Zwischen Mittelalter und Moderne: Tallinn

Montag, 21. bis Freitag 24. Juli 2026: All inclusive durch Tallinn bei Regen und Sonne

Du meine Güte! 4 Tage + Zuschlag in der estnischen Hauptstadt. Das sind Hunderte von Eindrücken und noch viel mehr Fotos, weil man für ein Bild im Kopf das Vielfache an Bildern mit der Kamera braucht.

Die gilt es ab jetzt zu sortieren! „Jetzt“ ist Freitag, der 24., wir nehmen uns zwei, drei Tage Auszeit auf einem herrlichen kleinen Campingplatz direkt am Ostseeufer, 70 Kilometer hinter Tallinn Richtung Nordost.

Am Montag stehen wir noch in Vanamoisa, 20 km westlich von Tallinn. Die Wetteraussichten sind bescheiden (und sollen recht behalten), aber heute geht’s noch. Wir haben uns einen Plan zurechtgelegt und der sagt: Heute mit der Bahn in die (Alt)Stadt und per Stadtführung einen Überblick verschaffen.

Das klappt im wahrsten Sinn des Wortes, denn der Balti jaam*, der Hauptbahnhof von Tallin, liegt direktemang unterhalb von Toompea, dem Domberg. Im bunten Plan ist das das kleine „Ei“ rechts unterhalb vom Wassergraben.

*Der Bahnhof ist ein Bahnhöfchen mit gerade mal 9 nicht überdachten Gleisen an 7 Bahnsteigen. Die Spurbreite ist größer als bei uns, deshalb liegt nur ein Gleis zwischen 2 Bahnsteigen und man kann oft links wie rechts einsteigen. Die Preise für den ÖPNV sind mehr als erfreulich. Wir zahlen grade mal 1,70 € p.P. für eine halbe Stunde Fahrt – als Senioren. Davon könnte sich Deutschland mal eine Scheibe abschneiden, der Nahverkehr und die Bahn werden ja immer unerschwinglicher.

Wir steigen also quasi von hinten die Treppen auf die 48 Meter hohe Kalkklippe des Dombergs hinauf und haben von hier gleich einen Überblick über die Stadtmauer zum Turm der Olafkirche bis zum Hafen (wohin wir übermorgen umziehen werden).

Dann geht es ins Getümmel: Zwischen den gefühlt 1000 Passagieren der Princess Anne geht es schnurstracks zur beliebtesten Aussichtsplattform Tallinns, dem Kohtuotsa vaateplats. Von hier kann man in das Herz der Altstadt blicken!

„Die Altstadt“ von Tallinn ist eigentlich zwei Altstädte. Der Domberg Toompea, die „Oberstadt“, und die „Unterstadt“ waren jahrhundertelang rechtlich getrennte Bezirke. Und das kam so:

Im Jahr 1219 attackierte der dänische König Waldemar die altestnische Handelssiedlung Lindanise auf dem Domberg – vorgeblich aus missionarischen Gründen, in Wahrheit wohl mehr, um sich den Handelsplatz unter den Nagel zu reißen. Mit 1.500 Langbooten rauschte er über die Ostsee heran und schlug die Esten in der Schlacht von Lyndanisse, bei der angeblich der Danebrog, die dänische Flagge, vom Himmel fiel und dem bedrängten dänischen Heer neue Kraft und Hoffnung verschaffte. Ob es nun stimmt oder nicht, der Danebrog 🇩🇰 ist die älteste heute noch in Gebrauch befindliche Staatsflagge.

Die Dänen bauten eine neue, größere Burg und eine Kirche auf dem Hügel und gründeten nach einigem Geplänkel mit dem Deutschen Orden und dem Papst an dessen Fuß (dem des Hügels, nicht den vom Papst 🤭) die Stadt Reval, wie Tallinn* bis 1918 offiziell hieß. * Der estnische Name Tallinn wird von taani linna abgeleitet, das bedeutet dänische Stadt oder dänische Burg.

Im Zuge des „Geplänkels“ ließ im Jahr 1230 der deutsche Schwertbrüderorden 200 westfälische und niedersächsische Kaufleute unterhalb der Burg ansiedeln, das ist der Beginn der Stadt Reval als Handelsstadt. Wie in den anderen Gegenden des Baltikums, so bestimmte auch hier die deutsche Oberschicht die Geschicke der Stadt bis ins 20. Jahrhundert. Amtssprache in Tallinn war bis 1889 Deutsch.

Lübecker Kodex im Rathaus

Vom dänischen König erhielt Reval 1248 das lübische Stadtrecht, das war damals state of the art im Ostseeraum. Ratsherren wachten über die Privilegien der Stadt. Man baute ein Rathaus, das ständig vergrößert werden musste, bis es 1404 in seiner jetzigen Form fertig war.

Die Stadt war strikt geteilt: Auf dem Domberg lebten Adelige und Geistliche nach dem Kirchen- und Adelrecht, in der Unterstadt die Handwerker und Kaufleute nach dem Stadtrecht. Ende des 13. Jahrhunderts begann man mit dem Bau der Stadtmauer, die Reval zu einer der am stärksten befestigten Städte im gesamten Ostseeraum machte.

