10. – 12. August 2026: Dreimal Pils an der Grenze zwischen Lettland und Litauen
Sonntag ist Fahrtag: Wir bunkern noch ein paar Vorräte in Sigulda und fahren dann gut 100 Kilometer nach Südwesten – womit wir schon fast wieder aus Lettland raus sind. Aber nur fast!


Etwas außerhalb von Bauska finden wir einen recht netten kleinen Campingplatz und bekommen Besuch von einem kleinen Stieglitz, der uns frech und gar nicht scheu um Futter anbettelt.





Am Montag machen wir uns mit den Fahrrädern auf ins 10 Kilometer entfernte Bauska. Wieder einmal fällt uns auf, wie piccobello doch die estnische Infrastruktur im Vergleich zur lettischen (und litauischen) ist. Fahrradwege werden hier einfach auf dem vorhandenen Straßennetz ausgewiesen, egal ob viel befahrene Durchgangsstraße oder Schotterpiste.
Ich frage mich, wie die Esten das finanzieren, liegt doch das Durchschnittseinkommen deutlich unter dem unsrigen. Dabei muss jeder Este 66 km Straße finanzieren, das ist wesentlich mehr als in Deutschland (ca. 10 km/Einwohner). Vielleicht bezahlen sie das (auch) über ihren üppigen Mehrwertsteuersatz von 24%. Jedenfalls ist die Staatsverschuldung mit 25% deutlich niedriger als bei uns (65% des BIP).
Unser Ziel ist Bauska pils – Schloss oder Burg Bauska. Die liegt überaus malerisch auf einer Anhöhe zwischen den Flüssen Memele und Musa, die kurz dahinter zur Lielupe zusammenfließen.

Eigentlich haben wir es hier mit der Ruine einer (späten) Deutschordensburg aus dem 15. Jahrhundert und einem restaurierten Renaissance-Schloss (erbaut Ende des 16. Jhdts.) zu tun.
Bauska war die letzte Ordensburg, die der livländische Orden um 1450 zum Schutz der Grenzen zwischen Livland und dem Großfürstentum Litauen erbauen ließ.
Als gut 100 Jahre später Russland und Schweden das Gebiet des livländischen Ordens angriffen, sah der Landmeister des Ordens, Gotthard Kettler seine letzte Chance der Eroberung zu entgehen in einem Bündnis mit dem Großfürstentum Polen-Litauen. Der Ordensstaat wurde aufgelöst und dem Großfürstentum einverleibt. Für den Zipfel Kurland-Semgallen konnte der Sonderstatus eines Großherzogtums ausgehandelt werden, das aber nicht mehr als ein Vasallenstaat war. Kettler selbst ließ sich zum Großherzog „befördern“.


Kettler ließ sich auf dem Gelände der Vorburg eine schicke Residenz einrichten. Er selbst weilte dort nur zu Besuch, nach seinem Tod 1587 zog seine Witwe in Bauska ein.
Ordensburg und Renaissanceresidenz sahen allerdings seit ihrer Zerstörung im Großen Nordischen Krieg 1706 und dem anschließenden Verfall so aus:

Das Schloss wurde ab 1976 aufwendig restauriert und erstrahlt in neuem altem Glanz (das bossierten Mauerwerk ist Sgrafitto!).


Auch die Innenräume sind schön hergerichtet, man kann die Wohnräume des Burgverwalters und im Westflügel die herzoglichen Räume besichtigen. Die Ausstellung zeigt die Geschichte des Schlosses und des Herzogtums Kurland-Semgallen, Waffen, Mode und Möbel.


In der alten Ordensburg wurde der Bergfried gesichert und mit hölzernen Treppen und Galerien begehbar gemacht.


Nach dem ausgiebigen Besuch der Anlage radeln wir dann noch nach Bauska downtown. Leider wird das Städtchen vom Durchgangsverkehr auf der Via baltica doch arg beeinträchtigt – ein Laster nach dem anderen donnert hindurch.




Wir nehmen einen kleinen Snack am Marktplatz und fahren dann wieder zurück, diesmal auf der anderen Seite am Ufer der Memele.
Nach 10 Kilometern erwartet uns another bloody castle, das Schloss Mezotne – deutsch Mesothen – ein schöner klassizistischer Bau aus der Zeit um 1800.

Das Schloss hat eine recht interessante Geschichte, gehörte es doch einer Kindergärtnerin. Natürlich nicht irgendeiner, sondern der Erzieherin der Enkel von Katharina der Großen. Charlotte von Lieven gewann das Vertrauen der Kaiserin, wurde deren Hofdame und sogar Obersthofmeisterin – das heißt ihr unterstand der gesamte weibliche Hofstaat. Die Zarin verlieh ihr den Nießbrauch für das Gut Mesothen, wo Charlotte das Schloss erbauen ließ. Später wurde sie erst zur Gräfin, dann sogar zur Fürstin „befördert“. Sie lebte aber mit der Zarenfamilie in Sankt Petersburg und besuchte ihren Besitz nur ein einziges Mal 1818 auf der Durchreise. Das Schloss blieb im Besitz der Familie von Liewen bis 1920, als der neue lettische Staat die Adelsfamilien enteignete (man nannte es „Bodenreform“).
Beim Schloss führt eine etwas abenteuerliche Pontonbrücke über die Lielupe (deren deutscher Name ist übrigens Kurländische Aa).


