Rummu und Murru

Samstag, 18. Juli 2026: Das Gefängnis an der blauen Lagune

Was sich anhört wie zwei schnurrende estnische Kater sind die beiden Hauptattraktionen auf unserem Weg Richtung Tallinn.

Rummu ist ein ehemaliger Kalksteinbruch und Murru eines der berüchtigsten Gefängnisse des sowjetischen Estland. Und beider Geschichte ist eng miteinander verbunden, weil die Sträflinge des Lagers im Kalksteinbruch Zwangsarbeit verrichten mussten. Das wäre ja alles nicht übermäßig spektakulär, wären da nicht eine höchst ansehnlich erodierte riesige Abraumhalde und ein vollgelaufener Tagebau.

Alles Abraum: Die Halde
Der abgesoffene Tagebau

Fein suspendierte Kalkpartikel verleihen dem See seine schöne türkisblaue Farbe. Und noch viel bunter wird es, wenn man etwas mehr Kante gibt und das Gewusel aus Menschen, Badelaken, Schwimmtieren und Picknickkörben ins Blickfeld kommt, nicht zu vergessen, das aufgepustete Rutschparadies-Monstrum.

Dazu der Kontrast der Ruinen des Kalkbergwerks – es ist schon ein fast surrealer Anblick, der sich Volker bietet, der auf die schroffe Kalkhalde hochgeklettert ist. Von unten ist es aber kaum minder skurril.

Rummu ist wie man sieht ein beliebtes Badeparadies und zudem ein Hotspot für Taucher, denn ein Großteil des Equipements des verlassenen Steinbruchs liegt am Grund dieses Sees. Er lief voll, als man in den 1990er Jahren den Abbau einstellte und das Grundwasser nicht mehr abpumpte.

Unser vergeblicher Versuch, ans gegenüberliegende Ufer zu kommen, um an ein Bild vom ruinösen Badespaß vor der Kulisse der Kalk-Canyons zu kommen, bringt uns nach wenigen Minuten völlig weg vom Trubel an ein paradiesisch ruhiges Fleckchen, wo wir uns der Klamotten entledigen, in die mitgebrachten Badesachen schlüpfen (🤣 ich und schlüpfen 🤣) und ins gar nicht mal so kühle türkisblaue Wasser eintauchen. Herrlich!

Dann macht sich Volker wie erwähnt an die Besteigung des Monte Rummu, ein recht ausgetretener Pfad führt hinauf, und der wird auch fleißig genutzt. Ich sach mal so: In Deutschland würde man da keinen hochlassen! Oder zumindest eindringlich auf Lebensgefahr hinweisen. Das Gelände ist bröselig und verändert sich mit jedem Regenschutt. Und es ist auch nicht so, dass einem da nicht mal ein größerer Brocken auf den Kopp fallen könnte.

Der Este hingegen stellt ein freundliches Schild mit zwei purzelnden Männlein auf und bittet höflich: „Please be careful“. Dann überlässt er die Entscheidung den Menschen. Ich habe mich dagegen entschieden, zig andere klettern hoch und kommen auch wohlbehalten wieder herunter. Wenn nicht: Selber schuld.

Friedhof der Sattelschlepper

Die bizzarren Formen, die der Regen aus der Kalkhalde ausgewaschen hat, sind wirklich faszinierend und wunderschön. Eine vergängliche Schönheit, allerdings. Wir fragen uns beim Abschied, wie lange das wohl noch existieren mag?

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Von seinem Ausguck hat Volker auch ein Foto des benachbarten Gefängniskomplexes von Murru mitgebracht:

Wie eine kleine Stadt für 2000 Sträflinge plus Personal: Lagerbaracken, Verwaltungsgebäude , Krankenhaus, Werkstätten, Küche/Kantine.

Mit unserem Senioren-Kombiticket erhalten wir per QR-Code Zutritt zum Gefängnisgelände, allerdings scheint heutzutage das Hineinkommen schwieriger zu sein als damals das Entkommen, wir haben unsere liebe Müh mit dem Lesegerät.

Eines der beiden Eingangstore. Jedes Fahrzeug das hinein oder hinausfuhr, wurde zwischen den beiden Toren gründlich inspiziert.

Murru, eröffnet 1938, war kein Gefängnis, wie wir uns das heute vorstellen, sondern ein Straflager. In der Sowjetunion setzte man auf Lagerhaft anstatt auf Zellenhaft und meist war das Gefängnis auch Arbeitslager. Tagsüber arbeiteten die Gefangenen unter strenger Aufsicht, abends sperrte man sie gemeinsam ein.

3 Baracken, jede für mehr als 100 Häftlinge. Die Häuser sehen nur so klein aus, sie sind sehr lang
Das Innere der Baracke: Räume rechts und links, in jedem konnten 4-6 Mann auf Pritschen schlafen. Es gab ca. 15 solcher Unterkünfte

Eine Baracke für 100 Personen ist einfacher zu bauen, als ein Gefängnis mit 100 Zellen, und die horrenden Gefangenenzahlen der Stalinzeit waren nur mit Lagerhaft zu bewerkstelligen. In Murru waren 2.000 Männer inhaftiert, das reichte vom „Landstreicher“ über Kleinkriminelle bis zu Schwerstverbrechern. Man musste dann schon schauen, wen man in der Baracke zusammensperrte. Eine Hierarchie unter den Inhaftierten – von den „Hühnern“ bis hoch zu den „Behörden“ war indes durchaus im Sinne der Lagerverwaltung.

Als Disziplinarstrafe gab es Einzelhaft in winzigen Isolationszellen. Ganz schlimme Gesellen, die man vom Rest separieren musste, waren in Zweierzellen im gleichen Block eine Etage höher eingesperrt. Dennoch wurden pro Jahr in Murru 30 Häftlinge von anderen Häftlingen umgebracht.

Das Bett wurde tagsüber hochgeklappt
Zelle für Schwerstverbrecher

Nach der Unabhängigkeit Estlands wurde schrittweise das Strafverfolgungssystem umgestellt. Die acht Lagergefängnisse sind drei modernen Haftanstalten gewichen, in denen großes Augenmerk auf die Resozialisierung der Straftäter gelegt wird. Dazu gehören auch Bewährungsstrafen und offener Vollzug.

Murru blieb noch bis 2012 in Betrieb – allerdings mit Verbesserungen und ohne Zwangsarbeit im Steinbruch.

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Nachdem wir uns auf dem Gelände und drumherum ordentlich die Hacken abgelaufen haben, fahren wir nach Saue-Vanamoisa auf den größten WoMo-Stellplatz Estlands, nicht etwa, weil der so schön ist, sondern weil er so günstig zu Tallinn liegt. In 25 Minuten ist man von hier mit der Bahn in der Hauptstadt und das im 20 Minuten Takt.

Haapsalu (H) über Rummu (I) nach Saue-Vannamoisa (J), 86 km

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