Sonntag, 19. Juli 2026: Roadtrip an die Küste und wieder zurück
Wir haben noch ein paar Stationen „abzuarbeiten“, die uns die Mädels ans Herz gelegt haben, aber 70 Kilometer Radfahren ist uns eindeutig zu viel, also machen wir ausnahmsweise mal einen Ausflug mit dem HoGo und kommen abends wieder zurück zum Stellplatz.
Schloss Fall heißt unser erstes Ziel, klingt ein bisschen wie aus der Sesamstraße, ich muss jedenfalls bei dem Namen an Graf Zahl denken 🤣. Das Schlösschen heißt aber so, weil es an einem Wasserfall gebaut wurde, höchst dekorativ und im Baltikum durchaus eine Seltenheit.


Dieser hier verdient im Vergleich zu Kuldiga auch wirklich die Bezeichnung Wasserfall, obwohl ein Norweger bestenfalls milde lächeln würde bei einer Fallhöhe von 6 Metern. Ist halt relativ.
Interessant ist der Umstand, dass auf der recht weichen Klippe aus Kalkstein eine ca. 60 cm dicke Schicht aus härterem Stein aufliegt (vermutlich ist überhaupt nur deshalb der Wasserfall noch da, der Kalkstein wäre sonst längst abgetragen). Die Klippe unterhalb wird ausgewaschen, der harte Stein bildet einen Überhang, der irgendwann abbricht. Diese Bruchstücke liegen dann unten im Flussbett.

Über den Handel „wandert“ der Keila-Wasserfall jedes Jahr im Schnitt 10 cm zurück (halt nicht kontinuierlich, sondern bruchstückhaft). Das macht auf 500 Jahre immerhin 50 Meter!
Es sah also etwas anders aus, als man im 16. Jahrhundert die erste Wassermühle hier gebaut hat und auch der Bauherr von Schloss Fall, ein Baron von Benckendorff (deutschbaltischer Adel, was sonst), hatte 20 Meter mehr Abstand, als er sie 1833 erneuern ließ. 1928 wurde daraus ein kleines Wasserkraftwerk mit einem Generator. Nach einer gründlichen Restaurierung 2005 liefert das Kraftwerk heute wieder Strom.




Das Schlösschen – eigentlich ein Herrenhaus – ist heute ein fürnehmes Hotel, nach eigenem Bekunden „one of the worlds most amazing castle hotels“. Da berappt man schon mal 600 Öcken für’s Nächtigen in der Benckendorf-Suite. In der stilvollen Kulisse werden auch Konzerte gegeben und Ausstellungen veranstaltet.

Weiter auf den Spuren des WoMo-Reiseführers machen wir Halt an der Steilküste und trinken einen Kaffee am Abgrund der Klippen. Mir ist nicht besonders wohl bei der Sache, aber Volker besteht drauf. Zur Ablenkung futtere ich eine halbe Packung Kekse, dann geht’s.



Mit ausreichend Koffein versorgt geht es anschließend zum Eesti Vabaöhumuuseum, dem Estnischen Freiluftmuseum kurz vor den Toren Tallinns.


Wie üblich, sind hier ländliche Gebäude aus allen Regionen des Landes zu besichtigen. Hier wird in jedem Gehöft der Schwerpunkt auf einen anderen Aspekt des ländlichen Lebens gelegt und mit Ausstellungen und Vorführungen begleitet. Wirklich gut gemacht!
Im ersten Gehöft bekommen wir einen Überblick über die traditionellen Bauweisen, wie entsteht ein Schilf- oder Strohdach, wie werden Holzbalken miteinander verbunden, Fenster, Türen, Herd … alles wird veranschaulicht.
Wenn das Heu im Winter nicht ausreichte, wurde das Vieh mit dem Stroh vom Dach gefüttert. Im Sommer wurde das Dach dann wieder ausgebessert.





Zum Bauernhof gehörte eine Sommerküche, manchmal in Form eines Tipis, eine Konushütte wie sie auch die Finnen und Samen kennen. Man nutzte die Sommerküche nicht nur zum Kochen, auch zum Wäschewaschen und Bierbrauen waren sie bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Gebrauch.
Oft wurde die Sommerküche mit der Sauna kombiniert. Eine Sauna war ein sehr wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens, sie gehörte zu jedem Gehöft. Die Sauna diente nicht nur der Körperpflege, sie war auch Ort des (geselligen) Austauschs und mehr noch: In der Sauna begann und endete das Leben – hier wurden die Kinder geboren und die Sterbenden und Toten versorgt.

Die traditionelle estnische Sauna ist eine Rauchsauna ohne Kamin: Sie ist aus Stein gebaut und ein steingefüllter Ofen wird mit Holz angeheizt, durch den Rauch ist die Sauna innen komplett verrußt. Ist die Betriebstemperatur erreicht (60°-80°) oder das Holz heruntergebrannt, lüftet man gut durch. Dann ein Aufguss auf die heißen Ofensteine und die Sauna ist bereit.

Die nette Dame im historischen Gewand ist ein wahres Sprachgenie: Auf estnisch, polnisch und deutsch führt sie uns „ihr“ Haus vor:



So spazieren wir über das weitläufige Gelände durch die Jahrhunderte, begegnen einer Pferdekutsche, einer estnischen Schaukel (die sieht man ohnehin häufiger) und schauen mal hier und mal da hinein.




Ganz im Südosten im heutigen Grenzgebiet zu Russland siedeln die Setukesen, ein kulturell eigenständiges Volk mit finn-ugrischer Sprache und orthodoxen Glaubens. Ihre Bauernhöfe unterscheiden sich sehr von den estnischen, sie sind wie kleine Festungen. Drei parallele Gebäude (Wohnhaus, Stall, Scheune) bilden zwei Innenhöfe, nach außen hin schließen hohe Zäune und Tor das Anwesen ab.

In einem Haus erwartet uns eine Ausstellung über die Kolchosen, die nach Annexion Estlands durch die Sowjetunion die ländliche Landwirtschaft ablösten. Die Kollektivierung der Landwirtschaft machte aus freien, selbstbestimmten Bauern abhängige Feldarbeiter. Mit dem Land nahm man ihnen ihre Selbstbestimmung und ihren Stolz und alle beschönigenden Versuche, diese Ungerechtigkeit als neues Glück zu propagieren schlugen letztlich fehl.
Interessant ist das letzte und jüngste Haus, das Gebäude der Stallarbeiter der Kolchose. Vier Wohnungen gibt es zu sehen, zwei aus der Sowjetzeit, eine schicke von 2010 und eine reichlich verwahrloste mit vollen Aschenbechern, Wodkaflaschen und Wäschebergen.

Erst lachen wir uns schippelig, denn wir denken es ist der oft sarkastische estnische Humor und eine Abrechnung mit der Kollektivwirtschaft (wir erinnern uns an den stets besoffenen Traktorfahrer!), doch da liegen wir falsch. Es geht um einen Mann, dem der Übergang von der Planwirtschaft zum Kapitalismus nicht gelungen ist. In der Kolchose hatte er sichere Arbeit und sein Auskommen, Grundnahrungsmittel waren billig, für die Kinder war gesorgt. Es war ein einfaches Leben, aber ein sicheres. All das ist für ihn weggefallen.
Viele Menschen ohne Bildung und mit wenig Eigeninitiative sind durch die Wende unter die Räder gekommen, auch das darf man nicht vergessen.
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Das ist die kleine Runde von unserem Stellplatz in Saue über Keila-Joa, dem Klippenparkplatz und dem Freilichtmuseum, bis am End unser Hogo wieder an seinem alten Platz steht (71 km).