Sie prosperierte vor allem wegen ihrer Zugehörigkeit zur Hanse als Knotenpunkt des hansischen Ostseehandels. Schwer beladene Hansekoggen brachten Stoffe, Gewürze und Salz aus dem Westen, Holz, Felle und Bienenwachs kamen aus dem Osten. Aufgrund des Stapelrechts mussten alle Kaufleute für drei bis acht Tage ihre Waren anderen Händlern anbieten – B2B würde man heute sagen. Das verteuerte die Waren und machte die Städte reich, es funktionierte eigentlich nur, weil es alle machten. Erst im 19. Jahrhundert wurde diese Praxis durch den Freihandel abgelöst.

1346 hatte der dänische König den ewigen Streit mit seinen aufsässigen estnischen Untertanen leid und verkaufte Nord-Estland samt Reval an den Deutschen Orden.

1524 wurde Reval protestantisch, und das war der Anfang vom Ende der Zugehörigkeit zum (katholischen) Ordensstaat. 1561 ging Reval in schwedischen Besitz über und die folgenden 150 Jahre waren nicht gerade die besten: Kriege mit Russland, die Pest und ein verheerender Großbrand in der Oberstadt (1684) taten ihr Übriges. Nach einer weiteren Pestepidemie 1710 hatte Reval nur noch 2000 Einwohner.

Der große Nordische Krieg 1700-1721 um die Vorherrschaft im Ostseeraum (Russland + Polen-Litauen + Dänemark gegen Schweden) brachte Lettland und Estland unter russische Herrschaft, für Reval bedeutete das neuen Aufschwung. Russland hat ja nicht viel Küste, da kamen weitere Ostseehäfen politisch wie wirtschaftlich gelegen. Der Hafen wurde ausgebaut und Zar Peter der Große setzte auf die alteingesessenen Seilschaften des deutsch-baltischen Adels, die ihre angestammten Privilegien zurückerhielten bzw. behielten.

Das änderte sich um 1900 unter den Zaren Alexander III. und Nikolaus II., die die Russifizierung der „Ostseegouvernments“ vorantrieben. In Reval fand das seinen – zugegebenermaßen prächtigen – Ausdruck im Bau der Alexander Newski*-Kathedrale auf dem Domberg. * russischer Nationalheld und Heiliger

Mit dem Ende des 1. Weltkriegs befreite sich Estland erstmals von jahrhunderterlanger Fremdherrschaft und gab seiner Hauptstadt ihren estnischen Namen zurück:

Den Rest kriegen wir später.

Nach so viel Geschichtsstunde wird es Zeit, den Spaziergang auf dem Domberg fortzusetzen.

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Er ist das politische „Herz“ Estlands, hier oben tagt im Schloss der Riigikogu, das Parlament. Seine 101 Mitglieder werden alle 4 Jahre gewählt. Auch die Regierung (zurzeit eine Mitte-rechts-Regierung) hat ihren Sitz auf dem Domberg, es ist das Haus, dass wir als erstes von unten gesehen haben, das Stenbock-Haus. Ministerien und viele Botschaften sind ebenfalls auf Toompea zu finden. Die Gebäude auf dem Domberg stammen allesamt aus der Zeit nach 1684, als ein verheerender Stadtbrand die mittelalterliche Bebauung zum großen Teil vernichtet hat.

Vom Schloss blieb die westliche Mauer mit dem Wehrturm, dem langen Herrmann stehen. Auf ihm wird jeden Morgen um 7 Uhr die estnische Flagge gehisst. Der rosafarbene barocke Hauptbau geht auf Katharina die Große zurück (um 1770).

Der lange Herrmann
ist Teil der Schlossanlage

Der Hingucker auf dem Domberg ist die Alexander-Newski-Kathedrale, eröffnet im Jahr 1900 als Zeichen von russischem Glanz und Gloria. Deshalb überlegte man nach der Unabhängigkeit 1920 sogar, sie abzureißen. Das hat heute zwar niemand mehr vor, doch sie wird immer noch mit gemischten Gefühlen betrachtet. Das Parlament fordert die Loslösung vom Moskauer Patriarchat, dem die Kirche unterstellt ist. Pikanterweise tagt das Parlament im Schloss genau gegenüber der Kathedrale.

Wir verlassen den Domberg und gehen hinunter zum Platz der Freiheit mit dem großen Denkmal der estnischen Unabhängigkeit, genauer gesagt, des Sieges im Unabhängigkeitskrieg 1918-1920.

Auf seinem (ersten) Weg in die Unabhängigkeit nutzte Estland die politischen Wirren nach der Februar- und Oktoberrevolution 1917 (Sturz des Zarenreichs, Etablierung einer kommunistischen Regierung unter Lenin) und das Kriegsgeschehen Anfang 1918 aus:
Als sich die russischen Truppen vor der heranrückenden deutschen Armee zurückgezogen hatten, verlies ein „Rettungskomittee“ am 23. Februar 1918 in Pärnu das Manifest an alle Völker Estlands, die Unabhängigkeitserklärung, mit der de facto die Republik Estland ausgerufen wurde. Tags drauf bildete Konstatin Päts in Tallinn eine provisorische Regierung.
Das Glück währte nicht lange, denn bereits einen Tag später marschierten deutsche Truppen in Tallinn ein, inhaftierten Päts und übernahmen de facto die Macht im Land. Die estnische Regierung musste im Untergrund arbeiten.
Mit der Niederlage im 1. WK im November 1918 wendete sich das Blatt: das deutsche Militär zog sich zurück, die estnische Regierung nahm ihre Arbeit auf.
Das gefiel nun wiederum den Sowjets nicht, sie wollten nach dem Abzug der deutschen Truppen das Baltikum zurückerobern. Die Rote Armee marschierte Ende November 1918 ein und besetzte innerhalb weniger Wochen fast die Hälfte des estnischen Staatsgebiets.
Doch Estland gelang eine eine rasche Mobilisierung und Gegenoffensive. Mit Unterstützung Großbritanniens und Finnlands wurden die bolschewistischen Truppen zurückgedrängt.
Am 2. Februar 1920 wurde der Friedensvertrag von Tartu unterzeichnet, mit dem Sowjetrussland die Unabhängigkeit Estlands anerkannte.
„Auf alle Zeiten“, so steht es im Friedensvertrag.

