25. bis 28. August 2026: Barocke Pracht an der Grenze
Schon lange steht Görlitz auf unserer „Places-to-go“-Liste und jetzt nutzen wir die Gelegenheit der Rückreise aus dem Baltikum endlich mal für einen Besuch von Deutschlands östlichster Stadt, bevor wir am Freitag bei den Kindern und Enkeln in DD aufschlagen. Nun können wir auch endlich das „Zipfelprojekt“ starten. 4 Jahre haben wir Zeit, die entlegensten Ecken Deutschlands zu besuchen.


Görlitz liegt an der Neiße direkt an der Grenze zu Polen. Die Via Regia machte es zu einem wichtigen Handelsplatz des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Vor allem Tuche und Färberwaid wurden hier produziert und gehandelt. Bis 1635 gehörte Görlitz zu Böhmen, danach zu Sachsen, ab 1815 zum preußischen Schlesien. Eisenbahn und Industrialisierung machten Görlitz im 19. Jhdt. zu einer wichtigen Industriestadt (Textil).
Görlitz wurde nach dem Ende des 2. WK geteilt, der östliche Teil der Stadt heißt heute Zgorgelec und gehört zu Polen. Beide Stadtteile blieben im Zweiten Weltkrieg von Zerstörungen fast völlig verschont und Görlitz erfreut sich somit einer historischen Altstadt von Weltrang: Über 4.000 mittlerweile größtenteils restaurierte Gebäude bilden das größte Flächendenkmal Deutschlands! Der Umstand, dass die Altstadt als Filmkulisse sehr gefragt ist, hat Görlitz den Spitznamen Görliwood eingebracht. Die bekanntesten Filme, für die hier gedreht wurde sind The Grand Budapest Hotel, In 80 Tagen um die Welt und Inglorious Basterds.
Wer hier allerdings Fachwerk erwartet, wird enttäuscht! Das gab es (vielleicht) vor dem großen Stadtbrand von 1525. Danach wurde alles neu gebaut und bis heute prägen prächtige Bürgerhäuser aus Barock und Renaissance (und Spätgotik) das Bild der Altstadt und die Vorstädte protzen geradezu mit ihren von Gründerzeithäusern gesäumten Straßenzügen. Dagegen ist Wiesbaden ein Klacks!

Vor der Wiedervereinigung sah das alles allerdings total heruntergekommen und schäbig aus, wie uns unsere Stadtführerin anhand von Fotos eindrucksvoll demonstriert!

Finanziert wurde die Sanierung überwiegend von den privaten Hausbesitzern, unterstützt durch öffentliche Finanzierung. Allerdings kämpft Görlitz bis heute mit wirtschaftlichen Problemen (wie eigentlich jede Kommune): Einst brachte die Textilindustrie den Reichtum in die Stadt, doch damit ist spätestens seit der Wende Schluss, denn das ist heutzutage nicht mehr profitabel. Und auch der Braunkohlebergbau gehört der Vergangenheit an. Außerdem ist Görlitz überaltert – die jungen Leute wandern ab und jahrelange Werbemaßnahmen haben vor allem wohlhabende Rentner in die Stadt gebracht, die scherzhaft auch Pensionopolis genannt wird.
Aktuell versucht man dem entgegenzuwirken: Die Hochschule Görlitz/Zittau, Außenstellen der TU Dresden und der Uni Leipzig und Institute, Forschungsgruppen und Labs verschiedener Wissenschaftsorganisationen (Fraunhofer, Senckenberg, Leibniz-Institut, Deutsches Zentrum für Astrophysik u.a.) sollen dazu beitragen, Görlitz zu einem Wissenschaftsstandort von überregionaler und internationaler Bedeutung zu machen. So kommen wieder junge Leute aus Deutschland und aller Welt in die Stadt und geben ihr eine Zukunftsperspektive.

Das merkt man irgendwie auch: Görlitz kommt ziemlich frisch und weltoffen daher, nicht murrend und rückwärts gewandt.
Ansichten der Altstadt von Görlitz:
Viele Häuser der Altstadt gehörten Kaufleuten und dienten als Wohnhäuser, Lager und Verkaufsraum in einem. Die Häuser sind eher schmal aber sehr, sehr tief. Sie haben eine riesige Eingangshalle, durch die man mit dem Pferdefuhrwerk hindurch bis in den Hof und zu den weiter hinten gelegenen Lagerräumen fahren konnte. In der Halle führt eine prächtige Steintreppe hoch in die repräsentativen Ausstellungs- und Verkaufsräume, oft ist das ganze Stockwerk ein einziger Raum (das macht es heute den Vermietern schwer!) . Gewohnt wurde in den Obergeschossen.






