteuropäischen Küche nach wie vor eine große Bedeutung hat. Er ist auch bei uns im Kommen, weil glutenfrei und für Menschen mit Zöliakie verträglich.


Auch die Herrnhuter Brüdergemeine siedelte ab dem 18. Jahrhundert in Lettland/Vidzeme. Sie gilt als die erste größere religiöse und soziale Bewegung der Region und hatte großen Einfluss auf das Nationalbewusstsein der Bevölkerung und auch auf die Bildung, denn die Herrnhuter legten großen Wert darauf, das die Bauern lesen und schreiben lernten. Mehr Über die Vereinigung kann man hier nachlesen, wir sind den Herrnhutern bereits in Dänemark begegnet.

Geheizt wurde über den Küchenkamin, der in den benachbarten Wohnraum hineinragte. Die übrigen Räume blieben ungeheizt, waren aber auch viel kleiner. Ställe waren nicht in die Häuser integriert, wie man das in Norddeutschland ja häufig gemacht hat.



Wohnen, Schlafen und häusliche Arbeiten fanden in einem Raum statt. In jedem Haus steht im Wohnraum ein Webstuhl, Spinnrad oder eine Haspel. Das diente aber nur dem eigenen Haushalt oder bestenfalls noch den Nachbarn.







Zum Schluss noch ein paar Impressionen:






Eine schöne Impression hinterlässt auch das gut gekühlte Kwass, mit dem wir am End im Museumscafé unseren Durst löschen. Dann geht es noch eine dreiviertel Stunde weiter, bis wir unsere Markise in Saulkrasti ausrollen.


Zwar führt die Bahnlinie genau an dem kleinen Stellplatz vorbei, aber nachts fährt zum Glück kein Zug und über Tag hält es sich in Grenzen. Da stört das Gewitter schon mehr, denn wir haben alle Fenster sperrangelweit offen und müssen nachts dann aus den Betten springen und alle Luken dicht machen.
Am Montag beschließen wir, einen Tag in Saulkrasti dranzuhängen, denn der Reiseführer beschreibt, hier sei eines der bezauberndsten Fleckchen an der gesamten lettischen Ostseeküste. Na, das werden wir uns dann wohl mal anschauen! Immerhin bedeutet Saulkrasti übersetzt: saule = Sonne und krasti = Ufer: Sonnenufer, besser bekannt als Costa del Sol!

Die Hauptsehenswürdigkeit von Saulkrasti ist der/die/das pludmale, das ist (wen wundert’s) Lettisch und heißt: STRAND. Erfreusamerweise ist hinter dem Strand sehr viel Ostsee mit ausreichend Tiefgang, so dass man nicht erst einen Kilometer rauspatschen muss, um wenigstens bis zu den Pobacken im Wasser zu stehen! Der Strand liegt zudem sehr dekorativ vor einer weiteren Baltā kāpa, einer weißen Düne.
Diese weiße Düne besteht aus einer Art Sandstein, nur ist er nicht unter Druck entstanden, sondern durch Wind, Wasser und Sonne zusammengebacken. Und das begann bereits von 400 Mio. Jahren. Der Kern ist also hart, die oberen Schichten lockerer und am End ist es loser Sand. Der Bewuchs der Düne wurde im 17. Jahrhundert abgeholzt, das sah zwar schön aus – die Sandsteinschichten wurden vom Wind freigepustet, aber die Düne setzte sich auch in Bewegung und wanderte langsam aber stetig landeinwärts. Mitte des 19. Jahrhunderts (nachdem schon das ein oder andere Haus umziehen musste) pflanzte man Kiefern, und legte die Düne damit Iahm. Weiß ist sie nun allerdings nicht mehr 🤷♀️, sondern grün.


Es führt ein wunderschöner Bohlenweg durch den alten Kiefernwald runter zum Strand und weiter als „Sonnenuntergangsweg“ bis ins Zentrum von Saulkrasti (3,5 km).