Davon wollte bereits keine 20 Jahre später niemand mehr etwas wissen, als Hitler und Stalin mit ihrem unseligen Pakt Osteuropa unter sich aufteilten. Erst recht nicht als die Sowjetunion 1940 einmarschierte und die baltischen Staaten in die Sowjetunion eingliederte. Nach 3 Jahren deutscher Besatzung kehrte die Rote Armee 1944 zurück, Estland (dito Lettland und Litauen) war bis 1991 ein von der Sowjetunion widerrechtlich und gegen den Willen der Bevölkerung besetztes Land. Schätzungsweise 35.000 Menschen wurden im Zuge sowjetischer Repressions- und „Säuberungs“wellen nach Sibirien deportiert, fast 5 % der Bevölkerung.

Das Denkmal stammt – man glaubt es kaum – aus dem Jahr 2009! Und es gefällt nicht jedem, mit seiner doch martialisch anmutenden Optik, angeblich hätten der Erzischof und der Verteidigungsminister die Jury dominiert. Nun ist es aber halt mal da, wird nachts von innen beleuchtet und mehrmals im Jahr geputzt – das böhmische Glas verdreckt schnell.

Wir treffen dort unsere Stadtführerin Liina, eine echte Ureinwohnerin Tallinns, die uns mit viel Engagement und vielen persönlichen Ansichten ihre Stadt zeigt. Sie erzählt viel von ihrer Jugend unter dem Sowjetregime, vom Opa, der als Staatsfeind nach Sibirien deportiert wurde – dabei war er nur ein kleiner Bahnbeamter, auch die Mutter war in Lagerhaft. Man wurde von der Obrigkeit drangsaliert, aber immerhin nicht von seinen Nachbarn ausspioniert, Stasi-Methoden gab es in Estland nicht.

Statt zu vieler Worte, hier die Bilder des Spaziergangs, am Anfang sind noch welche vom Domberg dabei:

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Drei Bilder zeigen deutlich wie Estland zu Russland und Putin steht: Die russische Botschaft – das einzige Gebäude Tallins, das von der Polizei bewacht wird – ist mit einem Bauzaun abgesperrt, der zur politischen Leinwand wird. Und ein Restaurant nebenan am Rathausplatz macht zweisprachig klar, wohin man sich Putun wünscht.

Da wundert es nicht, dass ein Gebäude wie das Sõprus-Kino aus der Stalin-Ära nicht bei allen beliebt ist. Liina meint, es ist nur ein Gebäude und auch ein Stück Erinnerungskultur. Auch das Hochhaus zwischen den Stadttürmen ist ein sowjetisches Relikt: Es war das Intourist-Hotel der Stadt, 22 Stockwerke mit verwanzten Zimmern für ausgesuchte Gäste und obendrauf die KGB-Abhörzentrale. Wie im Hotel Latvia in Riga.

Interessant sind auch die beiden Wege in die Oberstadt, der kurze und der lange Domweg: Der kurze, steile konnte nur von Fußgängern genutzt werden, Fuhrwerke nahmen den langen Weg. Die Reiseführer machen daraus den „Kurzbein“ und „Langbein“-Weg. Beide Wege in die Oberstadt waren durch bewachte Tore geschützt.

Wir sind nach zweieinhalb Stunden Stadtführung und vielen, vielen Schritten reichlich platt und schnappen uns den nächsten Zug zurück zum Stellplatzin Saue/Vanamoisa. Da sind wir froh, dass wir nicht noch den Kilometer vom Bahnhof zum Platz laufen müssen, wir sind nämlich mit den Fahrrädern zum Bahnhof geradelt.

Der Dienstag begrüßt uns mit scheußlichem Schmuddelwetter, das uns den ganzen Tag begleiten wird. Aber wir sind darauf vorbereitet und haben einen indoor-Tag geplant.

Wir kaufen uns außerdem eine Tallinn-Card für 72 Stunden, die ist nicht ganz billig mit 76 Euro pro Nase, aber da ist wirklich jeder Eintritt für umme und es sollte sich rechnen, auch mit Seniorenrabatt . Wir wollen nicht abwägen, ob es sich „lohnt“ irgendwo reinzugehen, sondern einfach machen und ausprobieren.

Wir beginnen mit einer kleinen Irrfahrt per Bus 🤭 zum Meeresmuseum im Seaplane Harbour.

Schon das Gebäude, ein ehemalige Hangar für Wasserflugzeuge, ist ein wahrer Hingucker. Es stammt aus der Zeit um den 1. WK und ist ein wahres Meisterwerk der Ingenieurskunst. Drei komplett freitragende Kuppeln überspannen die 150 x 35 Meter große Halle, der Beton ist oben nur noch 5 cm dick.

