Dienstag, 30. Juni 2026: Lügen, Klippen, Løkkepuud
Nachklapp: Gefühlte 6 Stunden später (es ist bei uns halb drei Nachts) steht fest, dass wir uns keine Nächte mehr um die Ohren schlagen müssen: Deutschland kann sich zusammen mit Holland zurück in heimische Gefilde begeben und Tore schießen über. Und Elfmeter. Die schönste B-Note hilft nicht, wenn man einfallslos durch die Mitte will und am End noch 3 Elfmeter verschießt. Zum Unglück kommt dann noch Pech hinzu, wenn der Schiri 🇲🇦* ein Tor wegen angeblichem Foulspiel nicht gibt. So ist das nun mal: Fußball ist auf dem Platz!
Marokko hat auch die Niederlande aus dem Turnier geschmissen mit 3:2 nach Elfmeterschießen.
Nach einer sehr kurzen Nacht ver- und entsorgen wir den HoGo und begeben uns auf die vorerst letzten lettischen Kilometer auf der A1.
Unser erstes Ziel ist das Landgut Dunte in dem weiland der Baron Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen 6 Jahre seines Lebens verbrachte. Und ich wage mal zu behaupten, er würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, was heute hier los ist!

- 1720: Am 11. Mai in Bodenwerder (an der Weser) geboren.
- 1735: Beginn als Page am Hof des Herzogs von Braunschweig.
- 1737: Reise nach Russland, Eintritt in die russische Armee. Er diente am Zarenhof in Sankt Petersburg und kämpfte im russisch-türkischen Krieg.
- 1744 Heirat in Lettland mit Jacobine von Dunten, eine deutschbaltische Adlige. Die Ehe war glücklich, aber kinderlos.
- 1750: Rückkehr nach Bodenwerder. Dort führte er das ruhige Leben eines Landadligen.
- 1790 Jacobine stirbt.
- 1794: Hochzeit mit der 20-jährigen Bernhardine von Brunn. Sie geht fremd und verprasst sein Geld. Der Scheidungsprozess ruiniert den Baron endgültig, finanziell und gesellschaftlich.
- 1797: Münchhausen stirbt, einsam und verarmt, in Bodenwerder.

Es mag wohl sein, dass Münchhausen in seinen glücklichen Jahren ein humorvoller Erzähler war, der so manche Anekdote zum Besten gab. Die Geschichten veröffentlichten und verfassten jedoch andere – und das gegen seinen Willen! Münchhausen empfand es als beleidigend und rufschädigend, als Lügenbaron in die Öffentlichkeit gezerrt zu werden.
Es war zunächst 1781 ein unbekannter „Bewunderer“ der Anekdoten in einem Berliner Magazin veröffentlichte und sie mit dem Namen Münchhausen konnotierte. Ein weiterer „Freund“, der stets in Geldnöten stehende Bibliothekar und Lebenskünstler Rudolf Erich Raspe veröffentlichte 1785 in London zwecks Geldbeschaffung eine Reihe von Anekdoten und Reiseabenteuern unter Münchhausens Namen. Raspes Buch wurde ein ungeheurer Erfolg und zog vier stets erweiterte Neuauflagen nach sich. 1786 übersetzte der deutsche Dichter Gottfried August Bürger diese Geschichten und erfand gleich noch welche hinzu: die berühmte Sammlung Wunderbare Reisen zu Wasser und Lande machte den Mythos Münchhausen mit dem Ritt auf der Kanonenkugel weltberühmt.
Von alle dem unbeeindruckt, präsentiert man hier ein buntes Sammelsurium von Möbeln, Jagdtrophäen, Gedöns, ein Kinderfilmchen über ein paar Lügengeschichten, dazu gibt es zur Abwechslung Vexierspiegel und eine Carrerarennbahn sowie eine Bierkrugsammlung und ein Wachsfigurenkabinett von fragwürdiger Qualität. Ganz zu schweigen vom Spielplatz, Vergnügungsboot und Holzskulpturenpark im Außenbereich. Und all das kostet einzeln Eintritt. Wir investieren nur 2 x 3 Euro Eintritt ins Museum (50% Seniorenrabatt!).






