Montag, 27. Juli 2026: Roadtrip nach Mereoja und eine Radtour an die Glintküste
Heute erreichen wir den Wendepunkt unserer Reise, zumindest was die Nord-Süd-Ausrichtung angeht. Auch den östlichsten Punkt werden wir bald erreicht haben und dann geht es eigentlich immer Richtung Heimat.
Der nördlichste Punkt der Reise ist auch der nördlichste Punkt des estnischen Festlands, Kap Purekkari, und als solcher ordnungsgemäß bedost! Allerdings erreicht man ihn erst nach 2 Kilometern Schlaglochslalom und einem kleinen Fußmarsch.

Das geht sich zunächst auch ganz gut an, aber nach 2/3 der Strecke ist für mich leider Schluss: Land unter! Über die Steine balancieren wäre ja noch OK, aber es gibt deren nicht genug und ich will mir nicht mein einziges Paar Schuhe durchnässen*. Hätt‘ ich mal besser die Wasserschlappen angezogen 🤷.
*über das Schicksal des 2. Paars decken wir das Mäntelchen des Schweigens.

Also muss Volker das alleine erledigen!



Volker entdeckt nicht nur den Cache, sondern auch Tanni! Ob der hier oben ausgesetzt wurde oder sich schon mal auf das nächste Weihnachts-Video vorbereitet, war nicht rauszukriegen. Wir haben sicherheitshalber das Management informiert! (OK – ist ein insider).
Die Landzunge ist übersät von Granitbrocken, die wir ohnehin schon in den vergangenen Tagen immer häufiger zu Gesicht bekommen haben. Eiszeitliche Souvenirs aus Skandinavien sind das, die aus den schmelzenden Gletschern herausgepurzelt sind. Grau, rosa und gesprenkelt, in allen Größen und vom Gletscher rundgeschliffen.
Der Boden Nordestlands besteht aus Sedimentgesteinen, Kalkstein, Dolomit, auch Sandstein. Der Festlandssockel aus Granit und Gneis liegt mehrere Hundert Meter tiefer darunter.



In diesem Felsengarten wachsen nur die Hartgesottenen: Die Kartoffelrose setzt grell-pinke Tupfer, da kommt der Blutweiderich nicht gegen an. Für’s Sonnige sorgen Leinkraut (Frauenflachs), Rainfarn und gelbes Labkraut. Die Salzmiere kannte ich nicht, ihre kleinen fleischigen Blätter stehen in wunderbarer Symmetrie, wie kleine Tannenbäumchen sieht das aus. Man kann die jungen Triebe essen, soll salzig und nach Gurke schmecken, weshalb sie auch Strandgurke genannt wird.


Vor allem aber ist Kap Purekkari ein Vogelparadies: Möwen aller Art, Kormorane und – meine Lieblingsvögel – Küstenseeschwalben! Sie haben die Steine im flachen Wasser in Lee in Beschlag genommen, auf jedem Stein nur eine Schwalbe, da sind sie eigen! Landet mal eine zweite, wird sie mit lautem Gezeter verjagt.


Es ist ein stetes Kommen und Gehen, die Schwalben sind auf der Jagd. Zwei Taktiken kann man beobachten: Ganz dicht über der Wasseroberfläche fliegen und ab und an mit dem Schnabel eindippen um ein Fischlein zu schnappen oder die spektakuläre Methode Geier Sturzflug – mir nichts dir nichts aus ein paar Metern Höhe abrupt in den Sturzflug und mit angelegten Flügeln eintauchen. Kann man sich in diesem kleinen Video anschauen.



Küstenseeschwalben sind die Weltmeister unter den Zugvögeln, sie überwintern am südlichen Polarkreis, brüten bis hoch zum nördlichen. Bei einzelnen besenderten Küstenseeschwalben hat man an die 100.000 Kilometer pro Jahr gemessen (da sind dann die Jagdflüge mit drin). Unglaubliche Tiere! Ich könnte ihnen stundenlang zusehen! Geht aber nicht, auch wir müssen ein paar Kilometer zurücklegen.
Zunächst geht es zum Hafen von Vinistuu, wo wir uns die umfangreiche Kunstsammlung von Jaan Manitzki anschauen.