Innen erwartet uns eine Ausstellung von Wasserfahrzeugen aller Art und als Star das U-Boot Lembit, Baujahr 1937, das einzige noch fahrtüchtige U-Boot aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg. Es war noch bis 1976 in Dienst, wurde von den Russen 1994 an Estland zurückgegeben und 2011 aus dem Wasser gehievt und in dieses Museum verbracht. Man kann es von innen besichtigen, Eingang und Ausgang durch die Torpedo-Ladeluke, wie technisch vorgesehen. Das dauert und entsprechend lang ist die Warteschlange. Wir verzichten drauf und erinnern uns an U 434 im Hamburger Hafen!

Die Ausstellung zeigt handverlesene Unikate an Booten aller Art, schnittige Eissegler, Segelyachten und Boote, die Geschichte geschrieben haben. So die V-Kindlus, ein winziges 4 Meter langes Plastikschiffchen mit 6 PS Außenborder, mit dem Vater und Sohn Andres und Heiki Hanso 2007 von England bis nach Estland getuckert sind. 3.100 Kilometer. Weil sie es konnten!

Auch Heikis Bruder Hannes hat das Abenteurer-Gen vom Vater geerbt, er fuhr zusammen mit einem Freund im Winter 2024/25 von den kanarischen Inseln nach Barbados, 5.000 Kilometer in 59 Tagen. Das Boot, die Kena Reina … ist ein Ruderboot.

Dann geht es raus zum Kai, wo eine weitere Attraktion vertäut ist, die Suur Töll, ein Eisbrecher, 1914 auf der Vulcan-Werft in Stettin für die Zaren-Flotte gebaut, ab 1920 in estnischen Diensten.

Von Emoscopes – Eigenes Werk, created using XaraXtreme, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=478958

In den tiefen Eingeweiden des Schiffsrumpfs liefern drei Maschinen 5.800 PS, es sind sogenannte Dreifach-Expansions-Dampfmaschinen, die den Dampf in drei Stufen verdichten. Ergo gibt es auch riesige Dampfkessel, 6 an der Zahl, die mit Kohle, später mit Schweröl befeuert wurden.

In Natura sieht das so aus:
Steil treppab, drei Stockwerke runter in den Schiffsrumpf. Und dann von vorne nach hinten und wieder zurück.

Wir sind schwer beeindruckt! Danach geht es durch die Quartiere von Mannschaft und Offizieren. Man sieht ihnen an, dass im Kommunismus alle Menschen gleich sind, aber manche sind gleicher als andere. Bei den Offizieren gibt es zudem eine strenge Hierarchie vom Kapitän, 1. bis zum 4. Grad. Und einen KGB-Offizier. Der hat auch ein hübsches Zimmer.

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Den Rest der Schiffe sparen wir uns und gehen wenige Hundert Meter weiter zum Spielen in die Proto-Entdeckungsfabrik. Hier werden wir von einem bunten Sammelsurium und einem riesigen Heißluftballon begrüßt.

Neben vielen physikalisch-technischen Spielen gibt es 10 interaktive Stationen mit VR-Brillen: Man steuert einen Heißluftballon, reist zum Mittelpunkt der Erde, lenkt eine Kutsche durch die Stadt oder fliegt wie ein Vogel durch die Luft. Das macht einen Heidenspaß! Zudem bin ich wirklich erstaunt, wie gut und selbstverständlich selbst kleine Kinder von 5 oder 6 Jahren das hinkriegen. Digital natives! Ich hingegen bin da schnell überfordert 😵‍💫.

Volker hingegen stellt sich der schwersten Aufgabe und schwingt sich auf ein Fluggerät, das der Werkstatt von Leonardo da Vinci entsprungen zu sein scheint. Das macht er richtig gut!

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Dann heißt es wieder Bus fahren, es geht ins hippe Viertel Telliskivi. Bis 2009 war das eine öde Industriebrache, dann übernahmen kreative Köpfe die Lagerhallen und Fabrikgebäude und machten was draus: Galerien, Läden, Bars, Cafés, viel Street Art.

Unser Ziel ist aber zunächst der estnische Ableger des renommierten schwedischen Fotografiemuseums Fotografiska. Andere Zweigstellen findet man in Berlin, New York oder Shanghai!

Eine großartige Ausstellung mit Bildern, die unter die Haut gehen. Wie dieses hier von den friedlichen Protesten 2020 in Belarus. Kein gestelltes Foto, wohlgemerkt.

Es gibt auch Unpolitisches, Mick Jagger fotografiert von Bryan Adams zum Beispiel, oder schöne Frauen in farbenfrohem Setting.

Unser beider Favorit ist das absolut herzzerreißende Foto des weinenden Mädchens – man bringt es kaum über sich, es abzufotografieren. Ich will auch nicht wissen, wie es entstanden ist 😭. Die Künstlerin, Jill Greenberg, hat sich auf Bären, Affen und … weinende Kinder spezialisiert. Tja, man muss sich wohl seinen USP schaffen.

Wir futtern einen leckeren Burger bzw. Bratwurst im BBQ-Tempel Sixty One und nehmen dann fix den Zug nach Hause – weit zum Bahnhof isses ja von hier nicht!

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Am Mittwoch ziehen wir zuerst mal um nach Tallinn downtown. Auf Dauer wird es doch lästig mit dem Zug in die Stadt zu fahren und auf dem Stellplatz 32 Euro für’s Parken zu berappen. Da kommt der Parkplatz am Hafen in Tallinn mit 6 Euro/24h deutlich billiger.

