Gips und Bier: Biržai

Keine Sorge, kein medizinischer Gips, einfach nur Gips. CaSO4.

12.-14. August 2026: In der karstigen Bierhauptstadt Litauens Biržai

Von Bauska ist es nicht sehr weit nach Biržai (ca. 50 km) und den Grenzübertritt von Lettland nach Litauen merkt man ob der ähnlich schlechten Straßenzustände auch kaum. Am Zielort angekommen, machen wir nichts weiter außer Quartier beziehen beim örtlichen Aeroclub, der nicht nur Rundflüge anbietet, sondern auch ganz lauschige Stellplätze. Die dienen wohl primär den Leuten, die hier in 19, 30 oder 45 Stunden eine Fluglizenz erwerben können und dafür sogar aus Norwegen anreisen (vermutlich weil es hier billiger ist, 5.200 Euro kostet der Flugschein).

Am Abend steht auch hier das Großereignis an, das seit Tagen Schlagzeilen macht: Die totale Sonnenfinsternis! Total ist sie nur in Südspanien und auf Mallorca, aber 80% Verfinsterung ist ja auch schon eine Ansage, die wir vielleicht zum letzten Mal in unserem Leben ohne Fernreise zu sehen bekommen.

Dafür sind wir miserabel vorbereitet, sprich: gar nicht 🙈! Dass normale Alufolie keinen Sonnenfilter ersetzt, hat man sich ja denken können 🤣. Aber finster isses schon da drunter!

Zum Glück sind wir nicht alleine, eine Handvoll Leute, darunter die Flugschüler, wollen das Spektakel auch beobachten und einer hat eine Schweißermaske mitgebracht, die reihum gereicht wird. Und auch mit ein paar Einstellungen am Handy (ISO und Belichtungszeit hoch) kann man die angefressene Sonnenscheibe indirekt sichtbar machen.

Schon ein Erlebnis, wenn auch nicht vergleichbar mit der totalen SoFi 1999. Aber das ist eine andere Geschichte, die vielleicht ein anderes Mal erzählt wird.

************************

Am Donnerstag machen wir uns mit den Fahrrädern auf zu einer Erkundung der Sehenswürdigkeiten der Umgebung. Und das sind doch erstaunlich viele!

Zunächst einmal das unvermeidliche Schloss, in Litauen „pilis“ genannt. Das hiesige ist eine Bastionsfestung aus dem späten 16. Jahrhundert, von der allerdings nach dem Großen Nordischen Krieg nicht viel übrig blieb. Was man heute sieht wurde 1978–1986 sowie 2013 umfassend rekonstruiert.

Über den alten Mauerresten hat man diese putzigen Dächer zum Schutz gebaut.

Die Festung wurde im italienischen Stil gebaut und später im niederländischen umgebaut. Das musste ich erstmal googeln!
Alle bauten sie sternförmige Grundrisse, also Bastionen, mit diesen Unterschieden:
Italienisch: Niedrigere, aber extrem dicke Mauern sollen Geschütze abwehren
Niederländisch: Viel Wasser – Gräben, Überschwemmungsgebiete. Erdwälle sollen Kanonenkugeln abfangen.
Französischer Stil / Vauban-Stil: Die Königsklasse mit raffiniert gestaffelten Festungswerken. Jeder Abschnitt wurde von einem anderen gedeckt.
Italienischer Stil ist 16. Jahrhundert, niederländisch kam später, Vauban Mitte 17.

Das Denkmal für die Unabhängigkeit Lettlands von 1931 wurde von den Sowjets zerstört und vergraben. Nach der erneuten Unabhängigkeit hat man es ausgebuddelt und wieder „aufgestellt“.
Warum halb liegend – keine Ahnung.

Das Schloss liegt nahe am Sirvenos-See, dem ältesten künstlichen See Litauens. Er wurde schon 1575 aufgestaut, um die Wassergräben der Festung zu fluten und beim Bedarf noch weitere Flächen unter Wasser zu setzen. Niederländischer Festungsbau!

Bogenbrücke beim alten Staudamm

Über den See führt ein Steg, den die Grafen von Tiškevičius Mitte des 19. Jahrhunderts bauten, um von ihrem schönen klassizistischen Anwesen auf der anderen Seite des Sees bequem in die Stadt zu kommen.

Die bronzenen Originale der beiden Löwen am Treppenaufgang stehen heute vor dem Kriegsmuseum in Kaunas. Wir waren da!!!