Manitzki wuchs im Exil in Schweden auf, war erfolgreicher Geschäftsmann (IBM, Swedbank), Manager der Band ABBA, nach Rückkehr in seine Heimat von 1992 kurze Zeit Außenminister der jungen Republik Estland. Und er ist einer der bedeutendsten Kunstmäzene Estlands.
Wir begegnen zwei Bekannten, zum einem dem Herrn Mägi, seines Zeichens Landschaftsmaler, und Jüri Arrak dem Schöpfer mythischer Wesen. Die Ausstellung ist thematisch geordnet, ist in Kategorien wie Jahreszeiten, Meer oder Idylle, bekommt Arrak einen eigenen Raum. Man kann ihn kaum in die üblichen Begriffe einsortieren.

Aber ich bleibe dabei: Ich finde seine Bilder verstörend und würde mir keines ins Haus hängen wollen. Bestenfalls in den Flur, wo man schnell dran vorbei gehen kann.


Es heißt: Molotov-Ribbentrop
Klare Botschaft, auch für einfache Gemüter
Als Deko hingegen eher ungeeignet 🤭
Und den Tiger unten links würde ich noch nicht mal in den Keller hängen, das ist ja ganz gruselig. Wahrscheinlich sehe ich das zu naiv, aber für mich ist Kunst immer noch irgendwie Deko … 🤭. Deshalb ist mein Lieblingsbild der „Apfel mit Wurm und Wurmloch“. Das Loch ist ein echtes Loch, der Wurm eine Kordel mit einem schwarzen Nupsi. Es ist mir völlig wurscht, was man da Tiefschrürfendes reininterpretiert, ich find’s einfach hübsch!
Und die Wikingerschiffe im Fjord haben uns beiden gefallen.

Nach einer kleinen Stärkung im Hafenrestaurant machen wir ein paar Kilometer weiter eine Spazierung* zum Jaani-Tooma suurkivi. Kivi = Stein + suur = groß: suurkivi= Großstein. Ein Findling. Um den zu finden hat es nicht lange gebraucht, der Ömmes ist schon arg groß, 7,5 Meter hoch. und 35 Meter im Umfang.
*war ein Tippfehler, ist aber zutreffend.

Seine Heimat ist Finnland, das kann man durch Vergleichsanalyse des Gesteins (Rapakivi) leicht herausfinden. Er reiste als blinder Passagier im Gletscher über die (heutige) Ostsee und plumpste vor ca. 13.000 Jahren aus dem schmelzenden Eis.
Ein Geocache – nein, nicht ein Geocache, der beste Geocache Estlands im Jahr 2019, verhilft uns zu einem weiteren interessanten Stop in einem Dorf namens Viru-Nigula. Durch einen wie aus dem Ei gepellten Park kommen wir zu einem kleinen Museum, das dem Erfinder des estnischen Buchstabens Ō/õ gewidmet ist.
Wie der ausgesprochen wird, hab ich nicht rausgekriegt, manchmal eher wie ein Ö, dann wieder eher wie ein O oder Ou. Ist ja auch egal. Jedenfalls war es mal wieder ein Deutschbalte, Otto Wilhelm Masing (1963-1832), der diesen Buchstaben in die estnische Schriftsprache eingeführt hat. Er war im Hauptberuf Pfarrer, da mit auch Lehrer und mit Leidenschaft Sprachwissenschaftler. Sein Ziel war die Förderung der estnischen Sprache, die Hebung des Bildungsstandes der einheimischen Bevölkerung und die Emanzipation der Esten.
Den Geocache finden wir auf der Veranda des Museums, es ist ein riesiges hölzernes Ō, aus dem eine kleine Tupperdose rausfällt, wenn man an der Tilde wackelt. Schön gemacht!