Auch hier alles modern und schick! Die Admirals-Brücke schwenkt gerade auf, um zwei Boote in die Marina zu lassen.

Das Wetter hat sich über Nacht auch berappelt und bei feinstem Sommersonnenschein und frischen 19 Grad geht es mit den Rädern los zum zweiten Kunst-Tag. Sag einer wir sind Banausen! Vorbei am Kreuzfahrt-Terminal geht es Richtung Kadriorg-Park im Osten der Stadt.

Unterwegs bin ich mal wieder schier entzückt ob der wundervollen Holzhäuser. Man kann sich kaum vorstellen, dass das Ende der Sowjetära alles heruntergekommen und verwahrlost war und was die Esten in 35 Jahren aus der Stadt Tallinn und dem ganzen Land gemacht haben! Bewundernswert!

Nicht minder entzückend ist das Schloss Katharinental (estnisch: Kadrioru loss), das Peter der Große 1718 bis 1725 als Geschenk für seine Gattin Katharina erbauen ließ. Ein Gartenhäuschen sozusagen.

Es erinnert mich etwas an das Biebricher Schloss (etwa gleiche Bauzeit, 1734), Barock halt. Statt Landschaftspark gibt es hier einen farbenprächtigen barocken Garten, piccobello gepflegt, als hätte jemand in der Früh alle verwelkten Blüten abgezupft und die Rasenkanten nachgeschnitten.

Das Schloss beherbergt ebenfalls ein Kunstmuseum, wir haben uns aber für das KuMu, „das größte und modernste Kunstmuseum in den baltischen Staaten und eines der größten in Nordeuropa“ (Wikipedia) entschieden.

Schon das Gebäude ist spektakulär! Von außen, innen, vorne und hinten!

Und das gilt nicht minder für die Ausstellung. Neben Gemälden und Skulpturen aus 3 Jahrhunderten gibt es moderne Installationen, zum Beispiel Neural Nectar von Timo Toots. Er macht sich Gedanken darüber, dass wir Menschen seit 5.000 Jahren Bienen gezüchtet und ausgebeutet haben, wobei die Bienen dabei nicht schlecht weggekommen sind. Nun vertauscht er die Rollen, im Zeitalter Künstlicher Intelligenz sind wir die Bienen. Ob wir so gut wegkommen wie diese?
Bemerkenswert: Das Werk stammt aus dem Jahr 1982.

Rechts gestaltet der 3D-Drucker die „Gehirne“ um.
August Weizenberg, Dawn und Dusk (1890). Dem Herrn W. sind wir bereits häufiger begegnet.

Draußen werden wir von einer Parade aus Puppenköpfen verabschiedet, bevor es weiter geht zum PoCo, dem Museum für Pop- und Contemporary Art.

Das schlägt ja mal dem Fass den Boden aus, wie ich finde. Auf zwei ziemlich vollgestopften Etagen überbieten sich die Ausstellungsräume mit bunten, witzigen, provokativen und orignellen Werken. Es fängt schon im Aufzug an:

Banksy, Haring, Warhol, Lichtenberg, Koons sind Namen, die sogar wir (er)kennen, dazu viele andere mehr, die uns neu sind, deren Werke aber ebenso gut gefallen.

An Marilyns herrscht kein Mangel und an bequemen Sofas auch nicht!
Vor den psychedelischen Mustern könnte man glatt einschlafen

Ich mache es hier wie überall: Da ich keine Ahnung von Kunst habe, lasse ich die Dinge einfach auf mich wirken und warte drauf, dass mich was „anspringt“. Das funktioniert immer! Hier es das wand-große Foto eines blonden Mädchens, dass auf einem Schimmel davongaloppiert, so schnell, dass die Landschaft verschwimmt. Lauf, freies Kind, es ist die einzige Möglichkeit … steht darunter. Ich finde es einfach schön ❤️.

An einer Videoanimation blieben wir lange hängen: The puppeteers zeigt die Puppenspieler der Macht, mit ihrer eigenen Schöpfung AI, verfremdet. Die Patriarchen der Macht in Ballkleidern und Röcken, ver-rückt. Grandios!

Sam Altmann (Chat GPT), Jensen Huang (Nvidia), Jimmy Page (Google), Elon Musk, Jeff Bezos (Amazon). Es fehlen ein paar, die auch mitgetanzt haben (Zuckerberg zum Beipiel)

Und dann wieder einfache kleine Dinge, wie der eingerahmte Screenshot eines Socialmedia-Postings, über den ich immer noch lache: Genau mein Glück: 250 Millionen Jahr altes Salz, und meine Packung ist vor 2 Monaten abgelaufen.

Und dann entdecke ich, dass sich auch das PoCo für unsere Studie über Eltern und Kinder im Straßenverkehr interessiert. Allerdings ohne Angabe von Ort und Zeit – das ist natürlich sehr unwissenschaftlich. Künstler halt 🤷.

Kurzum, es ist herrlich, mein Lieblingsmuseum! Damit kann ich was anfangen. Die Botschaften sind für mein einfach gestricktes Naturwissenschaftler-Hirn besser zu verkraften, als die ach so hintergründigen Hintergründe manch anderen Kunstwerks. Hurz!