Wir besichtigen das Haus der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften, gegründet 1779 von zwei honorigen Bürgern, dem Advokaten, Historiker und Sprachforscher Karl Gottlob Anton und dem Rittergutsbesitzer und Naturforscher Adolf Traugott von Gersdorff (und 18 weiteren Gelehrten). Sie existiert bis heute und ist eine der ältesten noch existierenden Gelehrtengesellschaften in Mitteleuropa.
Absoluter Hingucker ist die Bibliothek!

Ich hab die Herrschaften ja im Verdacht, dass sie es sich hier zusammen nett und gemütlich gemacht haben und so unter dem Deckmäntelchen der Wissenschaft ihren Ehegattinnen entrinnen konnten. Nicht nur, aber auch 🤫.
Besonders schön ist unser Besuch in der Kirche St. Peter und Paul, denn hier bekommen wir sogar ein Orgelkonzert geboten.
Die Kirche beeindruckt durch ihr prächtiges Netzgewölbe und ihren Hallencharakter: Die Seitenschiffe sind nämlich genauso hoch wie das Mittelschiff – das ergibt einen großartigen Raumeindruck, zumal die Kirche im vorderen Teil nicht bestuhlt ist. Und ordentlich Gefälle hat sie zum Chor hin, das ist auch ungewöhnlich.




Noch ungewöhnlicher ist aber die Orgel:


Der Prospekt (die sichtbare Vorderseite) besitzt 17 Sonnen aus Orgelpfeifen, die Pfeifen sind strahlenförmig um goldene Sonnengesichter angeordnet sind. Daher nennt man sie Sonnenorgel. Das Original wurde 1703 von dem italienischen Orgelbauer Eugenio Casparini erbaut.
Allerdings war die Orgel schwer zu spielen, man baute sie mehrfach um und erneuerte sie 1894 und 1928 komplett. Und dann nochmal 1997 – das ist nun das dritte Orgelwerk von der Schweizer Firma Mathis Orgelbau.
Über all die Jahre ist aber der prächtige Sonnenprospekt erhalten geblieben!

Das Konzert ist eher eine Vorführung der Orgel, bei der alle ihre Spezialeffekte vorgestellt werden – Vogelgezwitscher, der Zimbelstern (Glocken) und am Ende die schmetternden spanischen Trompeten.
Ein weiteres Museum besuchen wir, nämlich das Schlesische Museum. Das bietet uns im Übrigen auch die Gelegenheit, ein Hallenhaus von Innen zu sehen – durchaus eindrucksvoll.


Und wir kriegen endlich eine etwas genauere Vorstellung, was denn dieses Schlesien überhaupt war bzw. ist!

https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1172483
Schlesien liegt heute größtenteils in Polen, an der Grenze zu Tschechien. Der südöstliche Teil ist Oberschlesien, der nordwestlichere Niederschlesien. Mittendurch fließt die Oder.
Erst siedelten hier im frühen Mittelalter germanische und slawische Stämme, ab dem 13. Jahrhundert wanderten viele Siedler und Bergleute aus dem deutschen Raum ein. Schlesien wurde erst polnisch, dann böhmisch, dann österreichisch (1526), 1763 preußisch und ab 1871 Provinz des deutschen Kaiserreichs.
Oberschlesien wurde dank seiner Kohle- und Erz-Vorkommen eines der wichtigsten Industriezentren.
Nach dem Ersten Weltkrieg kam ein Teil Oberschlesiens zu Polen, nach dem Zweiten Weltkrieg fast der ganze Rest. Millionen Deutsche wurden vertrieben. An ihrer Stelle wurde Flüchtlinge aus Ostgebieten Polens in Schlesien angesiedelt.
Heute liegt ein klitzekleiner Teil noch in Deutschland, die niederschlesische Oberlausitz um Görlitz.

Der Museumsbesuch ist durchaus anstrengend, danach nehmen wir uns eine schöne Auszeit in einer netten Vinothek am Obermarkt, wo ein gebürtiger Hesse aus Höchst österreichische Weine ausschenkt.
Den letzten Tag verbringen wir erst in der Nikolaivorstadt, hier ist alles etwas kleinbürgerlicher, steigen dann auf den Reichenbacher Turm und beenden noch den ein oder anderen Geocache.
Am Abend gönnen wir uns ein sehr schönes Abschiedsessen im lauschigen Innenhof des feinen Restaurants Lucie Schulte. „Die neue Essklasse“ – so lautet deren witziger Wahlspruch. Das Essen ist vorzüglich, das Ambiente ebenso.

Der Knaller aber ist Volkers Dessert! Früchte und köstlichste Schokolade auf kleinen Pipetten mit Grand Marnier und Baileys.
Die Kreation nennt sich:
Gedanken und Gesichter von Schokolade und dem Teufel Alkohol

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen 😇.
Bis auf ein paar Landkarten:

Und einem Abstecher zum östlichsten Punkt Deutschlands am Weiterreisetag. Der liegt mitten in der Pampa nördlich von Görlitz. Hier begegnen wir sogar einem leibhaftigen Gänsehirten!































