Die Ruine der Bischofsburg in der Stadt Rakvene „erledigen“ wir im Vorbeifahren und nehmen Quartier auf dem Campingplatz Mereoja, der in P4N8 enthusiastisch als bester Campingplatz des Baltikums gelobt wird. Nun, es ist alles sehr ordentlich und neu und sauber, aber das war es beim vorherigen auch und mir ist das hier zu ordentlich.
Vor allem scheint der Betreiber ein Faible für hohe Hecken zu haben, sie trennen die Stellplätze fein säuberlich voneinander ab, dass man den Nachbarn bloß nicht zu Gesicht bekommt. Und den für die vorderen Plätze angepriesenen Meerblick hat man auch nur aus dem Fahrerhaus, sitzt man draußen neben seinem WoMo, schaut man … auf die Hecke. Eine Fehlkonstruktion.
Nun ja, nichts was man mit einer Portion Pfifferlinge in Speck-Rahmsauce nicht aushalten könnte 😂.


Am Abend beginnt es dann gar scheußlich zu regnen, später zu winden, und wir sorgen uns schon um unser nächstes Tagesprogramm. Aber erstens kommt es anders und zweitens als der Wetterbericht.
Am Dienstag scheint uns nämlich die Sonne!

Während Volker joggen geht, bereite ich mit der Beute der gestrigen Beerenjagd leckere Frühstückspfannkuchen zu. Die haben hier ein Fertigmehl – Pannkogi jahu, da kippt man nur noch Wasser drauf, rührt um und fertig ist.

Gewaschen, zähnegeputzt und gefrühstückt geht es nun mit den Fahrrädern zur Glintküste. Das sei der spektakulärste Abschnitt der estnischen Ostseeküste, die Steilufer des baltischen Kliffs, das in Schweden auf der Insel Öland beginnt und bis zum Ladogasee in Russland reicht.

Aber wie das so ist mit uns, wir kommen erst einmal nicht weit. Schon nach 2 Kilometern stellt sich uns eine Badestelle „in den Weg“ – Volker hatte sie heute morgen beim Joggen entdeckt. Deshalb sind wir vorbereitet, haben die Badeklamotten dabei und bei dem herrlichen Sonnenschein auch echt Bock auf Ostsee.



Selbst die Wassertemperatur kann uns nicht abschrecken, 16° kann man gut aushalten. Das Reingehen dauert ein Weilchen (hier geht es recht flott, weil hohe Wellen), ist man erst mal drin, ist es OK.

Einen Aussichtsturm inklusive Geocache hat es auch und ein superschönes Restaurant, das wir uns schon mal für heute Abend vormerken. Alles wie aus dem Ei gepellt, mal wieder!

Die Fahrt zu unserem eigentlichen Ziel, der Küste beim Saka Kliff Hotell, über die Eurovelo 13/10, sehr gut ausgeschildert, aber nur anfangs auf Asphalt. Der geht über in Schotterweg und der dann in einen sandigen Feldweg. Zum Glück ist der Sand lehmig und gut festgefahren. Man muss nur im Slalom um die Pfützen rum.