Als wir aus dem schummerigen PoCo wieder ans Tageslicht kommen, bemerken wir, in welch großartigem Quartier oder Block wir uns hier befinden: Es ist das Rotermann-Viertel, benannt nach der deutsch-baltischen Kaufmannsfamilie Rotermann, die im 19. Jahrhundert mit Baumaterialien, Mehl, Salz und Wodka gehandelt hat. Während der sowjetischen Okkupation verkam das Viertel in eine heruntergekommene Industriebrache, grade gut genug als Kulisse für einen apokalyptischen Science Fiction Thriller.

Und heute so:

Von 2002 bis 2005 entstanden die Pläne für das neue Roterman-Viertel: Historischen Fabrik- und Gewerbebauten harmonieren mit neuer Architektur. Die unteren Stockwerke sind public space, Museen, Geschäfte, Gastronomie. Keine Autos! Begegnungsraum für Menschen. Bänke, Kunst, Blumen, Spiel-Raum. So, wie eine Stadt heute aussehen soll.

Dagegen unsere Innenstädte: Schnarchnasig, langweilig, immer noch mehr für Autos als für Menschen. Keiner traut sich, mal was wirklich Neues zu wagen, oder es ist kein Geld dafür da. Siehe in Mainz Boppstraße und Langgasse, ewig Baustelle und am End ist der Gehweg etwas breiter und neu gepflastert und ansonsten ändert sich nicht viel.
Der Gerechtigkeit halber muss ich zugestehen, dass es einfacher ist, aus etwas total Kaputtem etwas Neues aufzubauen, als etwas, das halbwegs ok ist umzugestalten.

Auf der Suche nach einem Etablissement gegen Hunger geraten wir in ein pseudo-bayrisches „beerhouse“ 🙈, das Ōlletehas – wir hatten keine Lust weiter zu suchen, das (Über)-Angebot an Restorans hat uns überfordert. Immerhin gibt es dort wirklich gutes selbst gebrautes Bier. Und das Essen hat auch geschmeckt. Da hat der Schornsteinfeger doch Glück gebracht!

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Donnerstag – unser letzter Tag in Tallin. 9 Uhr 15. Die Sonne scheint, über die Frisur decken wir das Mäntelchen des Schweigens. Wir haben viel vor!

Immerhin noch ein schönes Motiv on top.

Zunächst möchten wir das Trio voll machen und uns das Bodendenkmal für den Baltischen Weg anschauen – natürlich wissen wir, wie es aussieht, aber aus Prinzip wollen davor stehen. Leibhaftig!

Das ist gar nicht mal so einfach, die Angaben sind widersprüchlich und es ist in Tallinn auch nicht an einem exponierten Ort, wie in Vilnius und Riga.

Wir finden es schließlich oberhalb des Freiheitsplatzes in einer abgelegenen Ecke.

Pünktlich um 10 Uhr stehen wir am Eingang der Niguliste-Kirche, die wie viele Kirchen Tallinns heute Museum und Veranstaltungsort ist. Die Esten sind kein religiöses Volk, da braucht es so viele Kirchen nicht. Die Nikolai-Kirche ist die älteste Kirche Tallinns, sie datiert zurück ins 13. Jahrhundert wurde ständig um- und ausgebaut. Zuletzt erhielt sie die barocke Turmhaube. Sie teilte dann das Schicksal vieler Nikolai-Kirchen und wurde im 2. WK beim Luftangriff der Roten Armee am 9. März 1944 schwer beschädigt. Auf dem Platz um die Kirche markieren Mauern und Büsche die Standorte der zerstörten Häuser. Die Kirche selbst wurde an 1957 langsam wieder aufgebaut.

Was uns hierher bringt ist aber nicht die Kirche an sich, sondern einer der Kunstschätze, der hier ausgestellt ist: Der Totentanz  des Lübecker Künstlers Bernt Notke. Die allegorische Darstellung der Macht des Todes über das Leben der Menschen war eine ab dem späten Mittelalter gängige Darstellung: Im „danse macabre“ sind 24 Tanzpaare dargestellt, nach Rang und Stand geordnet vom Papst und Kaiser bis zu Jungfrau und Kind (Jungfrauen galten nicht viel), oft begleitet durch passende Verse.

Vom ursprünglich 30 m langen Werk von 1508/09 ist nur ein kleiner Teil, der Anfang, erhalten geblieben, doch das ist sehr beeindruckend.

Der Tallinner Totentanz von Bernt Notke, weil es so sehr spiegelt mit Kopie aus Wikipedia

Es gibt noch mehr sakrale Kunst und zwei sehr schöne Altären , doch wir interessieren uns mehr für den Aufzug zur Aussichtsplattform auf dem Kirchturm. Ein gläserner Aufzug schwebt dort hinauf – mit dem warnenden Hinweis, man solle sich ordentlich in ihm verteilen und still stehen, was mich nicht gerade zuversichtlich stimmt. Ich tue, was ich in solchen Fällen zu tun pflege: Augen zu 😑 und durch.

Oben geht es dann, und wir genießen beide den Ausblick über die Altstadt!