Das „Landgut“ ist jedenfalls ein Publikumsmagnet, draußen stehen ein österreichischer und ein deutscher Reisebus. Die Deutschen klappern in 7 Tagen 7 Hauptstädte ab (Polen, Baltikum, Skandinavien) UND dieses Museum! Versteh’s wer’s kann 🤔.
Schnell weg hier und ein paar Kilometer weiter nach Norden zu den Klippen von Veczemju. Hier zeigt sich die Ostsee von einer völlig anderen Seite!





Die Eiszeit sowie Wind und Wellen haben hier auf einem 200 m langen Küstenabschnitt alten devonischen Sandstein freigelegt und Konturen und Höhlen ausgewaschen.

Auf diesem Foto sieht man endlich mal das immer wieder beschriebene bernsteinfarbene Meer! Am weißen Strand kann man noch arbeiten 😉. Aber auch mit ockerfarbigem Sand ist es wirklich ein besonders schönes Stückchen Küste.
Wir spielen ein bisschen in der Brandung und grübeln beim Trocknen darüber, warum Wellen fast immer gerade auf’s Ufer treffen und warum die Ostsee keine Tide hat.

Die Antwort auf die letzte Frage ist einfach: Die Ostsee ist gar kein Meer, sondern ein riesiges Krokodil, das Finnland auffressen wird. Für eigenen Tidenhub, durch die Schwerkraft den Mondes verursacht, hat das Krokodil Ostsee einfach zu wenig Masse, ist zu klein und zu flach. Dem Tidenhub des Atlantiks versperren zudem der Kattegat nebst dänischen Inseln den Weg und er ist ist sowieso zu weit weg, um sich bis in die Ostsee fortzupflanzen (bis die Tidenwelle da ankommt, sind die 6 Stunden schon rum und die Welle weg).
Mit den Wellen ist es nicht ganz so einfach (und dann irgendwie doch): Wenn die schräg anrollen, trifft ein Ende früher auf flacheren Untergrund und wird abgebremst. Das andere holt dann auf und zieht die Welle parallel zur Küstenlinie. Wie wenn man einen Rasenmäher von glattem Asphalt schräg auf die Wiese rollt: Das Rad, das zuerst auf Gras kommt, rollt langsamer, der Mäher dreht sich zur Wiese hin.
Nachdem wir das geklärt haben, geht es weiter durch flaches Land zur Grenze. Da ist aus Vor-EU und -Schengen-Zeiten noch ganz schön Verhau aufgebaut, Estland begrüßt uns aber eher beiläufig ohne viel Brimborium. Nun ja, wir kommen unangemeldet, da kann man kein Empfangskomitee erwarten 🤷♀️.


Wir biegen alsbald nach links ab in den Küstenwald, wo uns der erste telkimisala erwartet: Ein einfacher Zeltplatz der RMK, der estnischen Forstbehörde. Mit Feuerstellen und lõkkepuud – Brennholz (auch küttepuu genannt). Der Platz ist gut belagert, viele Zelte, aber auch WoMos und Wohnwägen stehen lose vereilt im Wald. Wir ergattern noch ein Plätzchen mit Privatkamin und zirkeln den HoGo rückwärts zwischen die Kiefern.


Ich hatte kurz zuvor in weiser Vorausicht im Maxima Schweinesteaks gekauft, dazu Grillanzünder, Streichhölzer und einen Grillrost , Volker holt für 5 Euro einen riesigen Sack lõkkepuud und es kann losgehen 🔥:




Es schmeckt vorzüglich und weckt Erinnerungen an Kanada und die Campingplätze in den Provincial Parks. Fehlen nur die Bären. Dafür gibt es ein zahmes Frettchen als AoD.


Gegen 22 Uhr zieht es die Camper an den Strand zum Sonnenuntergang. Wir kommen ein Viertelstündchen später, weil wir am Feuer noch ein kleines bisschen Gitarre spielen und singen.
Eine wunderbare Stimmung ❤️.

Das war also unser erster Abend in Estland. Das Universum hat dankenswerter Weise darauf verzichtet, in der Nacht weiter Kiefernzapfen auf das HoGodach zu werfen, so dass wir wunderbar geschlafen haben.