Wir brechen also auf zum Baltischen Triathlon 🚴🚴🚶🚶♀️🏊️🏊♀️:
4 km radeln zur Düne, 250 m gehen zum Strand und dann 15 min. Schwimmen ohne Entfernungsangabe. Und später alles nochmal in umgekehrter Reihenfolge.
Danach sind wir fix und fertig und müssen uns in der Strandbar von den Strapazen erholen 😜!
Ach ja, ein Museum besuchen wir auch noch, das putzige kleine Fahrradmuseum von Janis Seregins. Er begann 1977 mit dem Sammeln von Fahrrädern, die allesamt einen Bezug zu Lettland haben. Auch Sohn Guntis ist vom Sammelfieber gepackt, und uns erklärt der Enkel mit sehr viel know how die Exponate.
Und davon gibt es reichlich, sie stapeln sich geradezu in dem nicht allzu großen Ausstellungsraum!

Da gibt es Hochräder, Rennräder, Hollandräder, Fahrräder mit Kardanwellen-Antrieb, Fahrräder mit Hilfsmotor, sogar ein edles Unikat aus Holz, gefertigt von einem Luftfahrtingenieur.

Mir gefallen ja vor allem die Details, so ist bei den alten luftbereiften Fahrrädern die Ventilkappe ganz elegant mit einem kleinen Kettchen an der Speiche befestigt. Eine Kleinigkeit, die ich mir für heute auch wünschen würde.
Wirklich irre finde ich auch die Bereifung des Sportfahrrads Modell Riga der Firma Sagowksy aus dem Jahr 1904. Einen Platten kriegt man damit jedenfalls nicht. Mit dem seilbereiften Hochrad von 1890 allerdings auch nicht!


Die Hochräder, so erzählt uns der Junior, waren extrem gefährlich im Handling, man musste auf das fahrende Rad von hinten aufsteigen, durfte keinesfalls zu langsam fahren und vorsichtig bremsen. Die Pedale am Vorderrad hatten keinen Freilauf, das war ein Ritt auf der Rasierklinge! Die mörderischen Vehikel wurden Ende das 19. Jahrhunderts durch Niederräder abgelöst, die man auch als „Sicherheitsfahrräder“ anpries.
Das elegante Damenrad Diana von 1927 mit Holzfelgen, gefedertem Sattel, Klingel und einer vorzüglichen Beleuchtung wäre genau mein Ding!

Überhaupt: Die Beleuchtung ist der Hammer! Zwar wurde der Nabendynamo schon um 1910 erfunden, doch bis in die 30er Jahre waren Öl- oder Karbidlampen gebräuchlich. Die gerieten teils zu wahren Schmuckstücken!


Seregins junior erklärt uns, dass Lettland von jeher ein Fahrradland gewesen ist – es war das probate Verkehrsmittel, um die Entfernungen zwischen den Dörfern zurückzulegen. Es gab zahlreiche Fahrradhersteller in Lettland, der erste war der Deutschbalte Alexander Leutner, der bis zum 1. WK in Riga produzierte.

Legendär wurden die Fahrräder des lettischen Fahrradbauers Gustavs Ērenpreiss, der ab 1927 in Riga produzierte. Sein Ur-Ur-Enkel führt das Handwerk in Riga fort und baut schöne, klassische Fahrräder zu erschwinglichen Preisen. Das Herrenmodell heißt Gustav, das für die Damen Paula (nach der Ur-Ur-Oma). Nachzulesen auf https://erenpreiss.com
Mit dieser Abhandlung über Fahrräder schließen wir das Kapitel Costa del Sol Saulkrasti und bereiten uns auf die Nachtschicht vor.
⚽️ Deutschland gegen Paraguay. Achtundzwanzigstelfinale oder so, bei dieser aufgeblähten WM weiß man das nicht so genau. Wir ahnen Furchtbares, aber das tut der Deutsche ja immer, im Schlechtreden sind wir gut.