Next stop ist der höchste Turm der Stadtmauer, solche Türme nannte man auf Niederdeutsch „Kiek in de Kök“, weil man den Leuten von hoch oben in die Küche gucken konnte. Mit 38 m Höhe, einem Durchmesser von 17 m und 3–4 m dicken Mauern war er 1475 der größte seiner Art in Nordeuropa.
Er beherbergt das Museum der Befestigungsanlagen Tallinns, hätten wir 3-4 Stunden Zeit, wüssten wir jetzt alles darüber. So nur das Wichtigste:

  • Erbaut ab 1265 auf Geheiß der dänischen Königin Margarethe
  • 300 Jahre lang erweitert und ausgebaut
  • Am End fast 3 Kilometer Stadtmauer, 13 bis 16 Meter hoch, zwei bis drei Meter dick, über 40 Türme.
  • Heute sind noch 26 Türme und knapp 2 km Stadtmauer erhalten.

Im 17. Jahrhundert kamen unter den Schweden noch Bastionen hinzu. 11 sollten es werden, es blieb bei zweien. Die Pläne wurden wegen des nordischen Krieges nicht zu Ende geführt.

Plan der schwedischen Stadtbefestigung 1683

Mitte des 19. Jahrhunderts waren solche Befestigungsanlagen obsolet geworden und man baute sie zurück. Aus den Bastionen wurden Parkanlagen.  Zum Glück hatte man aber im Zuge der Romantik schon einen Sinn für Denkmalschutz entwickelt und hat nicht alles abgerissen.

Wir „arbeiten“ uns durch alle 5 Stockwerke des Kiek in de Kök und werden oben einmal mehr mit großartigen Aussichten über die Stadt belohnt. Vor allem die Newski-Kathedrale weiß einmal mehr zu glänzen.

Dann kommt aber der spannendste Teil des Besuchs, man kann nämlich von hier durch die unterirdischen Gänge der beiden ehemaligen Bastionen gehen.

Die Passage ist mehrere Hundert Meter lang, sehr kalt und wirklich spannend! Urprünglich dienten die Gänge der Versorgung der Festung mit Proviant, Soldaten und Munition – verborgen vor den Augen des Feindes. Als sie 1857 geschlossen wurden, rankten sich bald Legenden um die geheimen Gänge.

Im 2. Weltkrieg dienten sie als Luftschutzbunker, danach dienten sie als Lagerräume für alles mögliche inklusive Propagandamaterial der Kommunistischen Partei, in den 80er und 90er Jahren entdeckten die Punks sie als Treffpunkt und entwickelten dort ihre vom Regime verfolgte Untergrundkultur – im wahrsten Sinn des Wortes. Und nicht zuletzt boten die Tunnel und Räume wohnungslosen Menschen Unterschlupf.

Als wir wieder ans Tageslicht kommen, staunen wir nicht schlecht: Sir kommen unterhalb des Freiheitsdenkmals heraus, wo wir gestern abend noch einen Geocache gesucht (und gefunden) hatten.

In der ältesten noch in Betrieb befindlichen Apotheke Europas (seit 1422) finden wir allerlei obskure und weniger obskure Arzneien: Auf gemahlenen Igel, Fledermausblut, getrocknete Kröten und Marzipan (gegen Traurigkeit ☺️) folgten Aspirin (1900) und Novalgin (1921) von Bayer und Höchst.

Dann steht der Besuch im ältesten Rathaus Nordeuropas an. Die Grundmauern stammen aus dem Jahr 1260, mit der zunehmenden Macht Tallinns (damals: Reval) wurde es mehrmals erweitert – länger, größer, höher gebaut, bis auf die Wetterfahne auf der Turmspitze: Der Alte Thomas, der Stadtwächter, kam erst im 16. Jahrundert drauf. Auch er ist ein Wahrzeichen und Symbol Tallinns.

Gotische Gewölbe, Wandteppiche, Gemälde und Holzschnitzereien spiegeln den Wohlstand und die Ideale Tallinns während der Hansezeit wider. Die Kunstwerke im Ratssaal waren für die Ratsherren auch ein Vorbild für gerechte Rechtsprechung, denn im 13.-19. Jahrhundert war das Rathaus auch ein Gerichtsgebäude. Die Ratsherren, meist 14 an der Zahl, waren angesehene Bürger der Stadt, oft wohlhabende Kaufleute. Sie arbeiteten zeitweise in „Wechselschicht“, damit sie ihre Geschäfte nicht vernachlässigen mussten: Ein Jahr Ratsherr, ein Jahr Geschäftsmann usw. Jeder Ratsherr hatte zudem sein „Ressort“, wie man heute sagen würde. Eines der wichtigsten war das des Kämmerers, der die Stadtkasse unter sich hatte. Das ist bis heute in den Stadtverwaltungen so geblieben.

Selbstverständlich besteigen wir auch den Rathausturm, wobei ich das kein zweites Mal tun würde 😨. Die Treppe wird nach oben hin so schmal und steil das ich rückwärts wieder hinunterkrabbeln muss. Die letzten „Stufen“ sind einen halben Meter hoch! Sherpatrappas sind nix dagegen! Immerhin wird man oben beglückwünscht!

34 Meter und 115 Stufen, die es mehr und mehr in sich haben

Die obere Plattform mit der Glockenstube ist zudem so winzig, dass kaum zwei Leute darauf Platz finden. Ich erspare mir den Ausblick aus diesem luftigen Kämmerlein! Mir reichen schon die Löcher in den Zwischenböden, durch die das Seil der Feuerglocke geführt wurde, damit der Türmer nicht immer hochklettern musste. Volker hingegen ist schwindelfrei und knipst das gefühlt hundertste (und hunderteinste) Foto „Tallinn von oben 😜.

Nun haben wir uns aber echt eine Pause verdient und mehr aus Zufall denn aus Absicht suchen wir uns dafür das Restaurant Olde Hansa aus. Das ist ein echter Glücksgriff und ist fast wie eine Zeitreise ins Mittelalter!

Wir werden von jungen Menschen in historischen Kleidern begrüßt, die uns in „mittelalterlicher“ Sprache zum Tisch hofieren – man kann es nicht anders nennen. Alles ist hier „mittelalterlich“, die Speisekarte, die tönernen Bierkrüge (es gibt Ingwerbier, Kräuterbier und Honigbier!), Teller und Holzbesteck, ja selbst das Klo passt ins Ambiente.

Es gibt Leute, die finden das nicht unterhaltsam (oder zu teuer) und gehen wieder, wir sind sehr begeistert. Ja, es ist teuer, aber das Bier schmeckt, das Essen auch und so ein kulinarisches Erlebnis kriegen wir so schnell nicht wieder.

Rathausplatz

Gut gestärkt schauen wir uns im Gildehaus Tallinns Vergangenheit als Hansestadt an, probieren Marzipan im historischen Café Maiasmokk, trrinken ein Glas Wein in einem der hübschen Hinterhöfe Tallins und schauen kurz in den „Hof der Meister“ hinein.

Dann trennen sich unsere Wege: Volker steigt auf den Turm der Olai-Kirche. Ich hab noch genug vom Rathausturm, noch einen geb ich mir nicht! Statt dessen radele ich langsam durch die Lange Straße und schaue mir die Kaufmannshäuser und die „drei Schwestern“ an, eines der bekanntesten Häuserensembles Tallinns.

Angeblich ließ ein Kaufmann die drei Häuser für seine drei Töchter errichten. Das Alter ist niht eindeutig belegt, 1362 sagen die einen, 15. Jahrhundert die anderen Quellen. Jedenfalls sind bzw. waren es spätgotische Handels- und Speicherhäuser. Seit 2003 kann man hier als Gast im Fünf-Sterne-Hotel residieren. Im Gästebuch stehen bereits  Elisabeth II., der Kaiser Akihito von Japan, unser ehemaliger damalige Bundespräsident Horst Köhler und Lennart Meri, ehemaliger Staatspräsident Estlands. Und die Mitglieder der Band Metallica. Die Preise kann man sich vorstellen.

Volker hat nach 252 Stufen in der Tat einen grandiosen Rundumblick auf die Altstadt, den Übergang in die modernen Randbezirke und die wachsende Skyline, den Hafen mit Kreuzfahrtterminal und auf Toompea.

Wir treffen uns wieder für unseren allerletzten Museumsbesuch, das Maritim-Museum in der fetten Margarete, dem dicksten Kanonenturm der Stadtbefestigung an deren nördlichem Ende.

Star des Museums ist das Wrack einer Hansekogge, das 2022 bei Bauarbeiten an der Lootsi-Straße gefunden wurde. Dort befand sich im Mittelalter der Stadthafen, der durch postglaziale Landhebung und Aufschüttung heute auf dem Trockenen liegt.

Die Forschungsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen, man weiß, dass die Eichen, aus deren Holz die Kogge gebaut wurde, etwa im Jahr 1360 gefällt wurden.

Sehr viel ist von dem Schiff nicht übrig (wenn man es mal mit der Vasa vergleicht) und ich hatte mir eine Hansekogge viel größer vorgestellt. Diese hier ist nur 16 Meter lang, die größten waren um die 30 Meter.

Wir arbeiten uns nach oben durch, auf den weiteren Stockwerken sind Segel-, Dampf- und Motorschiffe als Modelle ausgestellt, Kriegsschiffe und dazu alles, was zur Seefahrt dazu gehört, Navigationsinstrumente, Leuchturmmodelle, Uniformen und Rangabzeichen und und und. Wir interessieren uns am End ganz besonders für das Panoramacafé in der 5. Etage, wo wir in der frühen Abendsonne einen Aperol Spritz genießen und ganz unverhofft sogar einen Geocache finden – ganz ohne Suchen!

Das war’s mit unserem Tallinn-Besuch. Die Tallinn-Card hat sich wirklich gelohnt, trotz Seniorenrabatt haben wir pro Nase ca. 60 Euro gespart und wir hätten uns Vieles erst gar nicht angeschaut oder immer über das Preis-Leistungsverhältnis nachgedacht. So sind wir einfach überall reinspaziert 🤩.

Von den drei baltischen Hauptstädten hat uns Tallinn am besten gefallen. Ich bin mehr so der Mittelalter-Typ, enge Gassen und einfache Häuser liegen mir mehr als Boulevards und Jugendstilvillen. Und Vilnius kann schon allein wegen der Stadtmauern mit Tallinn nicht „mithalten“. Aber solche Vergleiche sind natürlich unfair, am End ist es Geschmackssache.

In fast jede Kirche, jeden Wehrturm und jedes historische Gebäude kann man reingehen, entweder ist da drin ein Museum, ein Laden oder Gastronomie. Wir hätten hier locker noch eine Woche bleiben können, uns wäre nicht langweilig geworden.

Besonders spannend fanden wir in Tallinn das Miteinander von Mittelalter und Moderne und was aus den Ruinen und armseligen Hinterlassenschaften von zwei Kriegen und 45 Jahren Sowjetherrschaft entstanden ist: Wie Phoenix aus der Asche!

Eine großartige Stadt!

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