Am Dienstag ist dann das Schloss an der Reihe, wegen dem wir überhaupt hier angehalten haben! Es ist eine der Top 10 Sehenswürdigkeiten Lettlands, wenn nicht des gesamten Baltikums.
Die Rede ist von Schloss Rundale (Ruhental), dem „Versailles des Baltikums“.

Das ist hoffnungslos übertrieben, denn Rundale ist zwar wie zahllose andere Schlösser dem großen Vorbild Versailles nachempfunden, wurde aber 100 Jahre später fertiggestellt und ist gut 10 mal kleiner geraten. 138 Zimmer gegenüber 2.300 und eine Wohnfläche von „nur“ 7.000 m2. Versailles bringt es auf unfassbare 63.000 m2.
Aber egal, Größe wird überbewertet!
Das Schloss war Sommerresidenz des Herzogs von Kurland-Semgallen, Ernst Johann von Biron. Der hatte am Zarenhof Karriere gemacht, war Günstling der russischen Zarin Anna und wurde von ihr mit Geschenken, Orden und höfischen Würden überhäuft.
Man weiß nicht recht, was sie an ihm fand, denn Biron war herrisch, genusssüchtig, prunkliebend und grausam. Die Zahl seiner Freunde am Zarenhof war gelinde gesagt überschaubar.
1735 kaufte von Biron vom Geld der Zarin das Hofgut Ruhental und ließ dort nach Plänen des russisch-italienischen Baumeisters am Zarenhof, Bartolomeo Francesco Rastrelli, ein Barockschloss mit französischem Garten errichten.

Doch viel hatte er nicht davon: Als seine Gönnerin 1740 starb war Schluss mit lustig und es hieß: Ab nach Sibirien.
Er durfte zwar bald wieder in wärmere Gefilde (300 km nord-östlich von Moskau 🥶) zurückkehren, blieb aber in der Verbannung und aller Ämter und Würden enthoben. Erst 1761 wurde Biron durch Peter III. und Katharina II. rehabilitiert und begann sogleich mit weiteren Bauarbeiten.

Rundale blieb im Besitz der Familie Biron bis 1795 das Herzogtum von Russland annektiert und aufgelöst wurde. Das Schloss kam in die Hände eines neuen Zarengünstlings, des Grafen Subov, später in den Besitz einer Familie Schuwalow. 1915 richtete die deutsche Armee im Schloss ein Lazarett ein, 1919 erfolgten Verwüstungen bei politischen Aufständen. Im Rahmen der lettischen Agrarreform ging Rundale 1920 in den Besitz des Staates über. In den Gebäuden wurden Wohnungen und eine Grundschule eingerichtet. 1933 wurde es dem Lettischen Historischen Museum übergeben, und es wurden einige Renovierungsmaßnahmen begonnen. Den Zweiten Weltkrieg überstand Rundale unbeschädigt, es wurde aber in den Nachkriegsjahren als Kornspeicher genutzt, was der Inneneinrichtung nicht besonders gut getan hat. 1972 wurde das Schlossmuseum Rundale gegründet und mit umfangreichen Restaurierungsarbeiten begonnen.
Jetzt aber ab in den Schlossgarten, solange das Wetter noch so schön ist!

Wie es sich für einen Barockgarten gehört, ist er symmetrisch angelegt. Direkt hinter dem Schloss ist das „Parterre“ mit ornamentalen Beeten – das sieht man am besten vom Balkon des herzoglichen Paradeschlafzimmers. Im Garten blühen fein beschriftet 2.000 unterschiedliche Rosensorten und die Wege sind von sage und schreibe 32.000 Lindenbäumen gesäumt (in Wikipedia stehen 328.000, das ist aber ein Tippfehler!). Im hinteren Bereich sind Boskette (Wäldchen) mit thematischer Bepflanzung angelegt, alles wunderschön gepflegt!


Der Garten sah beileibe nicht immer so prächtig aus, das erfahren wir in einer kleinen Ausstellung im Gärtnerhaus: Nach 70 Jahren Vernachlässigung war hier alles total zugewuchert! Erst seit den 2010er Jahren erstrahlt der Garten wieder in seiner neuen alten Pracht!







Nach zwei schönen Stunden im Garten machen wir uns auf in die Innenräume. Von den 138 Zimmern kann man stolze 50 besichtigen – bis auf eines sind sie alle wunderbar restauriert und eingerichtet. Das eine hat man bewusst so belassen, um zu zeigen, wie das Schloss nach der ganzen Zweckentfremdung als Lazarett, Schule und Lagerhaus ausgesehen hat.
Nach 50 Zimmern sind wir echt bedient und haben genug von Seidentapeten, Stuckverzierungen und eleganten Möbelstücken. Doch es ist wirklich beeindruckend, wie hervorragend dieses Schloss restauriert und hergerichtet wurde!

Wir machen uns vom Acker! In der Ferne sieht man schon die Quellwolken des drohenden Unwetters und in die andere Richtung dräut eine schwarze Regenwolke. Vor der sausen wir im Turbo zurück zum Campingplatz und kommen gerade rechtzeitig, um der Tochter der Besitzerin zu helfen, ein von den heftigen Sturmböen davongewehtes Igluzelt zu retten. So werden wir dann doch noch nass, aber was soll’s 🤷.


























