Wir begegnen einer verlassenen Hobbitwohnung, einem ebensolchen Schloss und ominösen Schildern, die vor der chemikalienbehandelten, gesundheitsschädlichen „Landwirtschaftskultur“ warnen 😱. Was haben die bloß auf diesem Feld gemacht?
Außerdem sehen wir in der Ferne 2 große Halden und recherchieren, dass es sich um Abraumhalden der Ölschiefergewinnung handelt.
Ölschiefer ist ein Gestein mit hohem organischem Anteil, der sich anaerob zu Kerogen, einer Vorstufe von Erddöl, zersetzt hat. Er wird heute noch in dieser Region und um Narva abgebaut. Weil die Destillation und Umwandlung in z.B. Treibstoffe kompliziert und unrentabel ist, wird der Ölschiefer direkt vor Ort in einem Kraftwerk verbrannt – thermisch verwertet, nennt man das wohlklingend. Da Ölschiefer einen hohen mineralischen Anteil hat, entsteht dabei sehr viel Asche, die zu diesen riesigen Halden aufgetürmt wird.
Das Ganze ist unter Umweltaspekten äußerst fragwürdig. Aber jedes Ding hat mehr als eine Seite und die Situation ist komplex. Kann man in Kurzfassung hier nachlesen.
In Saka angekommen, nehmen wir im hübschen Restaurant des ebenso hübschen Spa Hotels einen kleinen Imbiss und machen uns dann auf die Suche nach dem angepriesenen Küsten- und Klippenwanderweg. Vom Aussichtsturm, einem ehemaligen sowjetischen Wachtturm, ist nix zu sehen, außer einer spektakulären Regenwolke, die Kurs auf uns genommen hat. Jetzt aber hurtig!


Wir entdecken eine riesige Treppe, die sich hinunter zum Strand zickzackt, sind aber enttäuscht, als wir unten ankommen: Steilküste ja, aber keine Klippen. Ein Strand, viel Driftwood bzw. umgekippte Bäume, der Wald reicht rechts und ,links von uns bis ans Ufer heran. Alles in allem sehr unspektakulär




Der Wald ist fast noch das interessanteste, ein sogenannter Steilküsten- oder Klippenwald, der mich ein wenig an die (kalten) Küsten- Regenwälder auf Vancouver Island erinnert.
Volker lässt Kilroy ausschwärmen, aber auch der kommt ohne nennenswertes Ergebnis zurück und der angepriesene Wasserfall entpuppt sich als Rinnsal.



Erwähnenswert ist allerdings ein Denkmal, mit dem wir hier nicht gerechnet hätten: Es erinnert an den Deutschen Matthias Rust, der mit einem Kleinflugzeug im Mai 1987 hier rübergeflogen und anschließend eine spektakuläre Landung auf dem Roten Platz in Moskau hinlegte. Da war er gerade mal 18!
Der „Dummejungenstreich“ hatte weitreichende politische Folgen. Welche Blamage: Ein jugendlicher Flugamateur foppt die gesamte sowjetische Abwehr und landet in der bestgeschützten Stadt der Welt fast direkt neben dem Kreml! Da mussten viele ihren Hut nehmen, der Verteidigungsminister, der Oberbefehlshaber der Luftwaffe und 300 glasnost- und perestroikafeindliche Generäle und Offiziere wurden arbeitslos. Inwieweit diese Aktion zum Zerfall der Sowjetunion und des Warschauer Paktes beitrug, lässt sich schwer sagen. Geschadet (oder geholfen 🤔) hat es jedenfalls nicht.

Wir kleppern ein Ei über Saka und die Klippen, ziehen angesichts der dräuenden Wolken unsere Regencapes über (heute sind wir für alles gerüstet!) und sausen den Weg zurück, den wir gekommen sind, dabei sorgsam darauf bedacht, keine Senioren umzunieten, die hier die Gegend unsicher machen 😂.
Im Tulivee Restaurant gehen wir fein essen, Carpaccio gibt es als Vorspeise und dann nehmen wir beide Elch* (als Frikadelle). Wo wir die Biester schon nicht zu sehen kriegen, können wir sie wenigstens essen 😤. Vielleicht ist es auch umgekehrt: Weil die die Elche killen und zu Frikadellen verarbeiten, kriegen wir keinen zu sehen 🤔.
*Elch aus Wäldern in der Nähe, steht auf der Karte!
Beim Nachtisch muss ich mir darüber aber keine Gedanken machen.

Mit diesem Bild ist dann auch der Beitrag zu Ende. Könnte ja kaum schöner sein 🤩.