Damit hätten wir den kulturellen Teil des Tagesausflugs erledigt 😇, jetzt geht es in die Natur. Und das bedeutet hier: Karst! Die Gegend um Biržai ist stellenweise wie ein riesiger Schweizer Käse. Dicht unter der Humusschicht liegt hier ein Untergrund aus Gips, Dolomit und Kreide aus der Devon-Zeit. Wenn Grundwasser durch diese Schichten fließt, löst es den Gips. Es entstehen unterirdische Hohlräume, die gerne mal einstürzen und gewaltige Löcher, Dolinen, zurücklassen. Stehen diese mit dem Grundwasser und/oder einem Gewässersystem in direkter in Verbindung, bilden sich Karstseen. So sieht das dann aus:

Nördlich von Biržai gibt es eine ganze Reihe von Dolinen (ca. 30), die alle über- oder unterirdisch miteinander in Verbindung stehen und zudem mit Grundwasser und Niederschlagswasser gefüllt sind. Eine wunderschöne Landschaft kleiner Seen und Inselchen, die ein Landschaftsarchitekt nicht hübscher hätte anlegen können! Die Karstseen von Kirkiliai.

Kilroy schaut von oben drauf!

Damit sich die Menschen, die nicht im Besitz einer Fotodrohne sind, an diesem Anblick erfreuen können, hat man einen Aussichtsturm ans Ufer gestellt. Und was für einen!!!

20260813_143730
previous arrow
next arrow

Wie man sich vielleicht vorstellen kann, kriegen mich keine 10 Pferde auf diese Plattform! Da schau ich mir die Seen lieber vom Boden aus an. Ein hübscher kleiner Spazierweg mit vielen Stegen führt ein Stück hindurch.

Das Wasser wirkt dunkel – das mag der Tiefe der Seen geschuldet sein, und ist glasklar. Weil das Wasser direkt aus den unterirdischen Gips- und Dolomitschichten hochgedrückt wird, enthält es hohe Konzentrationen an Sulfat und Kalzium. Das wirkt fast wie ein Dünger und die Seen sind sehr reich an organischem Material, sprich Pflanzen. Sterben die ab und sinken zu Boden, werden sie im Faulschlamm von Schwefelbakterien anaerob zu CO2 verstoffwechselt – der Sauerstoff dafür stammt aus dem Sulfat. Der Schwefel wird dabei zu Schwefelwasserstoff reduziert und reichert sich in den tiefen Wasserschichten an. Damit wird er Substrat für Purpurbakterien, die mittels H2S und Sonnenlicht wiederum CO2 reduzieren, also anaerobe Photosynthese betreiben. Ein faszinierender Kreislauf, der hier ziemlich einzigartig ist.

Man kann die rötlichen Bakterienkolonien mit bloßem Auge aus der Höhe erkennen! Dass die Seen nicht nach faulen Eiern stinken liegt daran, dass der Schwefelwasserstoff in den tiefen Schichten bleibt. Es bildet sich in den Seen nämlich eine klare Grenze zwischen kaltem, sauerstofffreiem Tiefenwasser mit hohem Sulfat- und Schwefelwasserstoffgehalt und sauerstoffreichem Oberflächenwasser aus. Die Photosynthese treibenden purpurnen Schwefelbakterien leben knapp unter dieser Grenze und fangen den Schwefelwasserstoff durch ihre Stoffwechselaktivität ab, fressen ihn quasi auf.

Das war jetzt kompliziert, hat mich auch ganz schön Zeit gekostet, den Blödsinn von Gemini zu durchschauen! Dafür gibt es jetzt ein wenig Spätsommeridylle zum Ausruhen, während wir auf Schotterpisten zu noch mehr Karstlöchern radeln, diesmal welchen ohne Wasser.

Das Kuhloch ist unser Ziel, aber vorher finden wir schon andere Dolinen. 9.000 solcher eingestürzten Karsthöhlen gibt es in der Region und es kommen auch immer noch neue hinzu. Also Obacht, wo man sein Auto parkt.

Oder seine Kuh. Angeblich verschluckte eine besonders große Doline nämlich vor ca. 200 Jahren ein Rindvieh, was ihr den Namen Kuhhöhle – Karves ola – einbrachte. 12x12x10 Meter misst das Loch und führt in weitere Kavernen, die (noch) nicht eingestürzt sind.

****************************

Nun wird es aber Zeit, sich der letzten Attraktion der Stadt zu widmen! Biržai ist nämlich Litauens Bierhauptstadt! In der Rinkuškiai-Brauerei genehmigen wir uns eine zünftige Bierverkostung und futtern danach köstliche Cepelinai. Und zum Nachtisch gibt es Bier-Eis. Schmeckt wirklich lecker (wozu aber auch die Salzkaramell-Creme als Topping beiträgt).

Von der Verkostungsliste kaufen wir am Freitag morgen gleich noch mal einen Nachschlag für zu Hause!

Unsere Favoriten: Nr. 3, 5 und 7

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert